Fußball-EM

England wundert sich - und singt Der rücksichtsloseste Trainer dieser EM

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Erfolgsmensch mit besonderer Herangehensweise.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die englische Nationalmannschaft steht im EM-Finale. Und das hat sie dem Plan von Trainer Gareth Southgate zu verdanken. Es ist ein Plan, der sich nicht mit Spektakel beschäftigt. Und einer, der große Namen frisst. Gegen jeden öffentlichen Druck.

Ganz so schlimm kann es um die Beliebtheit von Gareth Southgate nicht stehen. Einer der erfolgreichsten Pop-Songs der 2000er-Jahre wurde schließlich auf ihn umgedichtet. Die englische Girl-Group Atomic Kitten hat sich der Sache angenommen und Passagen ihres Mega-Hits an die aktuelle Erfolgsstory des Nationalteams angepasst. "Southgate You're The One - Football's Coming Home Again" heißt es in der Neuauflage der Single "Whole Again", mit der das Trio aus Liverpool fast überall in Europa die Charts toppte. Über Wochen und Monate.

Für Atomic Kitten ist die Gelegenheit günstig. Man muss es wohl so sagen: Es läuft nicht mehr für die Band. Ihre größten Erfolge liegen weit zurück. Nun, das ist dann auch die einzige Parallele zur Nationalmannschaft. Auch deren große Momente muss man von reichlich viel Staub befreien. Vor 55 Jahren gab es den bislang letzten Titel. Damals wurde Deutschland im legendären WM-Finale besiegt. Die Geschichte von Geoff Hursts Treffer ist bekannt, sie ist erschöpfend erzählt worden. Übrigens auch dieser Tage wieder. Nach dem Halbfinal-Sieg der Engländer gegen Dänemark, der durch einen Elfmeter zustande kam, über den sich die Experten erzählen, dass er nicht hätte gegeben werden dürfen. Jaja, große Skandale und Wembley. Man kann allerdings auch unnötig viel konstruieren.

Natürlich weiß niemand, was passiert wäre, wenn Danny Makkelie am Mittwochabend in der 102. Minute nicht auf Strafstoß entschieden hätte. Womöglich wären die völlig ausgelaugten Dänen noch ins Elfmeterschießen gewankt und hätten dort ihre Heldenreise fortgesetzt. Womöglich wären die ausgelaugten Dänen aber auch in den letzten Minuten der Verlängerung k.o. gegangen. England war fitter, England hatte mehr personelle Alternativen. Und zwar auf allerhöchstem Niveau. Diese Erkenntnis ist übrigens ein höchst sensibles Thema im Land. Denn beim Blick auf die Ersatzbank verzweifelt der eine oder andere Fan gerne mal.

Southgate glaubt an sich und sein System

Da sitzt in diesen Tagen sehr oft Jadon Sancho. Über den weiß man ja, dass er wirklich ganz fantastisch Fußball spielen kann. Bei Borussia Dortmund hat er das so oft und so beeindruckend getan, dass Manchester United nun 85 Millionen Euro für ihn überwies. Ein solcher Mann könnte auch den Three Lions gut helfen, finden viele Fans. Auch manche Experten sind der absoluten Überzeugung, dass Sancho die Mannschaft besser machen würde. Ihre Überzeugung prallt indes an einem Mann ab. An Southgate. Viele Menschen verzweifeln an dessen Ignoranz gegenüber öffentlichen Klageliedern. Man kennt das auch in Deutschland. Nur war Joachim Löw eben zuletzt damit nicht mehr erfolgreich. Nun ist es aber natürlich nicht so, dass der Coach nicht um die herausragenden Qualitäten des 21-Jährigen wüsste. Nein, er weiß, was Sancho kann. Aber Southgate weiß auch: In seinem System, in seinem Plan ist Sancho nicht der Schlüssel.

