Fußball-EM

Die Zukunft der DFB-Elf Neuer traumatisiert, Boateng kriegt lebenslang

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Manuel Neuer hat einen Angstgegner.

(Foto: dpa)

Die Spieler der deutschen Fußball-Nationalelf sind noch nicht zu Hause, da wird nach dem EM-Aus gegen Frankreich bereits spekuliert und diskutiert: Wie es weitergeht, ob der Spaßmacher wirklich bleiben soll, worüber der Kapitän grübelt. Ein Unbezahlbarer macht sich derweil verzichtbar.

Sie waren besser, klar. Und mit jedem deutschen Spieler, der nach der Niederlage im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft interviewt wurde, wurden sie noch ein bisschen stärker. Um weit nach Mitternacht konnte man dann den Eindruck gewinnen, dass da im Stade Vélodrome ein überirdischer Weltmeister gegen eine bessere (oder schlechtere) Stadtauswahl aus Marseille gespielt habe. Blöd nur, dass die Überirdischen mit 0:2 verloren haben. Wie das passieren konnte? Keine Erklärung. Denn eigentlich haben sie ja alles richtig gemacht, die elf, zwölf, dreizehn, vierzehn von Bundestrainer Joachim Löw in die Schlacht geworfenen Fußball-Gladiatoren. Nur gegen diesen quirlig-nervigen Schmachtlappen Antoine Griezmann, da sahen sie halt zweimal nicht so gut aus. Wobei das eine Mal ja auch ein Elfmeter war. Und das ist ja eh immer so eine Sache.

In der Nacht der großen Enttäuschung - eine Niederlage so hatte Teammanager Oliver Bierhoff noch vor Anpfiff im ZDF-Interview erklärt, war gar kein Thema - passiert immer auch Folgendes: Die Spieler trauern, freuen sich aber irgendwie au scho auf den Urlaub (sagen tut das natürlich niemand, was es dann für einen Aufschrei gäbe), der Trainer wird entweder direkt gefeuert, tritt zurück oder erbittet sich Bedenkzeit, und Medien sowie Fans suchen nach dem oder den Schuldigen.

Die geschlagenen Helden sind noch nicht geduscht, da wird bereits der Neuaufbau geplant. Mit wem kann Deutschland endlich wieder Titel gewinnen? Der letzte ist zwar erst zwei Jahre her, aber trotzdem, und wer darf sich künftig komplett aufs Vereinsgeschäft konzentrieren? n-tv.de liefert eine Orientierungshilfe für hitzige Stammtischdiskussionen.

Die Torhüter

Manuel Neuer: Titanisiert und traumatisiert die Fußball-Welt, er bringt jeden Stürmer zur totalen Bocklosigkeit und gibt zudem den ausflugsfreudigen Libero. Auf den 30-Jährigen zulaufen und dann auch noch ein Tor schießen? Was für eine doofe Idee. Klappt schließlich eh nicht. Nur einer hat die Herausforderung angenommen und haut dem Torhüter des FC Bayern die Bälle freudvoll um die Ohren: Antoine Griezmann. Im Champions-League-Halbfinale mit Atlético Madrid legte er den Ball an Neuer vorbei und jetzt schon wieder zweimal. So lange der Titan den Griezmann nicht zum Griesgram macht, ist ein DFB-Rücktritt strengstens verboten – mindestens. Zumal er in Frankreich gezeigt hat, dass er voll und ganz zum Kapitän taugt. Und Marc-André ter Stegen? Darf gerne weitermachen, spielt aber eh nicht. Bernd Leno? Siehe ter Stegen.

Die Abwehr

Jérôme Boateng: Der Abwehrchef kann alles: Diagonalpässe à la Beckenbauer, Heldengrätschen, Kopfbälle, Gewaltschüsse, Elfmeter, motzen, dirigieren und Fotografen glücklich machen. Kurzum: Er bekommt von uns lebenslang. Darf sich niemals, wirklich niemals, aus der Nationalmannschaft verabschieden. Dann darf er auch ab und zu auf dem Fußballplatz Handball spielen.

Mats Hummels: Kann fast alles: Spitzenmäßige Spielaufbaupässe, Heldengrätschen, Kopfbälle hinten wie vorne, Elfmeter und smarte Interviews geben. Spielt ab sofort auch beim FC Bayern an der Seite von Boateng. Macht er das weiter so gut wie bisher in der DFB-Elf, darf er bleiben, bis Deutschland wieder Europameister wird. Und das kann dauern, mindestens vier Jahre.

