Fußball

Legendäres WM-Finale 2014 in Rio Als Schweinsteiger sich zum Helden opferte

Vielleicht hat Bastian Schweinsteiger schon einmal besser Fußball gespielt als am 13. Juli 2014. Eine größere Leistung als im Endspiel der Weltmeisterschaft gegen Argentinien hat er indes nie geboten. Im Maracanã in Rio de Janeiro wird er zur Legende.

Es ist ein harter Kampf, bei dem er mehr von sich verlangt, als ein Fußballer vernünftigerweise zu geben bereit ist. Aber was ist schon normal an diesem Abend vor mehr als 80.000 Zuschauern im neuen, nicht mehr ganz so legendären Maracanã? Er weiß, dass dies seine letzte Chance ist. Jetzt oder nie mehr. Manchmal scheint es, als würde er ganz alleine gegen die argentinische Nationalelf kämpfen. Wenn einer sinnbildlich für den unbedingten Willen dieser deutschen Mannschaft steht, dann ist es Bastian Schweinsteiger. Sie halten ihn. Sie reißen ihn um. Sie treten und sie schlagen ihn. Doch er hält stand, wieder und wieder. Wie ein Untoter. Bundestrainer Joachim Löw hat einmal gesagt, dass er nicht gewusst habe, ob sein Spieler überhaupt nochmal aufstehe. "Er hat sich in jeden Zweikampf geworfen. Er war voller Adrenalin. Er hat einen Willen ausgestrahlt, der war unglaublich."

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Schweinsteiger nahm es auch mit Messi auf - mit Bravour.

(Foto: imago images/Fotoarena International)

Bastian Schweinsteiger hatte vor diesem 13. Juli 2014 alles gewonnen, was ein Fußballer mit seinem Verein gewinnen kann. Mit dem FC Bayern München war er sieben Mal deutscher Meister, ebenso oft hatte er mit den Münchenern den DFB-Pokal gewonnen. In der Champions League hatte er triumphiert und Klubweltmeister war er auch. Nur mit der deutschen Nationalmannschaft hatte es nicht zu etwas ganz Großem gereicht. Bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 stand am Ende Platz drei, bei der Europameisterschaft 2008 war es Platz zwei. Das ist außergewöhnlich, aber nicht ausgezeichnet. An diesem Abend in Rio de Janeiro nun wollte er diesen Makel tilgen. Dafür opferte er sich und seinen Körper. Schon ein Jahr vor der WM in Brasilien, seiner letzten, hatte er gesagt: "Das Wichtigste ist, dass wir die Entwicklung weiterführen und es dann schaffen, den ganz großen Triumph zu holen."

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"Jedem von uns ist ein Bild von seiner Karriere im Kopf, das Finale 2014. Er ist blutüberströmt, er steht immer wieder auf", sagte Joachim Löw am Dienstagmittag. Nur wenige Stunden später gab Schweinsteiger sein endgültiges Karriereende bekannt. Ob er es schon gewusst hat oder nicht, es lag auf der Hand, dass die Journalisten den Bundestrainer nach Schweinsteiger fragten. Am Tag bevor Deutschland an diesem Mittwoch (ab 20.45 Uhr live bei RTL und im Liveticker bei ntv.de) in Dortmund wieder auf Argentinien trifft, wenn auch nur in einem Testspiel.

Blutend und fassungslos

Tatsächlich ist das Bild des blutenden und fassungslos dreinblickenden Schweinsteiger in der 109. Minuten die Szene des Endspiels. Am Seitenrand wird er behandelt. Kevin Großkreutz steht als Ersatz schon bereit. Aber der Gladiator wankt zwei Minuten später an der Mittellinie zurück in die Arena. Sofort fordert er den Ball, Mats Hummels sieht ihn aber nicht. Und auch Jérôme Boateng nicht. Schweinsteiger breitet die Arme hilflos aus. Boateng passt zu Torwart Manuel Neuer. Schweinsteiger rennt nach hinten, Pass von Neuer. Endlich hat der Chef den Ball. Sofort wird er wieder attackiert.

Diese Bilder überstrahlen sogar den Moment, als Mario Götze Deutschland zum Weltmeister macht. André Schürrle rennt mit gesenktem Kopf, den Blick auf dem Ball über die linke Seite. Fernando Gago und Javier Mascherano attackieren ihn, aber Schürrle sprintet einfach weiter, immer geradeaus. Er hat keine Zeit zu schauen, wer seiner Kollegen wo im Strafraum steht, er flankt einfach auf gut Glück. Der Ball fliegt genau zu Götze. Der nimmt ihn mit der Brust an, der Ball fällt direkt vor seine Füße und Götze schießt ihn im Fallen mit links ins Tor. Nach 113 Minuten steht es 1:0 für Deutschland in einem schnellen, intensiven Finale, das die Zuschauer in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt.

Der letzte Ballkontakt vor dem Triumph, vor dem vierten Stern für die Auswahlmannschaft des DFB, er gehört Bastian Schweinsteiger. In der vierten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung springt er in eine hohe Hereingabe der Argentinier, er kassiert vom völlig übermotivierten Mascherano einen Check in den Rücken. Er fällt. Ein letztes Mal. Dann pfeift Schiedsrichter Nicola Rizzoli die Partie ab.

Nicht seine schlechteste Idee

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Deutschland ist Fußballweltmeister. Und Bastian Schweinsteiger auch. Zum 108. Mal hatte er seit seinem Debüt am 6. Juni 2004 für die Nationalmannschaft gespielt. Nun, zehn Jahre später, ist er am Ziel. Vielleicht hatte er zuvor schon einmal besser Fußball gespielt, wer kann das schon beurteilen? Nun aber hatte er das Spiel seines Lebens gespielt. Sich dafür ein WM-Endspiel auszusuchen, war nicht seine schlechteste Idee. Das Finale im Maracanã war ein wuchtiges Statement an all seine Kritiker, die ihn, der nicht fit in das Turnier gestartet war, als Problemfall ansahen.

Schweinsteiger gab dem deutschen Spiel Struktur und Rhythmus. Er passte, er grätsche. Auch um Lionel Messi kümmerte er sich. Er gewann 64 Prozent seiner Zweikämpfe, 90 Prozent seiner Zuspiele erreichten seine Mitspieler, und mit 15,3 Kilometern legte er von allen die längste Wegstrecke zurück. Er war der Chef, nicht nur im Mittelfeld. Er übernahm die Verantwortung und ging voran. Er hielt durch, schonte sich nicht und ließ sich nicht unterkriegen. Das war weltmeisterlich. "Es war ein Kampf, aber es musste sein", sagte er. "Die Beine sind natürlich im Arsch, aber es hat sich rentiert." Nun ist es endgültig vorbei. Bastian Schweinsteiger hat seine Karriere beendet. Viele Geschichten hat er geschrieben. Und er wurde unsterblich.

Quelle: n-tv.de

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