Fußball-EM

Enttäuschungen und ein Held Die Einzelkritik zum DFB-Zittern

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Kein Esprit, kein Durchsetzungsvermögen, keine Ausstrahlung: Leroy Sané.

(Foto: dpa)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft liefert gegen Ungarn ein ganz schlechtes Spiel ab, an dessen Ende ein Erfolg steht. Richtig erklärbar ist das nicht. Es ist ein Spiel der nicht genutzten Chancen und einer großen Geschichte.

"So fühlt sich also das Ende an: Aus in der 'Todesgruppe' F, die Europameisterschaft 2020 geht für Deutschland im Juni 2021 früh zu Ende. Und damit ist auch die 17 Jahre währende Ära von Joachim Löw vorbei. 15 davon als Cheftrainer, vier davon als amtierender Weltmeister. Am Ende steht ein Desaster." Der Abgesang auf ein Zeitalter des deutschen Fußballs ist nach knapp 85 Minuten geschrieben. Doch es kam noch einmal anders. Weil einer ein schlimmes Spiel rettet, der überraschend spät kam. Und der zu diesem aufgeladenen Spiel passte, wie kein zweiter. Und das zeigte. Die Ära Löw ist noch nicht zu Ende, auch, wenn lange, lange alles darauf hindeutet.

Es geht am kommenden Dienstag weiter in London, gegen England. Im EM-Achtelfinale wird diese Mannschaft wieder anders aussehen. Weil sich ein Müller-Ersatz wieder rausgespielt hat und ein anderer noch einen großen Schritt wieder rein. Die Einzelkritik zu einem wirklich komplizierten Spiel.

Manuel Neuer:

Musste ausgerechnet gegen die als offensiv so bieder eingeschätzten Ungarn so viel halten, wie in keinem der anderen beiden Vorrundenspiele gegen die Edelensembles aus Portugal und Frankreich. Das hatte er seinen bisweilen konfusen Vorderleuten zu verdanken. Am Ende musste er allzu oft als Anspielstation herhalten, um den Sieg, pardon, den Punkt über die Zeit zu retten. Eigentlich ist das ja ein schlechtes Zeichen, ein Armutszeugnis. Doch im Falle Neuers, diesem brillanten Fußballspieler unter den großartigen Torhütern, ist es einfach ein Zeichen seiner Extraklasse und des Vertrauens. Man muss es fast als konstruktives Stilmittel deuten. Ungewohnt: Mitte der ersten Hälfte ließ sich sogar Neuer von der diffusen Arbeit der deutschen Mannschaft anstecken und schickte einen Ball reichlich wackelig lediglich in die ungefähre Richtung Joshua Kimmichs.

Matthias Ginter:

Starke Aktion in der 22. Minute, die beinahe zum Ausgleich geführt hätte. Hatte überhaupt nach vorne viele Räume, die er aber überhaupt nicht sinnvoll nutzte. Beim 0:1 Teil der prominenten Begleiteinheit für Adam Szalai, diesen Stürmer, der nun bei dieser Europameisterschaft genauso viele Tore erzielt hat, wie in der gesamten vergangenen Bundesligasaison für den 1. FSV Mainz 05. Eines der schwächeren Länderspiele des Mönchengladbachers. Musste zur Strafe dann auch noch in der zweiten Halbzeit als Rechtsverteidiger in der Viererkette ran, eine eher ungeliebte Position.

Mats Hummels:

Kurze Konfusion in der 5. Minute, als er sich selbst am eigenen Fünfmeterraum schwindelig spielte. Kurz darauf mit der nächsten Unsicherheit im Stellungsspiel, die der Routinier nur mit einem ganz langen Bein korrigieren konnte. Folgenschwer wurde es dann in der 11. Minute: Als Adam Szalai zum Flugkopfball abtauchte, stand Hummels als zuständiger DFB-Mitarbeiter ohne weiteren Beitrag zur Situation nur daneben. Dann aber arbeitete sich der Dortmunder rein, in der 21. Minute schädelte er eine Ecke ans Lattenkreuz, suchte mit seinen Außenristpässen den Raum hinter der Abwehr. Fand ihn aber nicht in letzter Konsequenz. Beim 1:1 setzte er um, was die Mannschaft und vor allem er sich vorgenommen hatte: Mehr aus den Standards zu machen. Seine Kopfballvorlage musste Kai Havertz nur noch irgendwie über die Linie bugsieren. Beim 1:2 dann gemeinsam mit der gesamten deutschen Mannschaft ganz billig übertölpelt. Es war das schwächste Spiel des Routiniers bei dieser EM und es wäre wichtig für die Mannschaft, wenn es das bliebe.