Das gilt auch für Phil Foden. Phil Foden, das wissen vielleicht nicht ganz so viele Menschen, ist der Liebling von Startrainer Josep Guardiola. Um seiner Wertschätzung Ausdruck zu verleihen, bemüht der "Pep" seinen ebenso legendären wie gefürchteten guardiola'schen Superlativ. So sagte er vor zwei Jahren: "Phil ist der talentierteste Spieler, den ich in meiner Trainerkarriere je gesehen habe." Nun muss man wissen: Guardiolas Superlativ ist kein vierblättriges Kleeblatt. Verdammt viele Spieler sind bereits in den Genuss der Schmeichel-Offensive (oder ist Attacke vielleicht das bessere Wort) der Trainer-Legende gekommen. Nicht alle wurden den Hymnen gerecht. Dante ist das Stichwort! 1000 Dantes wollte Guardiola einst haben. Er brauchte indes nicht mal einen.

Nun ist Foden kein Dante. Foden ist ein herausragendes Talent, ein Künstler, ein Virtuose. Dante war ein solider bis guter Abwehrspieler. Über Foden erzählt man sich in England ähnliche Dinge wie über Sancho. Er würde die Mannschaft der Three Lions sicher besser machen. Nun, bei der EM hat er es bislang nichts bewiesen. Ebenso wie Sancho. Sie haben indes auch nur wenig gespielt. Die große offensive Geschichte der Engländer erzählt Raheem Sterling, der nach einer schwachen Saison bei Manchester City (dort spielt auch Foden) plötzlich zum Mann des Turniers geworden ist. Gary Lineker, gleichermaßen Fußball- wie Twitter-Ikone, lobte nach dem Dänemark-Spiel gar, dass er nie eine bessere Leistung eines Spielers im englischen Trikot gesehen habe. Und er lobte auch den Trainer: "Nun, wenn ihr euch jemals gefragt habt, ob Southgate rücksichtslos genug ist, um Turniere zu gewinnen, habt ihr vielleicht gerade eure Antwort erhalten." Oder auch andere Legenden finden: Dieser Southgate trifft immer die richtigen Entscheidungen (Alan Shearer).

Beamtenfußball mit wuchtigen Ausbrüchen

Sterling als schnelle, kreative und immer gefährliche Variante auf den Außenbahnen, begleitet von Bukayo Saka, dazu Mason Mount als Spielmacher und Harry Kane als Hybrid aus zweitem Spielmacher und Strafraumstürmer, das ist die offensive Variante, der Southgate meistens vertraut. Schlecht ist das nicht. Aber dieser Kader gäbe eben noch so viel mehr her. So viel Spektakel. So viel Sancho und Foden. Aber an Spektakel ist der Trainer nicht interessiert, er hat ein Kollektiv gebaut, dass Titel gewinnen soll. Und kann. Auch gegen Italien. Dieses furiose Italien, das vorne so schnell und direkt spielt und sich in der Abwehr auf die elegante Robustheit der beiden Duell-Künstler Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini verlassen kann. Eskalierende Stabilität ist das Stichwort.

So könnte man auch Southgates Plan beschreiben. Eine andere Möglichkeit wäre: moderner Beamtenfußball mit wuchtigen Ausbrüchen. Denn tatsächlich fußt das englische Spiel auf einer beeindruckenden Resistenz gegen fast jede Form der Attacke. Die Innenverteidigung um John Stones und Harry Maguire steht brutal sicher. Vor allem im Kopfball-Duell sind die Hünen im Prinzip nicht zu überwinden. Viel Druck wird den beiden aber auch durch die leidenschaftlichen Sechsern Kalvin Phillips (der offensivere) und Declan Rice genommen. Die sind überwiegend befreit von kreativen Aufgaben, rennen Löcher zu beziehungsweise lassen sie gar nicht entstehen. Sie nehmen mit ihrem Spiel sehr viel Druck von der Abwehr. Und dann sind da noch die Außenverteidiger Kyle Walker und Luke Shaw. Extrem schnell, extrem fleißig, extrem robust im Duell. Echte Außenverteidiger eben.

Nach sechs Turnierspielen haben die Three Lions noch immer keinen Gegentreffer aus dem Spiel heraus kassiert. Torhüter Jordan Pickford wurde nur von Dänemarks Top-Talent Mikkel Damsgaard per Freistoß überwunden. Tja, wer so spielt, der taugt eben unbedingt für den Titel. Es heißt schließlich: Offense wins games but defense wins championships. Geschichte wiederholt sich, vielleicht schon am Sonntag in Wembley.

Quelle: ntv.de

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