Jonas Hector: Spielt beim 1. FC Köln. Was das heißt? Nun, dass die ganz großen Vereine in Deutschland keine guten linken Außenverteidiger mit Nationalelf-Berechtigung haben. Was das nun wieder heißt? Gar nichts, keine Sorge. Hector macht die Seite zu, egal, wer da kommt. Hector flankt, dribbelt auch mal, und schießt entscheidende Elfmeter. Diskussionen überflüssig. Er war einer, der bei diesem Turnier von Spiel zu Spiel besser wurde.

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Joshua Kimmich ist eine der Entdeckungen der EM als Rechtsverteidiger.

(Foto: imago/GEPA pictures)

Joshua Kimmich: Als die deutsche EM-Entdeckung gefeiert, erlegte er als rechter Außenverteidiger Nordirland im letzten Gruppenspiel (1:0) quasi im Alleingang. So hieß es in den Medien. Der Wahrheit entspricht das nicht ganz. Schließlich schoss Mario Gomez das Tor. Egal, gefeiert wurde Kimmich für seine tolle Leistung. Spielte danach scho au weiter gut, auch wenn's defensiv wie gegen Italien und Frankreich bisweilen nicht ganz so gut aussah. Aber auch er hat von dieser EM extrem profitiert. Er ist jung, er ist flexibel, er bleibt.

Benedikt Höwedes: Ist quasi der Marc-André ter Stegen der Feldspieler. Richtig gut, malocht die Gegner weg, wie früher der Oppa die Kohle ausm Flöz. Hat aber mit Boateng und Hummels zwei Kumpel vor sich, die leider unumstößlich als zentraler Abwehrblock gesetzt sind. Auch wenn er sich für die schwer verdiente Mark nix kaufen kann: bester dritter Mann!

Shkodran Mustafi: Spielt, trifft, sitzt, spielt. Ist der Lückenfüller im Team. Hat Talent, aber auch Wackler in der Defensive. Gegen die Ukraine zum Auftakt blieben sie unbestraft, gegen Frankreich war einer mitentscheidend. Ist so ein Kann-mit-muss-aber-nicht-Kandidat - und noch jung.

Jonathan Tah: Nachnominiert, fleißig, talentiert, ebenfalls noch sehr jung. Niemand hätte also wohl etwas dagegen, wenn sich die Kante eines Tages auch mal in einem Pflichtspiel der A-Nationalmannschaft beweisen darf.

Mittelfeld und Angriff

Toni Kroos: So lange Passen im Fußball nicht verboten wird, kommt kein Bundestrainer (er wird vermutlich eh auf ewig Jogi Löw heißen) an dem alleskönnenden Strategen vorbei. Weil er nebenbei auch noch fantastische Standards schießt und jedes Spiel mit der Entspanntheit eines ruhigen Fernsehabends durchlebt, braucht's diesen so kühlen Königlichen.

Mesut Özil: Hat bei dieser EM betont, wie viel er doch läuft. Das ist wirklich ganz prima, als Spielmacher hat er aber auch noch andere Aufgaben. Zum Beispiel das Tempo bestimmen, die Mitspieler in gute Situationen bringen und auch mal schießen. Erfüllte das zunächst nicht, dann aber immer besser. War im Viertelfinale gegen Italien bester Mann auf dem Feld. Ist wegen seiner Körpersprache aber nach wie vor nicht "everbody's darling". Muss er aber auch nicht.

Sami Khedira: Rennt, rennt und rennt – bis die Adduktoren Stop schreien. Die Pferdelunge im Team stopft so fleißig Löcher wie Oma sonst die Socken. Ist laut Löw auch noch klug und clever. Kommt sicher zurück, wenn die Adduktoren nicht mehr rumbocken.

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Thomas Müller wurde bei der EM vom Torjäger zum Sturmzwerg.

(Foto: AP)

Der Müllerthomas: Braucht kein Benzin (Tore), das sei schließlich nur Speziallack oder so'n Quatsch. Erlebte die vielleicht bittersten vier Wochen seiner Karriere. Hatte erst keine Chancen, dann viel zu viele. Nagelte den Ball an Pfosten und Latte, schoss ihn in des Keepers Arme, direkt am Tor vorbei oder scheiterte an fliegenden italienischen Hacken. Selbst ein Elfmeter klappte nicht. Weil aber alle Welt weiß, was der Müllerthomas kann, muss er wiederkommen.

Bastian Schweinsteiger: Laut "11Freunde" seit Donnerstagabend die "Hand Schrottes". Sprintete ins Turnier, als wolle er Jules Vernes' 80 Tage um die Welt unterbieten. War dann Ersatzkraft, hatte Knie – und gegen Frankreich Hand. Unglückliches Turnier, denkt möglicherweise an Rücktritt. Es wäre fürchterlich bitter, so zu gehen. Aber es würde zu diesem, seinem Turnier passen.

