Fußball-EM

Dänemark schreibt EM-Märchen Aus dem Schock erwächst furiose Ekstase

Dänemark sorgt für das Märchen dieser Fußball-EM. Aufgerappelt nach dem Schock um den Kollaps von Spielmacher Christian Eriksen. Ankämpfend gegen das drohende Aus. Siegend, jubelnd, ungläubig staunend über die eigene Leistung. Auch ohne Titel jetzt schon ein großer Gewinner.

Für einen kurzen Moment gab es an diesem sehr emotionalen Montagabend im Stadion von Kopenhagen eine große emotionale Diskrepanz. Auf der Tribüne eskalierte der Großteil der 25.000 Zuschauer, feierte den Einzug Dänemarks in das Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft. Auf dem Platz aber war es still. Die Mannschaft um Trainer Kasper Hjulmand war zu einem Kreis zusammengekommen, ein Betreuer hielt sein Handy in die Mitte. Was darauf zu sehen war, fing eine TV-Kamera ein: ein Liveticker. Der des Parallelspiels zwischen Belgien und Finnland. Es stand 2:0, Dänemark wäre damit in der K.-o.-Runde, doch zu früh feiern gehört spätestens seit den vier Minuten und 38 Sekunden des FC Schalke 04 zu den Dingen, die tunlichst vermieden werden sollten. Der Schmerz wäre umso größer.

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Der Moment des Abpfiffs im Parallelspiel.

(Foto: dpa)

Doch dann entlud sich auch die Anspannung des dänischen Teams. Hüpfen, Umarmungen, eine Euphoriewelle mit den Fans. Der Liveticker stellte um auf Endstand. Das Stadion wollte so schnell niemand verlassen, der die Farben Dänemarks trug. "Wenn es jemand verdient hat, dann sind es diese Spieler", sagte Trainer Hjulmand: "Ich kann nicht verstehen, wie sie das schafften konnten, nach dem was sie durchgemacht haben. Wir sind jetzt seit vier Wochen zusammen und es ist verrückt, was die Spieler durchgemacht haben, also großes, großes Lob und Glückwunsch an die Jungs."

Neun Tage nach dem Schock

Es war das überragende, vorläufige Ende einer Achterbahnfahrt, die Dänemark in den vergangenen zehn Tagen durchgemacht hatte. Drei Punkte im letzten Vorrundenspiel, ein Sieg, reichen zum sicheren Weiterkommen, zu Platz zwei in der Gruppe. Nach dem Kollaps von Christian Eriksen auf dem Platz beim ersten Spiel. Nach seinem Beinahe-Tod, nach seiner Wiederbelebung auf dem Platz, nach den bangen Minuten mit geschockten Mitspielern, Fans und Millionen TV-Zuschauern. Es war der vorläufige Höhepunkt, den die UEFA schon fast verbockt hatte. Weil sie Dänemark unter zweifelhaften Umständen ihre unterbrochene Partie weiterspielen ließ, obwohl mehrere Akteure hinterher sagten, sie seien nicht dazu fähig gewesen.

Das knapp zwei Stunden unterbrochene Spiel gegen Finnland ging verloren, die starke Partie gegen noch stärkere Belgier ebenso. Die Aussichten auf ein Weiterkommen waren gering vor dem Anpfiff gegen Russland. Null Punkte, nur ein eigenes Tor in 180 Minuten. Und dann war auch noch nicht nur das eigene Ergebnis entscheidend. Aber von Belgien gab es Schützenhilfe. Ausgerechnet Eriksens Freund und Teamkollege Romelu Lukaku lieferte mit seinem Treffer zum 2:0 gegen Finnland die nötige Unterstützung für Dänemark. Spät zwar, nur knapp tolerierbar für die Nerven, aber rechtzeitig.

"Großartiges Comeback"

"Christian schrieb uns sofort nach dem Spiel in unsere Whatsapp-Gruppe. Es war toll, von ihm zu hören", sagte der Verteidiger Jens Stryger Larsen. Und sogar das nun trotz Auftaktsieg als Gruppendritter vom Aus bedrohte Finnland gratulierte: "Es ist ein großartiges Comeback der Dänen. Sie haben hohe Qualität und tolle Mentalität bewiesen", sagte Nationaltrainer Markku Kanerva. Hjulmand fand bewegende Worte: "Ich hatte wirklich gehofft, dass wir heute einen magischen Abend erleben. Diese Fußballer haben sich in die Herzen der Dänen gespielt. Sie haben den Mädchen und Jungen zu Hause einige Idole gegeben. Und ich bin einfach so glücklich darüber."

Es lag natürlich nicht am Fußball-Gott, dass Dänemark sein Spiel gewann. Obwohl das manche zweifelnde Fans sicherlich wieder glauben lässt. Es war die Einstellung, die Leistung der Dänen, die den Sieg brachte. Es war unter anderem Abwehrspieler Andreas Christensen, dem beim 3:1 (78.) ein Traumtor gelang. Ein gewaltiger Strahl aus dem Rückraum, den Christensen mit dem Spann unter die Latte knallte, nachdem zuvor im Strafraum der Ball im Pingpong-Stil nicht ins Tor gegangen war.

Es gehörte zur emotionalen Achterbahnfahrt, dass es im Parallelspiel lange 0:0 stand, dann wäre Dänemark trotz des Sieges hinter Finnland geblieben. Es gehörte ebenfalls dazu, dass ein vermeintlicher Führungstreffer durch Lukaku nicht gegeben wurde - sein kleiner Zeh war im Abseits. Und es gehört ebenfalls dazu, dass Russland einen umstrittenen Elfmeter zugesprochen bekam und dadurch den Anschlusstreffer erzielte, es nach einer vermeintlich komfortablen 2:0-Führung doch wieder eng wurde für Dänemark. Bevor Christensen perfekt traf und Joakim Maehle den Endstand besorgte.

"Uns so viel Liebe gegeben"

Bis eben auf allen Plätzen abgepfiffen war. Bis sich die Spannung entlud. "Die Dänen haben uns Flügel verliehen. Sie haben uns so viel Liebe gegeben. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen", sagte Hjulmand. Der gerade einmal 20-jährige Torschütze zum 1:0, Mikkel Damsgaard, sagte: "Ich hätte mir nie erträumen können, ein Teil von etwas so Großem zu sein. Daher ist es ein tolles Gefühl. Das letzte Spiel gegen Belgien war schon das Größte, was ich je erlebt hatte. Aber dies hier schlägt diese Erfahrung noch mal."

Den kollektiven Freudentaumel wird es so bei dieser EM für Dänemark nicht mehr geben. Zwar findet noch ein Achtelfinale im Parken-Stadion von Kopenhagen statt, doch ohne dänische Beteiligung. Für das Team von Hjulmand geht es zum Achtelfinale nach Amsterdam. Dort steht das K.-o.-Duell mit Wales an (26. Juni, 18 Uhr im ntv.de-Liveticker). Kein Ding der Unmöglichkeit für Dänemark, kein scheinbar übermächtiger Gegner. Eine realistische Chance aufs erneute Weiterkommen.

Ein Spiel, nachdem Torschütze Christensen sich vielleicht an seine Worte erinnert: "Ich kann gar nicht beschreiben, wie wir uns fühlen. Wir haben aneinander geglaubt, jetzt sind wir weiter."

Quelle: ntv.de

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