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10. März 1998: Giovanni Trapattoni spricht.
10. März 1998: Giovanni Trapattoni spricht.(Foto: imago/Fred Joch)
Freitag, 09. März 2018

"Was erlauben Strunz?!": Als Giovanni Trapattoni zum Vulkan wurde

Von Ben Redelings

Vor 20 Jahren schenkt uns Fußballtrainer Giovanni Trapattoni Redewendungen für die Ewigkeit. "Ich habe fertig" ist nicht mehr wegzudenken. Was jedoch kaum jemand weiß: Die Pressekonferenz wäre beinahe in die Verlängerung gegangen.

"Sind Sie bereit?" Als Giovanni Trapattoni am 10. März 1998 auf dem Weg zu einer der berühmtesten und unvergesslichsten Pressekonferenz der Geschichte war, ahnte nur einer, was für ein historischer Moment möglicherweise bevorstand. Es war der Mediendirektor des FC Bayern München. Markus Hörwick sagte auch viele Jahre später immer noch, er habe das Spektakel kommen sehen. Normalerweise habe sich der italienische Trainer der Münchner nämlich nur zwei, drei Sätze von einem Dolmetscher ins Deutsche übersetzen lassen, doch an diesem Tage sei er gleich mit einem Stapel Zetteln erschienen.

Links, das ist Giovanni Trapattoni. Und jetzt raten Sie mal, wer der Mann neben ihm ist.
Links, das ist Giovanni Trapattoni. Und jetzt raten Sie mal, wer der Mann neben ihm ist.(Foto: imago sportfotodienst)

Hörwick erinnert sich lebhaft: "Ich schwöre: Wenn die Trainerkabine einen Schlüssel gehabt hätte, ich hätte Giovanni eingeschlossen und den Schlüssel weggeworfen." Doch so blieb dem Mediendirektor nur einer der besten Plätze an diesem denkwürdigen Tag - in direkter Nähe des spektakulären Geschehens. Was nach dem knapp dreiminütigen Wortrausch blieb, waren Sätze für die Ewigkeit. "Ich habe fertig" oder der Ausruf "wie Flasche leer" sind in die deutsche Umgangssprache eingegangen.

Was aber kaum einer weiß: Giovanni Trapattoni wollte noch einmal in den Presseraum zurückkehren. Schon beim Rausgehen hatte er angeboten, falls es Nachfragen gäbe, könne er seine Worte gerne wiederholen. Doch nun stand er draußen vor der Tür und sagte zu Hörwick: "Habe ich was vergessen!" Der Mediendirektor beschwichtigte Trapattoni und ging mit ihm in die Kabine. Dort meinte er, dass er erst einmal schauen wolle, ob überhaupt noch jemand da sei. Als er die Türe zum Presseraum nur einen Spaltbreit öffnete, blickte er in einen aufgeregten Ameisenhaufen. Er eilte zu Trapattoni zurück - und sagte: "Du, die sind leider schon weg!"

"Wir musse de Fans Muschi zeigen!"

Kurz nach dem legendären Wutausbruch schaltete eine Fluggesellschaft Anzeigen mit dem Spruch: "Besser fliegen mit Flugzeug voll, als spielen wie Flasche leer." Viele Jahre später machte sich zudem jemand anderes ein berühmtes Zitat aus der Pressekonferenz des Maestros zunutze: Der Journalist Claus Strunz startete seine Sendung im Fernsehen unter dem schönen Titel "Was erlauben Strunz?". In Spielerkreisen kursiert aus der damaligen Zeit noch eine andere feine Geschichte, die mit Sprache zu tun hat.

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Nachdem der FC Bayern eine empfindliche Niederlage erlitten hatte, bei der Trapattoni aufs Neue die geringe Gegenwehr seiner Spieler bemängelt hatte, wollte er ihnen ein bisschen Dampf machen. Sie müssten endlich "Cojones" (Eier) zeigen, wollte er ihnen sagen. Und das auf Deutsch. Und so fragte er seinen Spieler Giovane Elber, was denn Cojones übersetzt heiße. Der Brasilianer sagte ihm etwas, Trap holte die komplette Mannschaft zusammen und rief energisch und laut: "Wir musse de Fans Muschi zeigen! Muschi, Muschi, Muschi, ich will Muschi sehen!" Das Team lag geschlossen vor Lachen am Boden und hielt sich die Bäuche. Elber marschierte grinsend zu seinem Trainer und klärte ihn auf. Trapattoni stutzte und stimmte dann freudig lachend mit ein.

"Ich bin weder Lollobrigida noch Monroe"

Der Fußballlehrer Trapattoni nahm sich eben selbst nicht so wichtig. Er vertrat die These: "Ich glaube, Trainer sind wie Fisch. Wenn sie frisch sind, sind sie gut, aber nach einer Weile fangen sie an zu stinken." In seinen besten Münchner Zeiten nannte ihn die "Abendzeitung" "Don Giovanni", und Bremens Manager Willi Lemke adelte ihn als "Broadway-Star in der Provinz". Giovanni Trapattoni waren Lobpreisungen solcher Art immer etwas unangenehm: "Ich bin weder Lollobrigida noch Monroe, ich verdiene all diese Aufmerksamkeit nicht - ich bin ja nicht so schön." Der schöne Schein interessierte ihn nicht: "Wenn ich jemanden von Image reden höre, denke ich unmittelbar an schöne Zitronen, die beim Öffnen komplett ohne Saft sind."

Eins trifft auf den italienischen Maestro dennoch zu wie auf kaum einen anderen Trainer: Der Mann ist ein Poet. Und das nicht nur auf Italienisch, sondern in fast allen Sprachen der Welt. Seine Zuhörer waren und sind stets aufrichtig begeistert. Wie der damalige Hertha-Trainer Falko Götz, der, einmal unter Zeitdruck stehend, auf einer Pressekonferenz lächelnd meinte: "Giovanni, du bist so gut, dafür verpasse ich gerne meinen Flug. Ich bleibe bis zur letzten Minute."

Im Grunde ist es im Nachhinein fast etwas schade, dass Bayerns Mediendirektor Hörwick am Tag der legendären Pressekonferenz in seiner Fürsorglichkeit eine Nachspielzeit verhinderte. Denn eins ist klar: Wirklich fertig hatte Giovanni Trapattoni an diesem Tage eigentlich noch lange nicht.

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Quelle: n-tv.de