Julian Draxler: Erlebte seine Sternstunde im Achtelfinale gegen die Slowakei (3:0), als er ein Tor vorbereitete und eines spektakulär selbst erzielte. Wird vom Bundestrainer für seine unglaublichen Fähigkeiten gefeiert, aber wegen ausbleibender Konstanz getadelt. Bringt er regelmäßig Spiele wie gegen die Osteuropäer auf die Platte, ist er ein unverzichtbarer Mann für die Zukunft.

Mario Götze: War als gesetzte Stammkraft zunächst so unauffällig, dass ein Radiosender vermutete, die Uefa habe ihn mit einem Einlaufkind verwechselt und in die Kita gebracht. Laut Löw und Bierhoff war's aber ganz anders. Götze sei fleißig und gut - spielte trotzdem immer weniger. Wurde mit zunehmender Zeit in Frankreich immer mehr guardiolarisiert, sprich geschont. Aktuell ist der Weltmeistermacher eher verzichtbar.

André Schürrle: Mit jeder Minute die er bei dieser EM nicht spielte, wurde der Noch-Wolfsburger für die interessierte Borussia aus Dortmund teurer. Hat seinen Marktwert im DFB-Basecamp in Évian auf mittlerweile 30 Millionen Euro hochtrainiert. Wechselt er wirklich und setzt sich beim BVB unter seinem Entdecker Thomas Tuchel durch, hat er eine Perspektive. Sonst nicht.

Lukas Podolski: "Ich muss mich vor keinem verstecken. Das habe ich bei dieser EM wieder gesehen. Und der Trainer kann das bestätigen." Sagt Podolski. In welcher Disziplin, das sagte er allerdings nicht. Bekam gegen die Slowakei ein paar Minuten geschenkt, überzeugte sonst vor allem als schützender "Schnüffel-Patron" des Bundestrainers.

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(Foto: imago/Ulmer/Teamfoto)

Emre Can: Wuchtig, kraftvoll, technisch gut. Durfte sich gegen die Franzosen als startender EM-Debütant beweisen. Wegen der Niederlage ging unter, dass der Liverpooler eigentlich eine ziemlich gute Partie ablieferte.

Julian Weigl: Hat 'nen Magnet im Fuß. Zieht den Ball noch magischer an, als die spanischen Tiki-Taka-Maschinen. Durfte das bei der EM allerdings nicht beweisen. Hat das Potenzial, ein so begabter Stratege wie Kroos zu werden. Und so lange Passen im Fußball eine erfolgversprechende Betätigung ist, wird Weigl seinen Weg machen. Beim BVB und für Deutschland.

Mario Gomez: Dass ausgerechnet er mal vermisst wird, von den deutschen Fernsehkameras gegen Frankreich immer wieder sehnsüchtig eingefangen wurde, hat sich der verletzte Torero sicher auch nicht träumen lassen. Führte die europäische Renaissance der echten Neuner an. Zeigte der Welt, dass er nicht nur rumsteht und den Ball reinhaut, sondern Angriffe auch mit Zauberfüßchen einleiten kann. Er hätte dem Angriff gegen Frankreich sehr, sehr gut getan. Aktuell unverzichtbar.

Leroy Sané: Jeder fußballbegeisterte Scheich dieser Welt bittet seine Bankberater um noch mehr Geld, um diesen Dribbler zu verpflichten. Löw aber ist kein Scheich und ließ den Schalker daher lange schmoren. Erst gegen Frankreich durfte er eine knappe Viertelstunde ran – jene 15 Minuten in denen Deutschland Chance über Chance vergab, Sané mittendrin. Wird was, der Junge.

Die Trainer

Joachim Löw: Hat gestern im ZDF-Interview ganz kurz gezögert, ob er beim nächsten Spiel der Deutschen gegen Finnland Ende August auch wieder auf der Bank sitzen werde. Wird er, ganz sicher, hat schließlich einen Vertrag bis 2018 - und gefeuert wird er zu 100 Prozent nicht. War in Frankreich so yogi wie nie zuvor. Hatte alles im Griff, behauptet ja auch, nichts falsch gemacht zu haben und bekommt dabei von höchster EM-Expertenstelle Recht. Warum also soll er gehen? Gibt keinen Grund.

Thomas Schneider: Plaudert so schön inhaltsleer wie sonst niemand. Hat unseren EM-Mann vor Ort in Évian als Floskelonkel derart begeistert, dass er ihn nie mehr missen möchte. Außerdem ist er fleißigster Mann am DFB-Phrasenschwein.

Marcus Sorg: Wird nach den Olympischen Spielen Onkel Horst (Hrubesch) als U21-Papa ablösen. Soll dennoch auch weiter bei Löw mithelfen. Keine Einwände.

Urs Siegenthaler (Chefscout): Fragen Sie mal Mehmet Scholl.

Quelle: n-tv.de

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