Fußball

BVB-Klatsche und Trainer-Posse Bei Hannover 96 regiert nur noch das Chaos

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Trainer auf Abruf: Hannovers André Breitenreiter, der beim 1:5 in Dortmund keine sportlichen Argumente sammeln konnte.

(Foto: imago/Team 2)

Hannovers Spieler bringen derzeit keinen anständigen Fußball zustande, die Bosse nur Kommunikation auf Kreisliganiveau. Resultat: Abstiegsangst und Negativ-Rekord in der Bundesliga. Mittendrin: Noch-Coach Breitenreiter. Der muss nach der kuriosen Klatsche beim BVB wohl endgültig gehen.

André Breitenreiter wirkte richtiggehend gelöst, als er nach dem Abpfiff auf den Rasen des Dortmunder Stadions lief. Der Trainer von Hannover 96 klatschte die Spieler des Gegners ab und herzte die eigenen. Nichts Außergewöhnliches also - wenn man davon absieht, dass seine Mannschaft beim Tabellenführer gerade eine 1:5-Klatsche kassiert hatte und Breitenreiter vor dem Rauswurf steht. Zumindest pfeifen das die Spatzen in der niedersächsischen Hauptstadt schon länger von den Dächern. Und nun, nach dem ergebnistechnisch höchst bitteren Betriebsausflug nach Dortmund, dürfte nach Lage der Dinge der Zeitpunkt für die Demission bald gekommen sein.

Während der BVB zu 48 Punkten nach 19 Spieltagen und damit zu einem neuen Vereinsrekord tanzte, steht Hannover nach der Klatsche mit nur elf Punkten so schlecht wie noch in der Vereinsgeschichte zu diesem Saisonzeitpunkt da. Breitenreiter dankte dennoch seinen Akteuren "für die couragierte Leistung", man habe 60 Minuten "tatsächlich auf Augenhöhe agiert". Und dann leistete sich der 45-Jährige vor dem Mikrophon des Bezahlsenders "Sky" eine schöne Freudsche Fehlleistung, als er zu Protokoll gab, es gehe nicht um ihn, "sondern darum, Hannover 96 vor dem Klassenerhalt zu bewahren". Gemeint war natürlich das Gegenteil, vermieden werden soll der Abstieg. Aber würde man die Aussage von Breitenreiter einfach wörtlich nehmen, müsste man festhalten: Hannover 96 ist auf einem ziemlich guten Weg.

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Um Hannover steht es so schlimm, wie es ausschaut - auch abseits des Rasens.

(Foto: imago/Eibner)

Die sportliche Bilanz des Tabellenvorletzten fällt im Winter ähnlich desaströs aus wie das sonstige Erscheinungsbild des Vereins. Es gibt keine Punkte, keine Hoffnung und keine Kommunikation, statt mit- redet man lieber übereinander, zuletzt bevorzugt über Breitenreiters Zukunft. Entsprechend vernichtend fiel zuletzt das Urteil des "Kicker" aus: "Hannover 96 präsentiert sich in der aktuellen Situation nicht nur auf dem Rasen zweitklassig", ätzte das Fachmagazin. Die Folge für Breitenreiter: Er ist in Hannover nur noch ein Trainer auf Abruf, und das ist eine Situation, die fast ebenso an den Nerven zehrt wie die prekäre Tabellensituation.

Neue Impulse gesucht

"Ich bin enttäuscht, dass man mit mir nicht gesprochen hat", monierte Breitenreiter unter der Woche. Er vermisse die Gesprächskultur, die in der Landeshauptstadt von Niedersachsen verloren gegangen sei: "Wir haben hier die ganze Zeit ja vertrauensvoll gehandelt. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass man mit mir offen spricht", sagt Breitenreiter. Er könne es durchaus "nachvollziehen, wenn man der Mannschaft einen neuen Impuls geben möchte, weil es einzig und allein darum geht, dass Hannover 96 die Klasse hält. Man hätte mir ja ein Signal geben können, aber das ist nicht erfolgt."

Die Adressaten der Breitenreiter'schen Kritik sind Klubchef Martin Kind und Manager Horst Heldt, der auf die Worte des Noch-Trainers durchaus selbstkritisch reagierte: "Wenn André das so empfindet, dann ist es nicht gut. Wir müssen das akzeptieren und respektieren."