Antonio Rüdiger:

In der deutschen Dreierkette noch der beste. Kampfstark, gelegentlich mit mutigen Vorstößen und ohne die großen Schnitzer der Kollegen.

Joshua Kimmich:

Ein komisches Spiel lieferte der Münchner ab: Zunächst giftig, beinahe übermotiviert im persönlichen Duell mit Ungarns Fiola, fehlte es beinahe über die gesamte Spielzeit an der letzten Durchschlagskraft und Präzision. Hatte selbst die größte deutsche Torchance in der ersten Halbzeit, später, als er endlich wieder in die Zentrale rücken durfte, wurde er zur permanenten Anspielstation. Kimmich ist immer präsent, hat immer die Körpersprache, die diese Mannschaft vor allem in Abwesenheit von Thomas Müller braucht. So richtig konstruktiv war das heute allerdings auch nicht.

Robin Gosens:

Wie es sich als nationaler Hoffnungsträger lebt, das weiß Robin Gosens seit dem Portugal-Spiel, bei dem er groß aufgespielt hatte. Unterstützt durch die portugiesische Defensive, die überhaupt kein Mittel gegen die gefährlichen Läufe des Außenbahners fand. Nun weiß Gosens auch, wie es sich anfühlt, im Nationalteam völlig unterzugehen. Das war nicht ursächlich die Schuld des 26-Jährigen. Mit ihrer Fünferkette ließen die disziplinierten Ungarn nie den Platz, den er noch vor wenigen Tagen so wunderbar bespielte. In der zweiten Halbzeit rückte Gosens dann nach der Umstellung auf die Viererkette weiter zurück.

Toni Kroos:

Der Routinier, der schon das Desaster 2018 miterlebt und vor dem Spiel eindringlich vor Übermut gewarnt hatte, trug wenig zum im Gegensatz zur WM in Russland doch noch herbeigeduselten, wohlwollend gesprochen herbeigekämpften Weiterkommen bei. Zu selten gelang es ihm, das deutsche Spiel zu strukturieren und gefährlich nach vorne zu tragen. Seine Standards bleiben ein Rätsel: unpräzise, ungefährlich.

Ilkay Gündogan:

Es war wieder eines dieser Spiele, in dem man mit Ilkay Gündogan trauern musste: Um das verschenkte Potenzial, das in der DFB-Elf nicht abgerufen wird. Gündogan wirkt an der Seite von Toni Kroos immer wieder verschenkt. Mitte der ersten Hälfte spielte dieser feine Fußballer, der gegnerische Abwehrreihen mit dem letzten oder vorletzten Pass so wunderbar sezieren kann, dem gar nicht abwehrbereiten Ungarn Laszlo Kleinheisler den Ball aus kurzer Distanz unbedrängt in die Hacken. Blieb fast völlig ohne Zugriff auf die Spielorganisation. Es bleibt dabei: Die Doppelsechs aus Kroos und Gündogan ist nicht die beste Idee, die der Bundestrainer je hatte. Dafür verfolgt er sie mit großer Konsequenz. Gündogan trägt es mit und bleibt willig und immer engagiert. Das ist ein Zeugnis, das für einen solchen Spieler viel zu schlecht ausfällt. "Willig und engagiert", klingt traurig.

Kai Havertz:

Dieser Mann ist ein Phänomen: Wieder (noch) weit davon entfernt, seine ganze Klasse auf den Platz zu bringen, wieder nicht konsequent ins Kombinationsspiel eingebunden - und wieder mit einem Treffer, der ihn offenbar so unglücklich machte, dass man im Stadion den Eindruck haben musste, der Schiedsrichter hätte die Aktion längst mit einem nur für den Ex-Leverkusener hörbaren Ton abgepfiffen. "Mensch Kai", möchte man ihm zurufen. "Es geht viel besser, ja, aber Tor. Junge, bei einer EM. Wichtig. Freu dich mal, nimm den Schwung mit." Havertz freut sich nach innen, das mit den Emotionen ist nicht so seins. Jedenfalls nicht nach außen. In der Wahrnehmung der Fans könnte das für den 22-Jährigen noch zum Problem werden, für die DFB-Kollegen löst er derzeit Probleme mit seinen Treffern. Noch Luft nach oben, aber Tor ist Tor.

Serge Gnabry:

Serge Gnabry war mal der torgefährlichste Nationalspieler seiner Generation, seine Trefferquote erinnerte an einen Müller. Gerd Müller. Doch das ist längst vorbei, der Münchner hat seine Torgefahr verloren. Gegen Ungarn sammelte Gnabry Ball um Ball ein, bemühte sich auch im Kombinationsspiel, im Strafraum aber kam er beinahe nie an. Und schon gar nicht mit Ball und in aussichtsreicher Position.

