Fußball-EM

Schnellcheck: Zittern ums Aus Mit Herz gegen Hass und das Löw-Ende

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Leon sorgte für den wichtigen Treffer zum 2:2 - und die Szene des Tages.

(Foto: dpa)

Ein Herz wie ein Regenbogen: Leon Goretzka schießt Deutschland mit seinem Last-Minute-Treffer ins EM-Achtelfinale. Doch seine Jubel-Geste ist so viel mehr wert als das goldene Tor. Ansonsten gibt sich die DFB-Elf extrem bieder - und muss sich gegen England klar steigern.

Was war los bei Deutschland-Ungarn?

Das Thema der vergangenen Tage rund um die Partie war bunt - aber um Fußball ging es nicht. Es ging um den Regenbogen. Das Zeichen für Vielfalt und eine tolerante, weltoffene und diverse Gesellschaft. Und gegen Homofeindlichkeit. Die UEFA hatte verboten, dass die Allianz Arena in Regenbogenfarben erleuchtet wird.

Die Begründung: Die Aktion wäre politisch. Nun, den Regenbogen auszuknipsen, ist mindestens genauso politisch, denken sich viele in Deutschland. Denn wer bei Diskriminierung und Diffamierung eine sogenannte "neutrale" Rolle einnimmt, ebnet ihnen den Weg. "Die UEFA hätte sich viel Ärger ersparen können", ordnete Thomas Hitzlsperger, Botschafter für Vielfalt beim DFB, ein. "Vielleicht war es sogar besser so. Die UEFA hat enorm unterschätzt, was sie da angerichtet hat und hat sich selbst in ein schlechtes Licht gerückt."

Anstelle von einer in Regenbogenfarben erleuchteten Allianz Arena gab es nun etlichen Orte, Stadien und Institutionen, die entsprechende Flaggen hissten oder in entsprechende Farben getaucht worden. Auch vor dem Stadion in München wurden viele Regenbogenfahnen verteilt. Während der Nationalhymne Ungarns schaffte es ein Flitzer mit einer Regenbogenfahne aufs Feld. Er präsentierte die Flagge direkt vor der ungarischen Nationalhymne, dann wurde er von Ordnern vom Platz gebracht.

Es wurde dann aber auch Fußball gespielt in der bayerischen Landeshauptstadt. Schließlich handelte es sich um das erste Pflichtspiel der beiden Mannschaften gegeneinander seit dem Wunder von Bern 1954. Und wieder regnete es. Verzichten musste der Bundestrainer bei der Neuauflage auf Thomas Müller, der wegen einer Kapselverletzung im Knie auf der Bank platznahm. Leroy Sané durfte zum ersten Mal von Beginn an ran.

Mindestens ein Unentschieden hatte das Team von Joachim Löw benötigt, um ins Achtelfinale einzuziehen. In der Gruppe F war noch alles möglich, zum ersten Mal bei der EM befand sich vor der Partie die DFB-Elf in der absoluten Favoritenrolle. Doch mehr als dieses Unentschieden war nicht drin für das Team von Jogi Löw. Mit Ach und Krach errang die Nationalelf ein 2:2 (0:1) - dank Torschütze Leon Goretzka, den viele aus anderen Gründen nach diesem Spiel ins Herz schließen werden. Doch dazu später mehr.

Servus Erdenberger, wie lief's in der Allianz Arena?

Dem Regenbogen-Rausch folgte der Wolkenbruch: Als wollte jemand den passenden Rahmen, die passende Stimmung zum Ende einer Ära schaffen, gab es in der Münchener EM-Arena statt progressivem Aufbruch in eine Welt voller Toleranz und Solidarität: mehr Weltuntergang. Wenn der Starkregen aufs Dach der Arena niedergeht, hört es sich an, als würde ein D-Zug ununterbrochen seine Runden im Oberrang drehen. Ein gruseliges Phänomen, passend zu diesem Spiel, in dem der Druck so spürbar ins Stadion schlich und immer greifbarer wurde. Auf dem Platz, bei der deutschen Nationalmannschaft. Aber auch auf den Rängen.

Die Carpathian Brigade, das Zentrum des ungarischen Blocks, veranstaltete schon vor dem Anpfiff kleinere Provokationen, die Nationalhymne verleidete man sich gegenseitig durch Pfiffe, der ungarische Block verfolgte die deutsche Hymne mit dem Rücken zum Spielfeld. Also nicht. Das Naturschauspiel Apokalypse überdeckte dann noch gnädig den immer lauter werdenden Unmut der deutschen Fans. Die Ungarn dagegen, oberkörperfrei sich Seit an Seit unter ausdrücklicher Missachtung der Abstandsregeln wärmend, feierten ihr eigenes Fußballfest. Fröhlich ab dem Führungstreffer, vorher schon kritisch beäugt von der Münchener Polizei. Die erste Hälfte, eine einzige, in sich geschlossene deutsche Zumutung.

