Fußball

Schalkes Albtraum in sechs Minuten Breitenreiters Schicksal scheint besiegelt

d39c2c1bb7aa87c2fbd55f899edc2001.jpg

Lange Gesichter auf Schalke: In nur sechs Minuten dreht Leverkusen das Spiel von 0:2 auf den 3:2-Endstand.

(Foto: dpa)

André Breitenreiter ringt um Antworten. Nach einer starken ersten Hälfte brechen die Gelsenkirchener ein und verlieren ein sicher geglaubtes Spiel an die Bayer-Elf. Von einer langfristigen Zukunft für den Trainer redet auf Schalke kaum einer mehr.

Schalkes Trainer wirkte konsterniert. Mit einem trockenen "Ja" beantwortete André Breitenreiter die Frage, ob das Spiel an diesem Samstagabend gegen Bayer 04 Leverkusen ein Spiegelbild dieser Spielzeit in der Fußball-Bundesliga sei. "Wir haben die vielleicht beste erste Hälfte der Saison gespielt und gesehen, was möglich ist, wenn wir das machen, was wir uns vornehmen." Mit 2:0 hatten die Gelsenkirchener nach Toren von Eric Maxim Choupo-Moting (14. Minute) und Leroy Sané (29.) zur Pause geführt. Doch dann trafen Julian Brandt (54.) und Karim Bellarabi (56.) und Javier Hernandez (60.), drehten in nur sechseinhalb Minuten die Partie, siegten mit 3:2 - und ließen ebenso konsternierte wie ratlose Schalker zurück.

b6163bcd1c5c0b25c1496da8269ec856.jpg

Der Blick sagt alles: André Breitenreiter.

(Foto: dpa)

Während Breitenreiter in den vergangenen Wochen eher die positiven Aspekte herausgestrichen hatte, versuchte er diesmal gar nicht erst: "Wir sind nach dem Seitenwechsel in einen Tiefschlaf verfallen. Die Mannschaft war schockiert." Wer eine Antwort darauf haben will, warum der FC Schalke 04 zumindest einen Platz in der Champions League klar verfehlen wird, der musste sich nur diese Partie am 31. Spieltag anschauen. In 94 Minuten wurden fast alle Stärken und Schwächen der Gelsenkirchener aufgezeigt.

Vor dem Spiel hatte Breitenreiter versucht, den Druck von seiner Mannschaft zu nehmen. Bewusst verzichtete er darauf, die Partie als "Endspiel" zu bezeichnen. Hinterher muss Schalke jedoch endgültig um das internationale Geschäft bangen. Von einer langfristigen Zukunft Breitenreiters in Gelsenkirchen geht mittlerweile niemand mehr aus. Am Freitag hatte der "Westfälische Anzeiger" berichtet, dass Breitenreiter im Falle einer Niederlage gegen die Elf seines Kollegen Roger Schmidt durch den ehemaligen Schalker Fanliebling und Eurofighter Mike Büskens ersetzt werden solle. In vielen Punkten scheint die mediale Kritik am ehemaligen Trainer des TSV Havelse zwar übertrieben. Breitenreiter muss sich aber ankreiden lassen, dass er es nicht geschafft hat, seiner Mannschaft die Fähigkeiten eines Top-Teams zu vermitteln. Im Gegensatz zum FC Bayern, zur Dortmunder Borussia und eben Leverkusen schaffen es die Schalker  nicht, eine Begegnung mit ruhigem und effizienten Ballbesitzspiel zu beherrschen.

4957b598f11ccab4b5200f87150e30d4.jpg

Manche Fans stellen auch Schalke-Boss Clemens Tönnies infrage.

