Fußball-EM

Vizeweltmeister droht Blitz-K.o. Kroatiens alte Männer wanken zum Debakel

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Endet Modrićs wohl letztes großes Turnier in der Gruppenphase?

(Foto: picture alliance/dpa/AP Pool)

Als Vizeweltmeister in die Fußball-EM gestartet, zeigt Kroatien bisher wenig ansprechende Leistungen. Auf die 0:1-Pleite gegen England folgt ein lethargisches Remis gegen Tschechien. Und so könnte für das Team um Rekordnationalspieler Modrić schon in der Gruppenphase Schluss sein.

Wer als Vizeweltmeister in ein Turnier geht, an den gibt es eine bestimmte Erwartungshaltung: attraktive Spiele, hohe individuelle Klasse und das Ziel, es mindestens ins Halbfinale zu schaffen. Häufig war es so. Und eigentlich sollte es auch bei dieser Fußball-EM so sein. Eigentlich. Bei Kroatien, dem WM-Zweiten von 2018, ist es (noch) nicht so. Nach einem Punkt und einem Tor nach zwei Spielen könnte es schon in der Vorrunde zu Ende gehen.

Dabei mühten sich die "Feurigen" bisher in den beiden Spielen. Schon beim EM-Auftakt gegen England ließ sich erahnen, dass der Weg durchs Turnier nicht reibungslos verlaufen wird. Das Team von Trainer Gareth Southgate war den Kroaten deutlich überlegen und so setzte es eine noch eher schmeichelhafte 0:1-Pleite.

Etwas Ratlosigkeit machte sich schon in der kroatischen "Homebase" breit, die coronabedingt trotz EM-Partien in Glasgow und London in Kroatien liegt. "Unser Spiel nach vorne funktioniert nicht so gut. Warum das so ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht", sagte Mittelfeldspieler Mateo Kovačić vom Champions-League-Sieger FC Chelsea nach der Auftaktpleite.

"Müssen das Maximum herausholen"

Trainer Zlatko Dalić sah die gleichen Probleme, anders als sein Mittelfeld-Star hatte er indes schon Lösungen parat: "Es sind zu wenig Spieler beim Abschluss, wir gehen nicht in die Tiefe und haben keine direkten Bälle nach vorne. Wir werden daran arbeiten. Wir müssen das Maximum herausholen." Doch als das Maximum würde er sicherlich auch das müde Remis gegen die Tschechen nicht bezeichnen.

Beide Mannschaften gaben, mal abgesehen von Ivan Perišićs Tor und dem Elfmeter von Patrik Schick, nur zwei weitere Torschüsse ab. Dass so eine lethargische Leistung für die K.o.-Runde nicht reichen würde, ist auch Dalić bewusst: "Wir müssen mehr laufen, aggressiver, schneller und insgesamt besser werden", forderte der Coach. "Wir haben noch eine zusätzliche Chance erhalten und müssen gegen Schottland gewinnen."

Das müssten sie tatsächlich, ein Remis reicht wohl nicht. Zwar kommen bei der aufgeblähten Kontinental-EM neben den zwölf Gruppenersten und -zweiten auch die vier besten Drittplatzierten weiter, aber mit nur zwei Unentschieden könnte das knapp werden. Zumal die Schotten bisher zwar noch keinen eigenen Treffer erzielt haben, aber auch gegen England und Tschechien gezeigt haben, dass es für die Kroaten ungemütlich werden kann.

Zentral für das Weiterkommen wird wie schon bei den vorherigen Turnieren Mittelfeldregisseur Luka Modrić. Bei der WM 2018 führte der Spieler von Real Madrid sein Team ins Finale und wurde selbst später nicht nur Spieler des Turniers, sondern auch Weltfußballer. Damit setzte Modrić, der gerade wohl sein letztes großes Turnier spielt, sich ein Denkmal. Nicht nur in Kroatien auch innerhalb der Mannschaft ist die Anerkennung für ihren Kapitän groß. "Er ist phänomenal, gibt dem Nationalteam und seinem Klub so viel. Er ist einer der besten drei Mittelfeldspieler in den letzten ich weiß nicht wie vielen Jahren - wenn nicht sogar der beste", schwärmte Mateo Kovačić.