Leroy Sané:

Es ist ohnehin eine der undankbarsten Aufgaben, die der deutsche Fußball zu bieten hat: Thomas Müller ersetzen. Leroy Sané fiel sie etwas überraschend zu. Dem Mann ohne Rhythmus, der sich ohnehin schwer tut mit dem Adler auf der Brust. Und dann steht es schon 0:1, ohne dass der Münchner eine einzige Aktion hatte. Die Aktionen kamen später, vor allem in der Balleroberung. Offensiv blieb es fahrig. Es ist ein Wunder, wie dieser Hochbegabte so konsequent seine eigentliche und unbestrittene Klasse unterbietet. Kein Esprit, kein Durchsetzungsvermögen, keine Ausstrahlung. Die Aktion in der 60. Minute, als er dem enteilenden Angreifer hinterherstolperte und den Ball mit der Hand wegschlug, hatte beinahe Slapstickcharakter. Eine verunglückte Hereingabe in der Nachspielzeit brachte seinen Fan und Förderer Joachim Löw, der lange an Sané festgehalten und ihm auch heute überraschend den Vorzug vor Leon Goretzka gegeben hatte, zum Ausflippen. In dieser Form keine Alternative für kommende Aufgaben.

Leon Goretzka:

Nur Leon Goretzka konnte diesem Spiel die Wende zum Guten verpassen, er ist der logische Held eines lange, lange so verkorksten Abends. Kein deutscher Spieler verkörpert mehr den absoluten Willen als der Münchner, den viele heute für den angeschlagenen Thomas Müller von Beginn an erwartet hatten. Und dann ist Goretzka eben auch noch einer, der verbal klare Kante fährt, der sich pointiert und konsequent in gesellschaftlichen Fragen positioniert. Er traf entscheidend gegen die ungarische Mannschaft und er traf ins Herz der ungarischen Fans, die vor dem Spiel mit "Deutschland, homosexuell"-Rufen mal wieder verhaltensauffällig geworden waren. Nach dem Treffer, der so wichtig für das DFB-Team war, formte er ein Herz in Richtung des ungarischen Blocks. Es war nicht als Zeichen der Liebe zu den rasenden Ungarn gemeint.

Thomas Müller:

Zu behaupten, dass die schwache, ängstliche, fahrige deutsche Vorstellung alleine am langen Fehlen von Thomas Müller, dem omnipräsenten Chefkommunikator und Edelantreiber gelegen habe, wäre pure Spekulation. Dass Löw ihn nach 67 Minuten bringen musste, um die Katastrophe zu verhindern, war sicher nicht geplant. Zeigt aber, was der Münchner für diese Mannschaft bedeutet. War sofort präsent, stiftete Verwirrung, konnte aber konstruktiv nicht viel beitragen. Am Ende war er einfach Teil der Erlösungsmasse.

Jamal Musiala:

Nein, ein Abschiedsgeschenk war es sicher nicht, das Joachim Löw in den letzten Minuten an Jamal Musiala verteilte. Als das Spiel schon verloren schien, als das Weiterkommen nicht mehr greifbar war, warf Löw den Teenager rein - und wurde belohnt. Unglaublich, was dieser junge Mann in seinem dritten Länderspiel zeigte, diesem so bedeutenden Spiel, das ununterbrochen auf der Kippe stand. Der 18-Jährige forderte den Ball, wurde gesucht - und startete schließlich das entscheidende Dribbling, das im 2:2 mündete. Selbst als es darum ging, dieses Zitterspiel zu einem glücklichen Ende zu wackeln, hatte der jüngste und unerfahrenste DFB-Spieler noch seine Ballkontakte. Abgeklärt, mit Mut, Willen und Überzeugung. Diese Leistung war ein Geschenk. Ein Geschenk des letzten Debütanten der Löw-Ära an seinen Bundestrainer.

Timo Werner:

Nein, ein großer Joker ist Timo Werner nicht. Der Stürmer sollte ganz am Schluss, als alles egal war und nur noch irgendwie irgendwas passieren sollte, eben das organisieren: Irgendetwas Zählbares. Das gelang, wenn auch nicht durch ein Tor. Werner startete die Situation, die schließlich über Musiala, ein bisschen Glück und Goretzkas Willen zum Weiterkommen führte.

Kevin Volland:

Hatte die selbe Aufgabe wie Werner und durfte am Ende mitjubeln - auch wenn ihm selbst in seinen wenigen Minuten keine eigene Aktion mehr gelang.

Quelle: ntv.de

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