Fußball-WM

Warum Brasilien WM-Favort ist Im Reich von Neymar regiert König Casemiro

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Casemiro und Neymar.

(Foto: IMAGO/Sportimage)

20 Jahre nach dem letzten WM-Titel schickt sich Brasilien wieder an, um den berühmten Pokal mitzuspielen. Seitdem Neymar im Mittelfeld viele Freiheiten von Nationaltrainer Tite erhalten hat, kommt die brasilianische Offensivmaschinerie richtig in Gang.

Vor 16 Monaten traf Brasilien im Finale der Copa América auf Argentinien. Die Albiceleste wollte damals unter allen Umständen den Titel aus Brasilien mit nach Hause nehmen, denn zuvor musste die stolze Fußballnation für 28 Jahre ohne Pokalgewinn auskommen. Das 1:0 bescherte den Argentiniern den gewünschten Triumph, während Brasilien nur eine Nebenrolle einnahm. Die Seleção wirkte an jenem Tag uninspiriert und weit weg vom brillanten Offensivfußball der Vergangenheit.

Seit diesem verlorenen Endspiel gegen den Erzrivalen hat sich vieles zum Besseren verändert. Brasilien spielt mittlerweile mit Verve nach vorn und das hat in großen Teilen mit einer Umstellung zu tun: Cheftrainer Tite entschied sich dafür, Neymar aus dem Sturm eine Reihe nach hinten zu ziehen und den großen Star des Teams in eine ähnliche Rolle zu packen, wie er sie auch für Paris Saint-Germain bekleidet. Neymar fungiert nun nicht mehr ausschließlich als Chancenvorbereiter oder -verwerter im letzten Spielfeldabschnitt, sondern kurbelt die Offensive aus dem Mittelfeld an.

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Brasiliens Grundformation.

Er geht während einer Partie des Öfteren in die tieferen Mittelfeldzonen und fordert den Ball, was wiederum die ansonsten tiefer positionierten Mittelfeldkollegen Casemiro und Fred entlastet, denn diese haben nicht die Qualitäten wie Neymar in der Spielgestaltung. Was Neymar durch sein Positionsspiel ebenso bewirkt: Der Gegner gerät in Alarmbereitschaft und verfolgt gegebenenfalls den brasilianischen Star mit einem oder mehreren Spielern. Folglich entstehen Lücken und Freiräume für andere Offensivkräfte der Seleção.

Hochbegabte auf der Bank

Die zweite Folge des nun schwungvollen brasilianischen Offensivspiels besteht darin, dass auch die Nebenleute von Neymar aggressiver in Richtung Strafraum vorgehen. Das Passspiel wird mit mehr Risiko ausgeführt, Anspiele gehen häufiger direkt ins Zentrum und sollte der Ball verloren gehen, wird umgehend nachgesetzt und eine Rückeroberung eingeleitet.

Brasilien behandelt den Ball nicht mehr wie ein Fabergé-Ei, das unbedingt in den eigenen Reihen gehalten werden muss, sondern konzentriert sich wieder auf das eigentliche Ziel des Spiels - nämlich das Erzielen von Toren.

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So geht Brasilien ins Pressing.

Dass Nationaltrainer Tite zudem auf eine große Gruppe von hochbegabten Offensivkräften zurückgreifen kann, kommt begünstigend hinzu. Neben dem gesetzten Neymar gibt es noch so klangvolle wie Raphinha, Antony, Gabriel Martinelli, Lucas Paquetá, Rodrygo, Richarlison und Gabriel Jesus. Es scheint nicht einmal unrealistisch, dass Vinicius Junior, das Top-Talent von Real Madrid, eher von der Bank kommen wird. Wohl dem, der solche personellen Möglichkeiten hat.

Casemiro verteidigt alles weg

Aber Brasilien definiert sich trotz aller offensiven Qualität eben nicht nur über das Offensivspiel. Die Seleção kann auch sehr gut gegen den Ball arbeiten und erinnert in dieser Hinsicht ein wenig an das Team von 1994, das damals in den Vereinigten Staaten den WM-Titel einfuhr. Zu jener Zeit war Dunga der wichtige Mittelfeldanker, heute füllt Casemiro diese Rolle aus. Der 30-Jährige war im Sommer von Real Madrid zu Manchester United gewechselt, was auf den ersten Blick wie ein sportlicher Rückschritt wirkte. Finanziell wird es Casemiro nicht geschadet haben und darüber hinaus hat er nun eine Halbserie an der Seite von Fred verbracht, der auch im Nationalteam neben ihm positioniert sein wird.

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Casemiro ist wichtig als Raumblocker und, wenn notwendig, auch als Defensivzweikämpfer. Die Brasilianer praktizieren an sich ein intensives Angriffspressing, das Gegner gut zur Seitenlinie drängt, aber natürlich kommt trotzdem gelegentlich ein Pass ins Mittelfeldzentrum durch. Genau dann ist Casemiro mit seinem exzellenten Defensivtiming gefragt. (Siehe Grafik.) Der fünfmalige Champions-League-Sieger mag nicht derjenige sein, der Fans mit seinen Aktionen in Wallungen bringt, aber er ist essenziell für die Stabilität der Seleção, die trotz der neugewonnenen offensiven Fluidität Spiele weiterhin in der Defensive gewinnt.

Die Balance zwischen Offensive und Defensive, auf die Tite besonderen Wert legt, und das Rückgrat bestehend aus Casemiro und Neymar erinnern doch verdächtig an vergangene brasilianische Siegerteams, denn allein mit Ästhetik wurde Brasilien noch nie Weltmeister. Es brauchte immer auch harte Arbeit, für welche die aktuelle Mannschaft wieder steht.

Quelle: ntv.de

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