In der zweiten Hälfte steht am Ende ein kleines Wunder, denn nach diesem Spiel noch feiern zu dürfen, ist eine glückliche Fügung. Eine kurze Eruption deutscher Emotionen, dann ist Schluss. Während der ungarische Block, vor dem schon weit vor dem Ende schwerst gepanzerte Polizei in Erwartung eines Platzsturms aufmarschiert war, noch ihre unglückliche Mannschaft feiert, hat Deutschland dieses Spiel schon abgehakt. Kein Spieler mehr auf dem Feld, auch Joachim Löw ist längst entschwunden, die deutsche Party ist nur kurz. Und nicht besonders heftig. Die Euphorie, sie ist schon wieder weg. Es bleibt sehr schwierig zwischen der Nationalmannschaft und ihren Anhängern. (Till Erdenberger)

Schema

Deutschland: Neuer/Bayern München (35 Jahre/103 Länderspiele) - Ginter/Borussia Mönchengladbach (27/43) ab 82. Volland/AS Monaco (28/12), Hummels/Borussia Dortmund (32/75), Rüdiger/FC Chelsea (28/44) - Kimmich/Bayern München (26/58), Gündoğan/Manchester City (30/49) ab 58. Goretzka/Bayern München (26/34), Kroos/Real Madrid (31/105), Gosens/Atalanta Bergamo (26/10) ab 82. Musiala/Bayern München (18/4) - Sané/Bayern München (25/33), Havertz/FC Chelsea (22/17) ab 68. Müller (31/105), Gnabry/Bayern München (25/25) ab 68. Werner/FC Chelsea (25/41). - Trainer: Löw

Ungarn: Gulacsi/RB Leipzig (31 Jahre/43 Länderspiele) - Nego/FC Fehervar (30/11), Botka/Ferencvaros Budapest (26/13), Orban/RB Leipzig (28/25), Attila Szalai/Fenerbahce Istanbul (23/16), Fiola/FC Fehervar (31/38) ab 88. Nikolic/FC Fehervar (33/40) - Kleinheisler/NK Osijek (27/37) ab 89. Lovrencsics/Ferencvaros Budapest (32/44), Nagy/Bristol City (25/51), Schäfer/Dunajska Streda (22/9) - Adam Szalai/FSV Mainz 05 (33/73) ab 82. K. Vargas/Kasimpasa Istanbul (25/10), Sallai/SC Freiburg (24/25) ab 75. Schön/FC Dallas (20/3). - Trainer: Rossi

Schiedsrichter: Sergej Karassew (Russland)

Tore: 0:1 Szalai (11.), 1:1 Havertz (66.), 1:2 Schäfer (68.), 2:2 Goretzka (84.)

Zuschauer: 12.413

Spielfilm

4. Minute: Deutschland gleich mit einer richtig guten Chance: Mats Hummels schickt den tief in den Strafraum durchstartenden Joshua Kimmich. Der Bayern-Profi nimmt den Ball aus der Luft stark mit rechts an und schließt direkt danach ab. Der Winkel ist aber zu spitz, Ungarns Top-Torwart Peter Gulacsi von RB Leipzig reagiert gut.

11. Minute: Toooooooor für Ungarn: 0:1 Adam Szalai.

Drittes Spiel, drittes Mal das 0:1 aus deutscher Sicht. Ein ungarischer Gegenstoß nach Fehlpass von Matthias Ginter führt zu einer gefährlichen Halbfeldflanke, weil Toni Kroos keinen Druck auf den Ballführenden ausübt. In der Mitte hebt der nach hinten geeilte Ginter das Abseits auf und Adam Szalai setzt zu einem schönen Flugkopfball an. Manuel Neuer streckt sich vergeblich. Stand jetzt wäre Deutschland Gruppenletzter und ausgeschieden.

17. Minute: Havertz setzt sich durch bis zur rechten Grundlinie. Sein flacher, scharfer Pass in die Mitte rauscht an Freund und Feind vorbei. Gnabrys Schussversuch wird schließlich abgeblockt.

