Fußball-EM

(Noch) kein Drama in Löws Finale Dieses Ende wäre zu schrecklich gewesen

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Für Joachim Löw ist dieser Tage jedes Spiel ein Endspiel.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft quält ihre Anhänger nach dem Euphorie-Spiel gegen Portugal im Ungarn-Duell mit einem Nervenkrimi auf ganz niedrigem künstlerischen Niveau. Ihrem Trainer hätten sie damit beinahe ein unwürdiges Ende beschert.

Sechs Minuten vor Schluss war das Ende nah: 2:1 führten tapfere Ungarn gegen die deutsche Nationalmannschaft, es hätte das Aus bei dieser Europameisterschaft für das DFB-Team bedeutet. Letzter in der "Todesgruppe" F. Es wäre auch das Ende der langen Ära von Joachim Löw gewesen. 17 Jahre Nationalmannschaft, viele davon gut, vier als amtierender Weltmeister, wären im Desaster kulminiert. Die größtmögliche Katastrophe, die nach dem euphorisch besprochenen 4:2 gegen Portugal undenkbar schien. Und doch schien eben jenes Szenario das wahrscheinlichste sein, bis Leon Goretzka mit seinem Abstauberstrahl der Liebe für Erlösung sorgte und das Ende verschob.

Es war ein die meiste Zeit furchtbarer Abend aus der Sicht des DFB und aller, die es (noch) mit seiner wichtigsten Mannschaft halten. Schon ganz früh war spürbar, dass von der Euphorie aus dem Portugal-Spiel nichts auf den Platz gerettet wurde. Die Nationalmannschaft ist weiter ein fragiles Gebilde. Routinier Mats Hummels dribbelte sich schon in der 5. Minute wenige Meter vor dem eigenen Tor selbst aus, wenig später stand es 1:0 für die Ungarn und die deutsche Mannschaft war virtuell draußen. Und man merkte, wie die Verzweiflung und die Unsicherheit reinkroch. Man spürte es physisch und man sah es ihnen an. Sie waren schlechter, als sie es hätten sein dürfen, die Aktionen stückwerkig, unpräzise. Jeder, ohne Ausnahme. Überrascht von den Schwierigkeiten, in denen man früh steckte und wohl auch überrascht von den Ungarn, denen man manches zugetraut hatte, nur nicht einen frühen Treffer. "So brauchen wir gegen England gar nicht antreten", mahnte Joshua Kimmich mit Blick aufs Achtelfinale in Wembley.

Ein ungutes Gefühl wird greifbar

Über der deutschen Mannschaft kippte der Himmel alles aus, was ihm an diesem Juniabend in München zur Verfügung stand. Auf den Regenbogen, der die Auseinandersetzung mit dem Spiel dominierte, folgte der Wolkenbruch, Sturm peitschte gewaltige Wassermassen durchs Stadion und das Prasseln des Regens, das Pfeifen des Windes beides sorgte zusammen für eine gruselige Atmosphäre in der Arena. Es vermischte sich zu einem Geräusch, als würde ein D-Zug seine Runden unterm Dach drehen. Immer rum, sonor, ein Rauschen, das die deprimierende Stille, sogar das ungläubige Raunen der deutschen Fans einfach verschluckte.

Und unter der Kälte, dem peitschenden Regen und den lauter und lauter werdenden Gesängen der Ungarn, bahnte sich auch der Gedanke immer greifbarer den Weg in die Arena: Hier liegt etwas Großes in der Luft. Nichts, das sich gut anfühlt. Das Ende eines Zeitalters im deutschen Fußball. Und irgendwann verfestigte sich das Gefühl: Das ist nicht der Rahmen, nicht das Spiel und nicht die Art, wie die Ära Löw zu Ende gehen kann. Nicht implodierend im erbarmungslosen Würgegriff eines schrecklichen Spiels, in dem es doch eigentlich nur am Rande um Fußball zu gehen schien. Nein, der K.o. war doch frühestens für ein echtes Showdown-Spiel vorgesehen.

Der Nimbus der Turniermannschaft, die immer noch irgendwie alles repariert, wenn es drauf ankommt, ist spätestens seit 2018 tot. Aber ein Ausscheiden unter diesen Umständen, das war einfach nicht die Geschichte dieses Abends. Nein, das konnte nicht das Ende sein. In den Redaktionen liegen längst die sportlichen Nachrufe auf die Zeit Löws in den Schubladen, nur der Schluss ist noch offen. Niemand rechnete vorher ernsthaft damit, an diesem Abend noch einmal Hand daran anlegen zu müssen.

