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Und wo bleibt das Verbotsschild für Vuvuzelas?
Und wo bleibt das Verbotsschild für Vuvuzelas?(Foto: imago sportfotodienst)
Samstag, 02. Juni 2018

WM-Countdown (12): Bringt niemals nicht die Axt ins Stadion

Von Katrin Scheib, Moskau

Anderen Leuten guten Rat geben, darin sind die Menschen im WM-Gastgeberland Russland ganz weit vorne. Davon hat sich Nigerias Trainer Gernot Rohr anregen lassen: Sein Ratschlag in einem Fifa-Video geriet allerdings ziemlich schräg.

Was sie hier in Russland ja wirklich gut können: einem ungefragt gute Ratschläge geben. Besonders fällt das auf, wenn Besuch mit Kindern hier nach Moskau kommt: Kein Spielplatzbesuch, ohne dass wohlmeinende Passanten (ist Passanten das richtige Wort, wenn sie gar nicht vorbeigehen, sondern auf Bänken sitzen?) einen maßregeln: "Warum hat das Kind denn keine Schneehose an?" (Weil kein Schnee liegt.) "Warum hat das Kind denn keine Mütze auf?" (Weil Mai ist.) "Warum klettert das Kind denn da alleine rauf?" (Weil es acht Jahre alt ist.)

Katrin Scheib

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie just nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Für n-tv.de schreibt sie den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt. Außer der Reihe hat sie sich mit der Frage beschäftigt: Wie sicher ist Russland für schwule und lesbische Fans?

Auch als Erwachsene ist man vor derart fürsorglichen Belehrungen nicht geschützt. Im Winter stand ich hier mal an einer Bushaltestelle und merkte irgendwann, dass der Blick einer älteren Dame auf mir ruhte. Minutenlanges Taxieren, offenbar kam sie zu dem Schluss, es mit einer Inostranka, also einer Ausländerin, zu tun zu haben. "Do you speak English?", hub sie an, und schob, kaum hatte ich bejaht, sofort im Fräulein-Rottenmeier-Ton nach: "Where is your woollen hat?"

Die beste aller möglichen Russischlehrerinnen, mit der ich zweimal die Woche das Vergnügen habe, hat es mal so auf den Punkt gebracht: "Unser Land ist halt immer noch eine Sowjetrepublik." Denn "sowjet" ist, wie im Deutschen, ein Teekesselchen: Es bedeutet sowohl "Rat" im Sinne von Gremium (Stadtrat, Ältestenrat) also auch im Sinne von guter Rat (Jetzt setzen Sie sich doch endlich eine Wollmütze auf!).

Kein Wunder also, dass sich die WM-Organisatoren ans landestypische Verhalten angepasst haben. Sie haben ein Video veröffentlicht, in dem die Trainer einiger WM-Mannschaften guten Rat an Fußballfans verteilen. "Bringt eure Fan-ID mit", fordert Perus Nolberto Solano. "Bitte seid früh am Stadion", sagt Englands Gareth Southgate. "Wir kommen mit dem Bus, also nehmt ihr doch auch den ÖPNV", grummelt Portugals Fernando Santos. Gerade, als man mit einem Auftritt von Jogi Löw rechnet ("Packt eure Nivea-Haarkur ein, das Wasser in Moskau ist sehr hart"), erscheint auf dem Bildschirm Gernot Rohr. Der Mannheimer trainiert die nigerianische Nationalmannschaft und haut nun folgenden Satz raus: "Nicht vergessen: Keine verbotenen Gegenstände nicht ins Stadion mitnehmen."

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Hm, das ist jetzt natürlich doof - ich hatte eigentlich vor, Spitzhacke, Kettensäge, Gaskartusche und Armbrust zuhause zu lassen. Aber wenn Herr Rohr das so möchte, muss ich sie wohl doch mitbringen. Denn kurze Recherche (danke, Team Twitter!) ergibt: Doppelte Verneinung als besonders betontes Nein, sowas gibt es zwar in ein paar deutschen Dialekten, aber nicht im Mannemerisch. Rohr muss seine Aufforderung im Fifa-Video also so gemeint haben, wie er sie gesagt hat. Oder er hat sich, ganz unterbewusst, schon mal ans Russische angepasst. Da muss, wer etwas verneinen will, das tatsächlich doppelt moppeln. Wörtlich übersetzt klingt das dann so: In Moskau bin ich noch niemals nicht gewesen. Bier kann man hier abends nirgendwo nicht kaufen. Und guten Rat habe ich noch niemandem nicht gegeben.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de