Fußball

Fußball-Zeitreise, 21.9.1992 Als die Fifa Maradona nach Sevilla schickte

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Bei der WM 1994 musste Maradona schwer leiden. Dass er überhaupt dabei sein konnte, ermöglichte ihm die Fifa.

(Foto: imago/Laci Perenyi)

In diesen Tagen ist die Fußballlegende Diego Maradona mit einem Film über sich in den Kinos. Vor 27 Jahren soll der argentinische Weltstar nach seiner Sperre endlich wieder auf den Fußballplatz. Doch ein Transfergerangel verhindert seine Rückkehr - bis sich eine überraschende Person einschaltet.

Im April 1991 war der große Diego Armando Maradona am Ende seiner Kräfte. Mit glasigen Augen und aufgedunsenem Gesicht sprach er in die Kameras: "Ich kann nicht mehr, ich will sterben." Sechs Wochen zuvor hatte man nach einem Spiel seines SSC Neapel Spuren von Kokain in seiner Doping-Probe festgestellt. Maradona verließ daraufhin Italien, flüchtete nach Buenos Aires und wurde dort schließlich überführt. "Ich habe den Rummel nicht mehr ertragen. Nur das Kokain machte mein Leben im goldenen Käfig erträglich", versuchte er sich zu rechtfertigen und zu retten, was noch zu retten war.

Nun, am Abend des 21. September 1992, war Diego Maradona endlich wieder glücklich. Endlich würde er wieder spielen dürfen. Sein Transfer vom SSC Neapel zum FC Sevilla war perfekt.

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Beim FC Sevilla traf Maradona auch auf Weltstar-Kollege Davor Suker.

(Foto: imago/Miguelez)

Fünfzehn Monate hatte man ihn zuvor wegen seines Kokainkonsums gesperrt. Aus Argentinien ließ die Legende des Weltfußballs zuvor verlauten: Er würde nicht mehr nach Italien zurückkehren. Dieses Kapitel wäre abgeschlossen in seinem Leben. Doch Maradona hatte die Rechnung ohne seinen langjährigen Lieblingsklub und Arbeitgeber gemacht. Der SSC Neapel bestand auf der Einhaltung des Vertrags, der erst im Sommer 1993 enden sollte - oder eben auf einer ordentliche Entschädigung mittels eines üppigen Transfererlöses.

Doch die Spanier vom FC Sevilla konnten und wollten die geforderte Summe nicht zahlen. Erst am Abend des 21. September 1992 gab es endlich den lang ersehnten Durchbruch. Und dieser kam durchaus überraschend für die Fußballöffentlichkeit zustande. Denn hinter dem Vermittlungserfolg steckte jemand ganz Besonderes: Es war die Fifa mit ihrem Generalsekretär Joseph S. Blatter. Dieser hatte sich in das Gerangel um Maradona eingeschaltet und auf höchster Ebene versucht, die Wogen zwischen den beiden Parteien zu glätten. Allein das war schon bemerkenswert.

Fifa sorgt sich um US-Interesse

Doch umso interessanter war der Grund für das Eingreifen der Fifa: Der Weltverband hatte Sorge, dass die kommende WM in den USA ein Flopp werden könnte, wenn der bekannteste aktive Fußballer der Welt - den sogar die weniger fußballbegeisterten US-Amerikaner kannten - nicht am Turnier teilnehmen würde. Und im Herbst 1992 schien ein Karriereende Maradonas tatsächlich nicht mehr in allzu weiter Ferne. Die langen Monate des unfreiwilligen Aussetzens und das Transfergerangel zwischen Neapel und Sevilla hatten den Argentinier mürbe gemacht. Doch dann kamen Blatter und die Fifa und alles ging plötzlich sehr schnell.

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Maradona spielte dem FC Sevilla die Kosten für sein Engagement schnell wieder ein.