Das Bild, das Hannover 96 im trüben Januar abgibt, ist nicht nur deshalb erbärmlich, weil die Mannschaft sportlich keinen Erstligaansprüchen genügt. In Dortmund brach sie nach sehr ordentlicher erster Halbzeit nach der Pause komplett zusammen, was Breitenreiter mit Gleichmut hinnahm: "Wenn man einen Tiefschlag erleidet, kann einen auch ein Doppel- oder Dreifachschlag ereilen. Aber es geht weiter." Der Tiefschlag war ein haarsträubender Abwehrfehler von Miiko Albornoz in der 60. Minute, nach dem H96 drei Gegentore binnen acht Minuten kassierte und fortan auf Kreisliganiveau verteidigte - was insofern passte, da sich auch die interne Kommunikation bei Hannover 96 auf dieser Niveaustufe eingependelt zu haben scheint. Zu klären wäre nur, ob man damit redlich bemühten Vereinen aus dem Amateurfußball nicht zu nahe tritt.

Interner Abnutzungskampf

Bereits in der Winterpause hatte Breitenreiter seinen Chef Kind angegriffen. Der Trainer forderte vehement personelle Verstärkungen im Abstiegskampf. Nach den Verpflichtungen von Kevin Akpoguma, Nicolai Müller und Jonathas hatte Kind das Transferfenster eigentlich geschlossen, was Breitenreiter erzürnte. Nach dem kläglichen Auftritt bei der Heimniederlage gegen Bremen zum Auftakt der Rückrunde stellte Kind dann jedoch plötzlich wieder neue Spieler in Aussicht.

Allerdings wusste der Mann, der die Transfers aushandeln soll, davon nichts: "Das hat uns überrascht", sagte Heldt: "Schön, dass die Tür wieder offen ist. Mal sehen, was wir noch umgesetzt bekommen."

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Akut auf Klarheitssuche: H96-Manager Horst Heldt und die Vereinsgremien.

(Foto: imago/Joachim Sielski)

Nach strategischem Weitblick klingt das nicht, und das setzt sich nahtlos auf dem Rasen fort. Magere elf Punkte aus 19 Spielen, zwei Nullnummern zum Rückrundenstart, das ist "viel zu wenig", weiß Breitenreiter. De facto ist das die Bilanz eines Absteigers, Hannover droht akut der sechste Absturz in die Zweitklassigkeit. "Dafür bin sportlich verantwortlich", sagt Breitenreiter. Das wird nicht nur Trainer so beurteilen, und deshalb ist es wohl nur eine Frage von Tagen oder Stunden, bis die sportlichen Geschicke des Deutschen Meisters von 1954 in andere Hände gegeben werden, auch wenn Kapitän Waldemar Anton eine Lanze für seinen Chef brach: "Wir sind in der Mannschaft sehr zufrieden mit Breitenreiter, er hat immer einen guten Plan, das hat man ja heute auch gesehen." Die zwölfte Saisonniederlage für H96 setzte es dennoch, Breitenreiters Verbleib ist unwahrscheinlich.

Manager Heldt erklärte dazu in Dortmund nur: "Wir werden das jetzt erst einmal intern besprechen. Sie können nicht erwarten, dass wir heute Klarheit schaffen. Das ist nicht möglich." Zunächst will er sich mit Clubchef Martin Kind und den Vereinsgremien austauschen: "Wir werden Klarheit schaffen, wenn wir Klarheit gefunden haben. Und dann werden wir es verkünden."

Nachfolgersuche läuft längst

Wie sich Kind das Schaffen von Klarheit vorstellt, ist bekannt. "Zur Verantwortung gehört es natürlich auch, sich den Markt genau anzusehen", sagte der Klubboss vor der Abreise zum Punktspiel nach Dortmund. Als erfolgreicher Unternehmer betrachtet der Klubchef die Dinge rein wirtschaftlich. Kind forderte von seiner sportlichen Führungskraft unmissverständlich, den Markt nach Alternativen zu sondieren: "Ich erwarte von Herrn Heldt, dass die verfügbaren Trainer bekannt sind und die, die nach seiner Einschätzung das Profil erfüllen, bei Hannover 96 tätig werden können."

Vor dem Anpfiff in Dortmund, neben dem Gastspiel beim FC Bayern die undankbarste Aufgabe in der Fußball-Bundesliga, wünschte sich Breitenreiter "eine gewisse Gelassenheit und Leichtigkeit". Doch wo sollen die herkommen in einem Umfeld, in dem sich die Protagonisten permanent gegenseitig Knüppel zwischen die Beine werfen? Doch mit solchen Problemen wird sich Breitenreiter wahrscheinlich bald nicht mehr herumärgern müssen. Wobei jetzt schon feststeht: Sein Nachfolger ist um den Job auf der Hannoveraner Bank nicht zu beneiden.

Quelle: ntv.de