21. Minute: Mega-Doppelchance! Endlich mal ein starker Standard der DFB-Elf: Kimmich bringt die Ecke genau auf den Kopf von Hummels. Sein Kopfball klatscht an die Latte. Anschließend darf es Abwehrkollege Ginter aus kürzester Distanz versuchen, aber findet seinen Meister in Gulacsi.

34. Minute: Rüdiger klärt in höchster Not per Flugkopfball gegen Szalai.

36. Minute: Der Regen in München wird zu einem Regensturm. Zuschauer ziehen sich in die oberen Ränge zurück.

45. Minute: Ein kleines Lebenszeichen, aber nur ein Möglichkeitchen: Hummels flankt per Außenrist auf Sané. Dessen geblockten Pass nimmt Havertz auf, aber sein erster Schuss wird abgewehrt, sein zweiter geht daneben.

Halbzeit. "Was muss noch passieren?", wird ZDF-Experte Sandro Wagner gefragt. "Ein Tor", lautet seine knappe Antwort.

52. Minute: Havertz mal mit einem guten, strammen Abschluss. Gulasci hält sicher. Gleichzeitig schießt Frankreich das 2:1 gegen Portugal - und die DFB-Elf wäre trotz des eigenen mangelhaften Ergebnisses dennoch im Achtelfinale.

59. Minute: Erster Schuss der Ungarn nach dem Wechsel, aber Neuer faustet Kleinheislers Freistoß weg.

62. Minute: Nächster Freistoß der Ungarn, diesmal klatscht der Ball an den Außenpfosten.

66. Minute: Toooooooooor für Deutschland: 1:1 Havertz.

Ein Torwartfehler hilft der DFB-Elf: Kimmich schlägt einen Freistoß von halbrechts in den Strafraum - und Gulacsi rauscht am Ball vorbei. Hummels köpft eine Bogenlampe, aber Havertz springt am höchsten und köpft arg bedrängt ins leere Tor.

68. Minute: Tooooooooooor für Ungarn. 1:2 Schäfer.

Direkt nach dem Anstoß schlagen die Ungarn zurück. Szalai spielt Doppelpass mit Schäfer, der auf einmal von Sané verteidigt wird, aber vor dem Flügelstürmer und Neuer an den Ball kommt und ihn über die Linie spitzelt. Was ist hier denn los?

76. Minute: Das DFB-Team bemüht sich. Aber Zwingendes springt dabei überhaupt nicht raus.

81. Minute: So könnte es gehen: Kroos und Gosens spielen einen einfachen Doppelpass im Strafraum. Der Profi von Real Madrid schließt direkt mit rechts ab - der Ball rauscht knapp am langen Pfosten vorbei.

84. Minute: Tooooooooooooor für Deutschland: 2:2 Leon Goretzka.

Der ins Spiel gekommene Jamal Musiala setzt sich im eins-gegen-eins durch und über Müller und Werner kommt der Ball zu Goretzka. Der Bayern-Profi zieht humorlos ab und haut die Kugel ins Netz. Anschließend jubelt der Torschütze vor dem Ungarn-Block und formt ein Herz mit seinen Händen. Duselt sich Deutschland doch ins Achtelfinale?

90. Minute: Es gibt vier Minuten Nachspielzeit.

Abpfiff.

Was war gut?

Leon Goretzka! Der eingewechselte Bayern-Profi brachte nicht nur Power und Gradlinigkeit ins deutsche Spiel. Er sorgte auch für die Szene des Spiels. Mit seinem goldenen Tor zum 2:2 verlängerte er nicht nur die Ära Jogi Löw um mindestens ein Spiel. Er jubelte vor dem Ungarn-Block, in dem unter anderem die homofeindliche, rassistische und nationalistische "Carpathian Brigade" steht und gegen die die UEFA wegen angeblicher Affenlaute im Frankreich-Spiel gegen Kylian Mbappé ermittelt, und formt ein Herz mit seinen Händen. Starke Geste. Die Herz-Brigade gegen die Brigade der Diskriminierung. Die Botschaft der Liebe gegen den Hass und die Wut. Eine gute Nachricht am Tag der Regenbögen.

Und sonst so?

Nicht viel. Nach den ersten Chancen kam ab der 20. Minute nur noch wenig von der deutschen Mannschaft. Leroy Sané als Ersatz für Müller arbeitete anfangs stark gegen den Ball, gewann in der 25. Minute gleich zweimal im Gegenpressing die Kugel zurück. Dann fiel er aber - wie alle anderen DFB-Profis - enorm ab. Offensiv gelang fast gar nichts.