(Foto: imago/Kicker/Liedel)

Dass die Verpflichtung von Maradona für den FC Sevilla kein allzu schlechtes Geschäft war, rechnete die "Sport Bild" kurz darauf vor. In der Rechnung des Magazins bekam Sevilla den Weltstar quasi kostenlos ins Haus geliefert. Was sich anhörte wie ein Märchen aus 1001 Nacht, belegte die Wochenzeitschrift Schritt für Schritt in Zahlen. Im Detail betrachtet waren diese tatsächlich sehr interessant: "Die Spanier zahlen laut Fifa-Urteil vom 22. September 11,3 Millionen Mark Ablöse an den SSC Neapel. Davon zahlt Maradona 6,78 Millionen aus eigener Tasche. Bleiben 4,52 Millionen Mark, die Sevilla bequem in vier Raten im Abstand von je sechs Monaten abzahlt. Zum Gewinn: Sevilla hat die TV-Rechte an Maradonas erstem Spiel gegen die Bayern für 2,3 Millionen Mark über die Agentur dorna verkauft. Das Spiel wurde in 48 Länder übertragen. Durch Bandenwerbung und Sponsorenverträge hat der Verein 800.000 Mark verdient. Sevillas Trikot-Sponsor Nintendo zahlte obendrein 1,48 Millionen Mark, um das Spiel zu präsentieren. Gesamtverdienst am Bayern-Spiel: 4,58 Millionen Mark - damit ist der Maradona-Transfer bereits voll finanziert."

Damals trugen 17.000 neue Dauerkarten (Einnahme: 2,25 Millionen Mark) und insgesamt 20.000 Fans, die mehr zu den Heimspielen kamen als zuvor, dazu bei, dass auch Maradonas Jahresgehalt von 4,5 Millionen sehr schnell refinanziert war. Eine äußerst erstaunliche Rechnung, die das Magazin damals aufmachte. Und wenn sie auch nur annähernd stimmte, dann hat sich auch der Hamburger SV anschließend sehr geärgert.

"Historische Chance": Maradona und der HSV

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Denn damals wollte ein angeblich "millionenschwerer Bauunternehmer", der Kieler Johnny Solterbeck, den argentinischen Weltmeister in die Hansestadt locken. Dem "Spiegel" vertraute er an: "Ich schenke dem HSV einen Starspieler. Ich ziehe das komplett allein über die Bühne." Mit einer durchaus unorthodoxen Idee wollte der Bauunternehmer den Maradona-Deal realisieren: Der Argentinier sollte nur in den Heimspielen eingesetzt werden. Bei Auswärtsbegegnungen hätte der HSV freiwillig auf den Superstar verzichtet - außer der Gegner hätte sich explizit die Anwesenheit Maradonas gewünscht. "Bei Auswärtsspielen hätte er nur gespielt, wenn wir an den Einnahmen der Gastgeber beteiligt worden wären. Denn zum HSV mit Maradona kommen auch in anderen Stadien automatisch 15.000 Zuschauer mehr", erklärte Solterbeck nach dem geplatzten Transfer. Günter Netzer soll damals gesagt haben: "Maradona in Hamburg - das ist eine historische Chance." Es sollte nicht sein.

Der FC Sevilla wurde in der Spielzeit 1992/93 übrigens Tabellensiebter. Fünf Plätze besser als in der Saison zuvor. Doch Maradona kehrte nach der Sommerpause nicht mehr nach Spanien zurück. Er hatte in den Ferien in seiner Heimat Argentinien mit einem Luftgewehr auf Journalisten geschossen und durfte das Land daraufhin für längere Zeit nicht verlassen.

Maradona sorgt für den erhofften Wirbel

Doch wenigstens ein Plan ging komplett auf: Maradona spielte wieder für die argentinische Nationalmannschaft und sicherte sich mit seinem Team die Teilnahme an der WM 1994 in den USA. Und auch dort lief (fast) alles so, wie es sich Joseph S. Blatter und der Weltfußballverband gewünscht hatten. Maradona sorgte auf und abseits des Platzes für Schlagzeilen. Doch leider nur für zwei Spiele. Dann wies man ihm die Einnahme eines Doping-Cocktails nach und sperrte ihn für den weiteren Verlauf des Turniers.

Das Ende der Karriere des großen Diego Armando Maradona bedeutete allerdings auch dieser weitere Rückschlag und eine erneute 15-monatige Sperre immer noch nicht. Erst am 30. Oktober 1997 bestritt die Fußball-Legende für Boca Juniors sein letztes Pflichtspiel. Doch all das lag am Abend des 21. September 1992 noch in weiter Ferne. Damals war Diego Armando Maradona einfach nur froh, dass er endlich wieder das tun durfte, was ihn glücklich machte - und am Leben erhielt.

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Quelle: n-tv.de

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