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Quintana, Porte, der Wettergott? Wer vermasselt Froome die Tour?

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Lässt Froome am Ende wieder alle hinter sich?

(Foto: picture alliance / dpa)

"Ich bin erfolgshungriger als jemals zuvor", tönt Vorjahressieger Froome vor der Tour de France. Sein Team ist wieder das stärkste. Dennoch: Ein halbes Dutzend Fahrer will ihn schlagen. Können sie es? Und was machen die Deutschen?

Vom Auftakt am Mont-Saint-Michel über den Mont Ventoux nach Paris: Die 103. Tour de France beginnt flach in der Normandie - und bietet den deutschen Sprint-Assen um den frischgebackenen deutschen Meister Andre Greipel sowie dem Rückkehrer Marcel Kittel die Chance auf den Etappensieg und das "Maillot Jaune". Am Ende der 3535 Kilometer langen Rundfahrt wird aber ein anderer jubeln - der Gesamtsieg wird in diesem Jahr nur über den Vorjahresgewinner Christopher Froome gehen.

Langweilig? Die Frankreich-Rundfahrt verspricht eine der spannendsten der vergangenen Jahre zu werden. Da wäre zum einen die Strecke, die entgegen dem Uhrzeigersinn gefahren wird, und zunächst über das Zentralmassiv und dann die Pyrenäen und Alpen führt. Mit Spanien, Andorra und der Schweiz stattet sie drei Ländern einen Besuch ab. Das Dach der Tour ist der Port d'Evalira in Andorra mit einer Höhe von 2408 Metern. Die Königsetappe führt hinauf nach Andorra-Arcalis.

Neben einem schwierigen Einzelzeitfahren und einem Bergzeitfahren warten auf Froome und seine Konkurrenten vier Bergankünfte. Vor allem der mystische Berg der Tour, der Mont Ventoux, könnte dabei zum Scharfrichter über Sieg und Niederlage werden. Über Triumph und Scheitern.

Ein Ex-Edelhelfer als Stolperfalle?

Neben der Strecke sind es aber vor allem ein halbes Dutzend ambitionierter Herausforderer, die dem in Kenia geborenen Briten Froome die Tour vermasseln wollen. Mit dem Vorjahreszweiten Nairo Quintana aus Kolumbien, den Altstars Alberto Contador und Vincenzo Nibali sowie dem Newcomer Fabio Aru aus Italien ist das berühmteste Radrennen der Welt von den Namen her so gut besetzt wie schon lange nicht mehr.

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Leader of the BMC-Pack: Richie Porte (l.).

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Zudem fährt der bisherige Edelhelfer Froomes, Richie Porte aus Australien, diesmal nicht im markanten schwarzen Trikot der Sky-Mannschaft. Porte führt selbst ein Team an - als Teil einer Doppelspitze des amerikanischen BMC-Rennstalls. Der hat gute Erfahrung mit australischen Radprofis, denn 2011 gelang Cadel Evans der Tour-Sieg. Der einzige bisher für BMC.

Bei der Dauphine, für viele Radprofis die perfekte Vorbereitung auf die Tour, gewann zwar Froome. Porte stellte aber seine guten Beine unter Beweis: Der 31-Jährige konnte dem gleichaltrigen Briten in den Alpen problemlos folgen.

Hoffen auf Schnee

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Tejay van Garderen: Schneit es, dürfte es ihn freuen.

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Porte muss sich die BMC-Führung zunächst aber mit dem Amerikaner Tejay van Garderen teilen. Der 27-Jährige war in den vergangenen Jahren der Leader of the BMC-Pack, konnte die Erwartungen aber nie wirklich erfüllen. 2012 und 2014 wurde van Garderen immerhin jeweils Fünfter.

Auch van Garderens Form stimmt. Er gewann etwa die Königsetappe der Tour de Suisse auf 2690 Meter Höhe - und im Schneegestöber. Dieses Wetter kommt ihm entgegen, Froome nicht. Der mag es - wie Jan Ullrich einst - eher sonnig warm bis heiß. Der Unwetter-Sommer 2016 könnte van Garderen also in die Karten spielen.

Jugend forscht

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Nairo Quintana will Froome wieder attackieren.

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Neben Porte die besten Chancen hat aber der 26 Jahre alte Quintana. 72 Sekunden betrug sein Rückstand auf Froome bei der Tour 2015. Sein Movistar-Team ist komplett auf ihn abgestimmt. Die Stärken des kolumbianischen Bergflohs liegen im Hochgebirge, im Einzelzeitfahren könnte Froome ihm den Schneid abkaufen.

Quintanas Erfolgsbilanz passt: Er gewann bisher die Katalonien-Rundfahrt, die Tour de Romandie und die Route du Sud. In den Beinen hat er zudem ein spezielles Höhentrainingslager in Kolumbien. Sein Heimatort Coombita liegt auf 2750 Meter über Null und damit deutlich über dem diesjährigen Dach der Tour.

Der zahnlose "Hai von Messina"

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Giro-Sieger 2016: Vincenzo Nibali.

