Fußball

Fußball-Zeitreise, 20.10.1973 Als die Bayern sieben Tore schluckten

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Klaus Toppmöller trifft per Kopf zum 2:4 - und Sepp Maier sagt nach dem, was danach passiert, sogar einen TV-Auftritt ab.

(Foto: imago sportfotodienst)

Dieser Nachmittag im Herbst 1973 auf dem Kaiserslauterer Betzenberg ist legendär. Nicht allein aufgrund der Tatsache, dass die Bayern sieben Tore in der Bundesliga kassierten, sondern vor allem deshalb, weil nach diesem Schreckenstag etwas Großartiges mit dem Team passierte.

Fast 40.000 Zuschauer drängen sich an diesem Herbsttag auf dem Betzenberg dicht an dicht aneinander. Es ist die Hoffnung auf die Sensation, die sie zu einer Einheit zusammenschweißt. Zwei Jahre hintereinander ist der FC Bayern um Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller deutscher Fußballmeister geworden. Nun wirken die Münchner ausgelaugt, platt - und ja, auch ein wenig satt. Sie reisen an diesem Nachmittag als Tabellenvierter der Bundesliga nach Kaiserslautern. Nur.

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FCK-Stürmer Josef Pirrung, Bayern-Torhüter Sepp Maier streckt sich vergeblich.

(Foto: imago sportfotodienst)

Denn nach einem Blitzstart mit drei Siegen in Folge haben sie fünf der letzten sechs Spiele nicht gewinnen können. Die Fans der Roten Teufel im Fritz-Walter-Stadion sind voller Hoffnung, als sie an diesem 20. Oktober 1973 sehnsüchtig auf den Anpfiff warten. Und: Sie sollen nicht enttäuscht werden an diesem historischen Tag. Doch erst einmal kommt alles anders, als erhofft. Denn nur drei Minuten lang ist die Welt nach dem Anpfiff von Schiedsrichter Horst Bonacker aus Quadrath-Ichendorf in Ordnung.

Dann zeigt der Schiedsrichter zum ersten Mal an diesem Tag zur Mittellinie. Zehnmal soll er diese Geste im Verlauf des Nachmittags noch wiederholen. Alleine dreimal wird Lauterns Torhüter Jupp Elting bis zur 36. Minute die Kugel aus seinem Netz holen müssen. Erst dann schlagen die Lauterer durch einen Treffer ihres Stürmers Josef Pirrung zurück. Bis zu diesem Moment haben die Münchener eine fabelhafte Leistung gezeigt. Nichts war zu sehen von der erwarteten Müdigkeit und Trägheit. Das 3:1 zur Pause ist mehr als verdient. Und als Gerd Müller in der 56. Spielminute zum 4:1 ins Tor des 1. FCK trifft, scheinen sich die Träume der Lauterer endgültig im Herbstnebel aufzulösen.

Platzverweis lässt alle Dämme brechen

Doch nur zwei Minuten später fällt der Startschuss für eine der verrücktesten Aufholjagden der Bundesliga-Geschichte. Klaus Toppmöller leitet mit seinem 2:4 die wilde Schluss-Halbestunde ein. Josef Pirrung schafft mit seinen Treffern zwei und drei den Ausgleich, bevor nach dem Platzverweis für den zweifachen Münchener Torschützen Bernd Gersdorff beim FC Bayern alle Dämme brechen. 7:4 heißt es beim Schlusspfiff von Schiri Bonacker.

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Bernd Gersdorff schießt erst zwei Tore für seinen FC Bayern und fliegt dann vom Platz. Uli Hoeneß begleitet seinen Mitspieler vom Feld.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Roten Teufel haben sich an diesem legendären Nachmittag in einen wahren Rausch gespielt, allen voran natürlich der dreifach erfolgreiche Seppl Pirrung. Lauterns Trainer Erich Ribbeck ist nach der Partie ganz aus dem Häuschen: "Das ist der größte Tag in meiner Trainerlaufbahn." Und Toppmöller, der drei Vorlagen gibt und ein Tor selbst erzielt, glaubt sogar mehr in der Niederlage der Münchener erkennen zu können: "Der Zerfall dieser einst so großen Mannschaft binnen Minuten war schon kein Drama mehr, sondern eine Tragödie. Es wurde nach einer Stunde deutlich: Den Bayern fehlt die Kondition!"

FCB-Torwart Maier sagt TV-Auftritt ab

Münchens Torwart Maier versucht die Situation mal wieder humorvoll zu umspielen: "Ein paar Bretter müssten wir zum nächsten Auswärtsspiel mitnehmen und damit vor dem Anpfiff unser Tor vernageln. Nur oben die Winkel, das würde schon nützen." Seinen Besuch der TV-Sendung "Spectaculum 1973" am Abend in München sagt er ab. Seine Begründung: Er habe sein eigenes Spektakel schon einige Stunden zuvor auf dem Platz erlebt.

Der Mann des Tages, Seppl Pirrung, kriegt auch beim späten Bier immer noch nicht genug von diesem Spiel: "Wenn es zehn Minuten länger gegangen wäre, dann hätten wir denen zehn Stück reingemacht. Der Beckenbauer wusste gar nicht mehr, wo die Mittellinie ist." Und Ribbeck meint in Erinnerung an einen faszinierenden Nachmittag immer noch gerührt: "Das ist mir noch nie passiert. Ich habe die Fassung verloren und geheult."

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Am nächsten Tag erwartete die Bayern-Profis zu Hause ein Gewitter. Ein reinigendes. Denn im Nachhinein, das weiß man heute, waren die sieben Tore des 20. Oktober 1973 auf dem Betzenberg der letzte und entscheidende Weckruf für die Mannschaft des FC Bayern München. Am Ende der Saison feiern die Spieler nicht nur den dritten Bundesligatitel in Folge und den Gewinn des Europapokals der Meister - die meisten Akteure werden im Anschluss auch noch Weltmeister mit dem Nationalteam im eigenen Land. Die "einst so große Mannschaft", wie Toppmöller sie genannt hatte, hatte sich ein letztes Mal aufgebäumt. Nach dieser Spielzeit überließ sie dann für drei lange Jahre der Gladbacher Borussia ihren Platz im Rampenlicht der Bundesliga.

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Hinweis der Redaktion: In einer ersten Fassung hieß es im Artikelteaser zunächst fälschlicherweise, der FC Bayern hätte in diesem Spiel erstmals sieben Tore in einer Bundesliga-Partie kassiert. Das haben wir korrigiert.

Quelle: n-tv.de

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