(Foto: imago/DeFodi)

An der grundsätzlichen Qualität als Trainer dürfte es Breitenreiter nicht mangeln. Mit seiner Verpflichtung des einstigen Paderborner Erfolgstrainers wollte Manager Horst Heldt frischen Offensivfußball in Gelsenkirchen etablieren - speziell nach dem Abgang des unbeliebten Defensivspezialisten Roberto di Matteo. Jedoch scheint Heldt, der Gelsenkirchen im Sommer verlässt, den Faktor Erfahrung unterschätzt zu haben. Während Breitenreiter seine sechste Saison als Trainer bestreitet, war Thomas Tuchel vor seinem Wechsel nach Dortmund bereits 15 Jahre im Geschäft. Das Hauptmanko der Schalker: Wie in den Spielen zuvor legten sie auch gegen Leverkusener los wie die Feuerwehr, konnten das hohe Tempo jedoch nicht über volle 90 Minuten halten. In der 1.Halbzeit schien es noch so, als sei Breitenreiter ein klassisches Stehaufmännchen, das oft wankt aber nicht umfällt. Mit der Hereinnahme von Sead Kolasinac und Max Meyer sowie einer wesentlich angriffslustigeren Ausrichtung als noch beim Spiel in München, wollte der 42-jährige Schalke-Coach dem Spiel neuen Schwung vermitteln. In der ersten Halbzeit wurde auch klar, dass die Mannschaft keinesfalls gegen Breitenreiter spielt. Speziell in der zweiten Hälfte wurde jedoch ebenso deutlich, dass Breitenreiter es nicht schafft, seiner Mannschaft Konstanz zu vermitteln.

Fans fordern Veränderungen

Bezeichnend dafür war die Entstehung der Gegentore zwei und drei. Im Vorfeld des 1:2-Anschlusstreffers wollte Schalkes eigentlicher Leistungsträger Ralf Fährmann, der auch beim 2:2 keine gute Figur machte, das Spiel schnell machen und traf mit einem Abwurf den Gegenspieler aus Leverkusen. Bitter für Fährmann, dass ihm die Fehler ausgerechnet unter den Augen von DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke unterliefen, der sich die Chance nicht nehmen ließ, die Konkurrenten Bernd Leno und Fährmann im direkten Duell unter die Lupe zu nehmen.

Von den Spielern wollte sich nach dem Spiel kaum jemand äußern. Der Ex-Mainzer Eric-Maxim Choupo-Moting erzielte nicht nur durch ein feines Solo das 1:0. Er war auch einer der Wenigen, der Stellung bezog. "Wenn wir 2:0 führen, müssen wir nicht auf Teufel komm raus auf das dritte Tor drängen", legte Schalkes Offensivmann den Finger in die offene Wunde: "Dieses Spiel dann so aus der Hand zu geben, war schon relativ naiv, dumm und selbverschuldet." Besonders wurmte dabei der Gegentreffer zum 2:3. Da rückte fast die gesamte Schalker Truppe im Harakiri-Stil in die gegnerische Hälfte auf und ließ sich von den ohnehin leichtfüßigen Leverkusenern um Bellarabi und Julian Brandt mustergültig auskontern.

An einer Frage biss er sich ein wenig die Zähne aus: Woran liegt es, dass Schalke in letzter Zeit regelmäßig in der ersten halben Stunde eines Spiels gut mithält, um dann auf mysteriöse Weise einzubrechen? Choupo-Moting versuchte das Unerklärliche gegenüber den anwesenden Medienvertretern dann doch zu erklären: "Das sind kleine Prozente, die man nachlässt. Wenn es vier oder fünf Spieler betrifft, dann geht das auf die Mannschaft über. In der Bundesliga wird das direkt bestraft." Der Unmut der Gelsenkirchener Anhänger richtet sich weniger gegen den Trainer, sondern in erster Linie gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies. Der Wurstfabrikant möchte auf der nächsten Jahreshauptversammlung antreten. Vor dem Spiel hielten die Anhänger ein Transparent hoch mit dem Schriftzug: "MV 2016: HÖCHSTE ZEIT FÜR VERÄNDERUNGEN".

"Unruhe und Schalke 04 – das gehört leider in letzter Zeit zusammen", stellte Choupo-Moting nach dem Spiel leicht süffisant fest: "Wir versuchen uns aber auf unsere Aufgaben zu konzentrieren." Die zweite Halbzeit habe nichts mit der Unruhe zu tun: "Natürlich ist es bitter, dass wir die Dinger so kassieren. Aber wir haben in der ersten Halbzeit eine gute Leistung gezeigt und bewiesen, dass wir uns von der Unruhe nicht haben beeinflussen lassen."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.