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Einen weiteren aussichtsreichen Jungspund schickt das Team Astana ins Rennen, den Italiener Aru. Der 25-Jährige feiert seine Tour-Premiere - und das gleich in der Kapitänsrolle. Er kommt mit der Empfehlung des Vuelta-Siegs 2015 und dem Gewinn einer Etappe bei der diesjährigen Dauphine.

Arus Landsmann Nibali rückt bei Astana damit ins zweite Glied. Offiziell ist zwar von einer Doppelspitze die Rede, aber dem 31 Jahre alten Nibali, Tour-Sieger 2014, werden nur Außenseiterchancen eingeräumt. Arus Unbekümmertheit ist seine große Stärke, dass er dreiwöchige Rundfahrten gut übersteht, hat er bereits bewiesen. Für Nibali spricht dessen Erfahrung, gegen ihn der Giro-Sieg in diesem Jahr. Warum das so ist, davon kann Alberto Contador ein Lied singen.

Contadors dritter Streich?

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Kann Contador noch einmal angreifen?

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass das Double, also Giro-Triumph und Tour-Sieg, kein aussichtsreiches Ziel ist, musste Altstar Contador 2015 schmerzlich erfahren. Der Versuch ging nach hinten los und brach ihm in den Tour-Bergen das Genick, wo ihm die sonst für ihn typische Spritzigkeit fehlte. Daraus hat Contador gelernt und legt in diesem Jahr sein ganzes Augenmerkt auf "Le Grand Boucle".

Und siehe da: Der 33-Jährige hat seine Spritzigkeit wiedergefunden. Der Gewinner der Frankreich-Rundfahrt von 2007 und 2009, der von 2010 bis 2012 wegen Dopings gesperrt war, siegte bei der Dauphine auf einem Bergzeitfahren - gegen Froome. Allerdings fällt Contadors Mannschaft Tinkoff im Vergleich der anderen Favoriten deutlich ab. Zudem löst sie sich nach der Saison auf.

Französische Nadelstiche

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Bardet musste 2015 das Bergtrikot am Ende Froome überlassen.

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Druck auf Froome und Sky in den Bergen müssen also Movistar und Astana ausüben. Auch FDJ und AG2R könnten den Briten ärgern. Für deren Topfahrer Thibault Pinot und Romain Bardet könnte es im Idealfall um einen Platz auf dem Podium in Paris gehen, mit dem Gesamtsieg haben sie aber nichts zu tun.

Zwar stand Pinot 2014 als Dritter bereits auf dem Treppchen, seine Zeitfahrkünste verhindern aber noch immer einen Angriff auf den Tour-Sieg - auch wenn er sich beim Kampf gegen die Uhr verbessert hat. Bardet, bestes Ergebnis ein sechster Platz im Gesamtklassement (2014), hat ein Auge auf das Bergtrikot.

Hochgeschwindigkeits-Deutsche

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Kittel oder Greipel: Wer gewinnt die 1. Etappe?

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Und die deutschen Profis? Fahren wieder zahlreich mit. Ein Dutzend sind auf Frankreichs Straßen unterwegs. Der jüngste ist Emanuel Buchmann (23), der älteste Marcel Sieberg (34). Seit 2013 gewannen deutsche Fahrer 19 Etappen. Das ist Rekord - und der könnte bereits auf dem ersten Teilstück ausgebaut werden.

Topsprinter Kittel schaffte das Kunststück bereits 2013 und 2014 und fuhr sich so in das "Maillot Jaune". Im Vorjahr sorgte ein langwierige Viruserkrankung für sein Tour-Aus. Kittel wechselte zudem das Team, geht nun für Etixx-Quick-Step an den Start und kann bei seinen Sprintzügen auch auf die Dienste seines Landsmanns Tony Martin zählen. Der hat das Einzelzeitfahren fest im Blick und will es gewinnen. Da aber auch die Olympischen Sommerspiele in Rio vor der Tür stehen, kann es durchaus sein, dass Martin vorzeitig aussteigt.

Neben Kittel will Greipel auf der ersten Etappe ins Gelbe Trikot sprinten. Der 33-Jährige, der bisher auf zehn Triumphe bei Tour-Etappen kommt, könnte in diesem Jahr an Erik Zabel vorbeiziehen, der 12 Etappensiege in seinem Palmarès stehen hat. Bei Kittel sind es acht.

Rückkehr mit Etappensieg?

Wissen will es auch wieder John Degenkolb und seinen ersten Etappensieg bei einer Frankreich-Rundfahrt feiern. Die Folgen seines Trainingsunfalls vom Jahresbeginn sind physisch überwunden und auch psychisch macht er einen starken Eindruck, wie beim deutschen Eintagesrennen "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" zu sehen war. Der Klassikerspezialist wird sein Augenmerk auf die sogenannten Überführungsetappen legen, Teilstücke, die für die Top-Sprinter zu schwer sind. Und natürlich auf die letzte Etappe mit der Ankunft auf dem Champs-Élysées.

Dort will auch Froome wieder am Ende ganz oben stehen. "Ich bin erfolgshungriger als jemals zuvor", tönt er. Das stärkste Team kommt noch hinzu. Einen Haken hat das Ganze aber doch: Nach der Ära Lance Armstrong ist es bisher keinem Tour-Sieger gelungen, seinen Triumph zu wiederholen.

Quelle: ntv.de

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