Der Gedanke ist nicht professionell und angesichts der ungarischen Mannschaft, die nicht nur drei Spiele lang mehr gezeigt hatte, als alle erwartet hatten und sich dazu auch noch in der Regenbogen-Debatte eindeutig positioniert, auch nicht fair. Aber so war es nun mal. Nicht hier, nicht heute, nicht im Angesicht der grimmigen ungarischen "Carpathian Brigade" auf der Tribüne, die durch rassistische Ausfälle und homophobe Geschmacklosigkeiten aufgefallen waren. Nicht Minuten nachdem der Himmel gerade wieder die Schleusen dicht gemacht hatte.

"Es ist ziemlich schwer zu verstehen ..."

Es gibt gute Gründe, sich auf die Zeit nach Joachim Löw zu freuen. Zu regelmäßig sorgt es für Verwunderung, wie weit die Nationalmannschaft von der Summe ihrer einzelnen Teile entfernt ist. "Die Mannschaft von Joachim Löw war in der Qualifikation und in der Nations League schrecklich. Sie haben ein historisches Ergebnis erzielt, indem sie zu Hause gegen Nordmazedonien verloren. Es ist ziemlich schwer zu verstehen, warum sie in den letzten Jahren so schlecht waren", analysierte Starcoach José Mourinho kürzlich bissig für die englische "Sun". Und Löw, der Weltmeistertrainer, verharrte allzu oft in einer entrückten Pose zwischen Trotz und Dünnhäutigkeit, die ihm nicht stand. Es gibt auch Entscheidungen Löws, die sein Nachfolger Hansi Flick schnell reparieren wird. Die Doppelsechs mit Toni Kroos und İlkay Gündoğan, die Dreierkette, die nicht verlässlich funktioniert - im Löwschen Repertoire gibt es ein paar fixe Ideen, die der Mannschaft manches rauben.

Die WM 2018 endete im Desaster, die Nationalmannschaft hatte schon weit vor Corona Schwierigkeiten, die Stadien zu füllen, nie war die Entfremdung der Fans von der vermeintlich wichtigsten Fußball-Mannschaft des Landes größer. Der Umbruch, den Löw nach der WM 2018 in Gang gesetzt hatte und den er mit Klauen und beinahe bis zur Realitätsflucht verteidigte, musste kassiert werden. Auch gegen die Ungarn war es keine geniale Idee oder ein glückliches Händchen von Löw, das den Totalschaden verhinderte. Eher musste man sich fragen, warum er seine Fehleinschätzung mit Leroy Sané nicht korrigierte und stattdessen zum Ende hin wahllos Angreifer um Angreifer aufs Feld warf, in der Hoffnung auf den "Lucky Punch".

Wenn am Ende kein Titel oder wenigstens eine Heldengeschichte steht, werden es zwei, drei Jahre zu viel gewesen sein, die Joachim Löw Bundestrainer war. Es wird dem deutschen Fußball guttun, wenn Löw nicht mehr Bundestrainer ist - und vor allem ihm. In den letzten Monaten, nach der Verkündung seines Abschieds mit dem letzten EM-Spiel, wirkte er wieder lockerer, befreit von den Zwängen der Zukunft, ganz bei sich und alleine im Hier und Jetzt. Und das jetzt, das war so kurz davor, von der Münchner Sintflut weggeschwemmt zu werden.

Löw dachte noch nicht ans Ende

Löw, der dem deutschen Fußball goldene Jahre gebracht hatte, war am Mittwochabend lange schon ein Mann von gestern. Es wäre kein Ende gewesen, das zur Geschichte des verdienstvollen Joachim Löw gepasst hätte. Häme und Schadenfreude, die über ihn und seine Truppe niedergegangen wären, wie die Tonnen von Wasser auf den Rasen der EM-Arena von München, es wäre ihm nicht gerecht geworden. Keine Sekunde habe er darüber nachgedacht, was das Scheitern für ihn bedeutet hätte, "wirklich nicht. Da gab es für mich anderes im Spiel. Da habe ich keine Zeit nachzudenken, was sein wird".

Und dann gönnte sich der Bundestrainer nach einem Abend, an dem er den überwiegenden Teil der 90 Minuten auf dem Weg zur Katastrophe, zur Auflösung seines Vermächtnisses war, doch noch etwas Erleichterung: "Wir haben extrem gute Moral bewiesen, wir haben Fehler gemacht, aber gefightet, wir haben eine sensationell gute Moral bewiesen. Das war nichts für schwache Nerven. Aber am Ende zählt, dass wir weiter sind."

Irgendwann hatte der D-Zug tatsächlich aufgehört, seine Runden zu drehen, der Weltuntergang war abgesagt worden. Kurz darauf traf Leon Goretzka. Deutschland durfte ein Unentschieden und das Weiterkommen bejubeln. Es tat nur niemand. Die Erleichterung gewann nur ganz kurz Oberhand über die Ernüchterung. "Deutschland ist weiter und niemand weiß, warum", ätzte die Österreichische "Krone". Vielleicht, weil die Geschichte eben anders ausgehen muss.

Quelle: ntv.de

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