Ohne Rakitić und Mandžukić

Doch auch vor dem kroatischen Dirigenten hat die Zeit keinen Halt gemacht. Diese Saison hat er mit Real insgesamt 48 Pflichtspiele absolviert, im Alter von 35 Jahren steckt man das nicht so eben weg. Dessen ist auch Modrić sich bewusst, gibt gleichzeitig aber zu bedenken: "Ich bin älter geworden, habe mehr Erfahrung und im Fußball mit meinen Teams und als Einzelspieler alles erreicht." Dennoch haben sich einige Sachen über die Jahre nicht verändert: "Meine Leidenschaft, meine Liebe und Motivation sind aber noch genau wie damals, als ich das erste Mal bei der Nationalelf war."

Genauso wie 2018 ist er auch 2021 das Herz der Mannschaft. Besonders beim 1:1 gegen Tschechien wurde das wieder einmal deutlich. Der Ex-Weltfußballer lenkte das Spiel und empfing die meisten Pässe von seinen Teamkollegen. Doch ohne die anderen Säulen von 2018, Ivan Rakitić, Vedran Ćorluka und Mario Mandžukić, verloren die Kroaten an Qualität und Struktur in allen Mannschaftsteilen. Das sah auch Modrić gegen Tschechien: "Wir waren anfangs wirklich unorganisiert, haben uns aber gesteigert in der zweiten Hälfte."

Nicht nur sah Modrić das selbst, man konnte es ihm auch ansehen. Immer wieder riss er verzweifelt die Arme hoch und versuchte, das Spiel zu dirigieren. In der Partie, die mit absoluter Sicherheit nicht als "Klassiker" eingehen wird, übernahm er irgendwann den Spielaufbau vollends. Immer wieder ließ er sich deshalb zwischen die Innenverteidiger fallen. Seine beiden Nebenleute, die Innenverteidiger Dejan Lovren und Domagoj Vida, galten schon vor dem Turnier als einer der Schwächen der Kroaten.

Beide sind wie Modrić nicht mehr die Jüngsten. Vida, der während der WM 2018 nicht nur durch Fußball auffiel, verpasste in der abgelaufenen Saison bei seinem Heimatklub Besiktas Istanbul nur wenige Minuten. Bei Dejan Lovren ist nicht einmal das mehr der Fall. Der 31-Jährige wurde vergangenes Jahr von Jürgen Klopp aussortiert und wechselte zu Zenit St. Petersburg. Dort ist er zum Kapitän und Stammkraft avanciert. Seine Vorbereitung auf das Turnier verlief alles andere als optimal, seit April laboriert er mit Verletzungen.

"Das ist inakzeptabel"

Auch wenn die besagten Stützen nicht mehr Teil des Teams sind, kann sich alles vor der Abwehr sehen lassen. Mit Marcelo Brozović von Inter Mailand und Kovacic von Tuchels FC Chelsea stehen Trainer Dalić neben Modrić lauter erfahrende Mittelspieler zur Verfügung, die sich allesamt auf europäischen Top-Niveau schon bewiesen haben. Dazu gibt es noch das große Talent von ZSKA Moskau Nikola Vlašić im offensiven Zentrum. Und nicht zu vergessen, die Offensivreihe, die bestens aus der Bundesliga bekannt ist: Perišić, Ante Rebić und Andrej Kramarić.

Also was ist dann das Problem, wenn der Kader zumindest fürs Viertelfinale taugt, aber schon in der Gruppenphase seine Probleme hat? Die kroatische Presse schwankt zwischen leugnen ("Das ist nicht das echte Kroatien, wir müssen gegen die Schotten mutiger sein", hieß es bei "Klik.hr") und dem Klassiker: die Trainerfrage. So stellte "Sportske novosti" fest: "Jeder spielt nur für sich selbst und der Trainer reagiert nicht. Das ist inakzeptabel." Und so kann es sein, dass das womöglich letzte große Turnier von Rekordnationalspieler Luka Modrić schon gegen Schottland endet.

Quelle: ntv.de

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