Die Ungarn ließen kaum Platz zwischen den Linien zu und kämpften aggressiv und leidenschaftlich. Das Flügelspiel der Deutschen wurde so beinahe komplett gestutzt. Hinzu kam, dass dem DFB-Team anders als gegen Portugal kaum tiefe Läufe und keine Kombinationen gelangen. Zu uninspiriert, zu wenig Gier, zu wenig Durchschlagskraft im letzten Drittel.

Offensiv wurden wieder keine Standards gut ausgespielt - und die alte Problematik der Gegenstoß-Schwäche zeigte sich beim 1:0 der Ungarn. Nach dem Fehlpass von Ginter fehlte mal wieder mal die Zuordnung, Kroos machte keinen Druck auf den Flankengeber und die deutsche Mannschaft wirkte überfordert. Auch weitere Gegenstöße sorgten immer wieder für Gefahr, wenngleich die Ungarn sie nicht richtig zu Ende spielten. Die Angriffsbemühugen waren so schlecht, dass selbst der verletzte Thomas Müller in der zweiten Hälfte eingewechselt werden musste.

Was machte Überflieger Gosens?

Auch dem Aktivposten auf der linken Seite wollte diesmal kaum etwas gelingen. Eigentlich lief sogar fast alles über rechts. Gosens haut sich wie immer in jeden Ball, aber: "Er war immer bemüht" - schon auf Schulzeugnissen las sich dieses Fazit früher nicht gerade schmeichelhaft.

Ein Lichtblick?

Jamal Musiala. Obwohl er nur etwa fünf Minuten spielte, war er der beste eins-gegen-eins-Spieler der DFB-Elf auf dem Platz. Seine Einzelaktion, auch wenn es nur ein kleiner Wackler war, war es, die den goldenen Schuss von Leon Goretzka überhaupt erst ermöglichte. Der 18-Jährige bewarb sich für mehr Spielminuten im schwierigen Achtelfinale gegen England.

Der taktische Blick von Constantin Eckner

Ungeachtet des schlechten Spielverlaufs startete die deutsche Mannschaft eigentlich gut und zeigte auch passende Ideen, um die tiefe Verteidigung der Ungarn zu knacken. Anfangs wurden vor allem lange Bälle über die Flügel gespielt, die Kimmich und Gosens mit ihren Sprints hinter die Abwehrlinie erlaufen sollten. Nach dem Führungstreffer der Ungarn lief dann das Angriffsspiel über die Halbräume und die umtriebigen Havertz und Gnabry.

Allerdings verloren die Deutschen nach einer halben Stunde den Faden und verfielen in alte Muster. Innerhalb der 3-4-3-Grundformation wurde sich immer seltener bewegt. Die daraus resultierende Ideenlosigkeit drückte sich in den verzweifelten Halbfeldflanken von Ginter aus. Dass der Gladbacher so häufig am Ball war, lag im Übrigen am ungarischen Verteidigungsschema. Die Gäste ließen den Abwehrspieler bewusst frei, damit er viele Ballkontakte erhielt. Ginter konnte wenig damit anfangen, aber ihm fehlten auch schlicht die Anspieloptionen.

Zur Pause stellte Joachim Löw zunächst auf ein 3-5-2 um. Er zog Kimmich ins Mittelfeld und schob Sané auf die rechte Seite. Damit wollte der Bundestrainer mehr Kontrolle und Gegenpressingstärke erzeugen. Doch der Mannschaft fehlte dafür die notwendige Organisation. Zum Ende war es eine improvisierte Aufstellung mit allerlei Offensivkräften wie Musiala, Timo Werner und Goretzka, die den Ausgleich dank ihrer individuellen Klasse und nicht aufgrund eines ausgeklügelten Plans noch erzwangen.

Herr Feuerherdt, zum Abschluss, wie hat sich der Schiedsrichter angestellt?

So dramatisch das Spiel auch war, so wenig hatte der Unparteiische damit zu tun, urteilt unser Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt von Collinas Erben. Sergej Karasev orientierte sich an der recht großzügigen Regelauslegung bei dieser EM und hielt das intensive Spiel gut im Fluss. Gelegentlichen Härten begegnete der russische Referee erst mit Ermahnungen, und als das nicht zum gewünschten Erfolg führte, griff er nach einer halben Stunde mit zwei Gelben Karten kurz nacheinander gegen Botkan und Gündoğan durch. Das zeitigte Wirkung. Karasev hatte ansonsten keine allzu großen Herausforderungen zu meistern, zeigte sich entscheidungssicher und hinterließ einen souveränen Eindruck.

Quelle: ntv.de

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