Fußball

Die Lehren der EM-Qualifikation DFB-Elf fehlen Mut, Härte - und Kai Havertz

imago42192477h.jpg

Vielleicht schon bald ein Mann für Joachim Löws Startelf? Kai Havertz bringt jedenfalls viel mit, um der deutschen Nationalelf zu helfen.

(Foto: imago images / Schüler)

Und jetzt, alles wieder gut? Mit 2:0 (0:0) hat die deutsche Fußball-Nationalelf am Montagabend in Belfast gegen Nordirland ihr Qualifikationsspiel auf dem Weg zur Europameisterschaft 2020 gewonnen. Damit steht sie nach bislang vier Siegen und nur einer Niederlage mit zwölf Punkten an der Tabellenspitze der Gruppe C. Vor eben den Nordiren und den Niederländern, gegen die es am Freitagabend in Hamburg noch eine ziemlich erschüttende 2:4-Pleite gegeben hatte. Fußballer und jene, die über sie berichten, sprechen in solchen Fällen gerne davon, die Mannschaft habe eine Reaktion gezeigt. Nun ja, sie hat sich dem Kampf gestellt. Aber souverän war das nicht. Nun geht es am 9. Oktober mit einem Testspiel in Dortmund gegen Argentinien weiter, dann folgen die letzten drei Qualifikationspartien: am 13. Oktober in Tallinn gegen Estland, am 16. November in Mönchengladbach gegen Weißrussland und am 19. November in Frankfurt gegen Nordirland. Aber hier erstmal die Lehren aus den Partien gegen die Niederlande und Nordirland.

1. Die DFB-Elf ist noch nicht so weit

Nordirland - Deutschland 0:2 (0:0)

Tore: 0:1 Halstenberg (48.), 0:2 Gnabry (90.+2)

Nordirland: Peacock-Farrell, Cathcart, Jonny Evans, Lewis – McNair, Davis, Saville ab 70. Magennis - Corry Evans, Washington ab 83. Lavery, McGinn ab 59. Whyte. Trainer: O'Neill

Deutschland: Neuer – Klostermann, Ginter ab 40. Tah, Süle, Halstenberg - Kimmich, Kroos  - Reus ab 85. Can, Werner ab 68. Havertz, Gnabry, Brandt. Trainer: Löw

Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)

Zuschauer: 18.104 (ausverkauft)

Beim 2:4 gegen die Niederlande hat die deutsche Mannschaft nicht nur ein Qualifikationsspiel verloren, sondern es wurde deutlich, dass sie lange noch nicht so weit ist, um schon wieder mit den richtig guten Teams mithalten zu können. Es deutet wenig darauf hin, dass sie in der Lage ist, im Sommer kommenden Jahres um den kontinentalen Titel mitzuspielen. So ein Umbruch braucht seine Zeit, auch wenn sie beim DFB gut ein Jahr nach der völlig verkorksten Weltmeisterschaft in Russland schon wieder davon sprachen, irgendwie ja doch zu den Besten zu gehören. Das dürfte auch Bundestrainer Joachim Löw erkannt haben. Auch dürfte er gesehen haben, dass sein Team in Belfast vor 18.104 größtenteils sehr, sehr begeisterten Zuschauern im Windsor Park in der ersten Halbzeit gegen eine hart kämpfende Green and White Army schlichtweg um ihr sportliches Überleben kämpfte. Das war teilweise erschreckend. Die Nordiren merkten schnell, dass von den Deutschen wenig bis nichts kam und suchten ihre Chance. Und auch nachdem der Leipziger Marcel Halstenberg die DFB-Elf mit seinem Volleyschuss in Führung gebracht hatte, stand das Spiel jederzeit auf der Kippe. Erst in der zweiten Minute der Nachspielzeit sorgte Serge Gnabry für das 2:0.

2. Die DFB-Elf muss auch gar nicht so weit sein

Die Frage ist doch, was man von einer Mannschaft erwarten kann, die sich nach einem völlig verkorksten Turnier neu finden muss. Manager Oliver Bierhoff hatte diesem Ansinnen jedenfalls keinen Gefallen getan, als er vor der Niederlage gegen die Niederlande davon sprach, dass die deutsche Nationalelf irgendwie doch immer noch zu den besseren auf dieser Welt gehöre. Ständig darüber zu spekulieren, wie titelreif die Mannschaft in die Europameisterschaft im Sommer nächsten Jahres geht, bringt niemandem etwas, vor allem nicht den Spielern. Vorschlag: Einfach mal beim DFB die schon wieder aufkommende Selbstzufriedenheit unterdrücken und sich mit weniger begnügen. Wenn dann am Ende mehr dabei herauskommt, ist das umso besser. Denn wenn junge, gute Spieler wie Timo Werner, Julian Brandt, Gnabry und Kai Havertz ständig am Maßstab "Titelreife" oder gar "Weltklasse" gemessen werden, dann können sie dabei nur schlecht abschneiden. Wenn das Team aber daran gemessen wird, wie es sich entwickelt, dann wäre das doch eine gute Idee.

3. Joachim Löw erkennt die Zeichen der Zeit

Für diese Entwicklung ist der Bundestrainer zuständig. Er hat es so gewollt. Löw hat seinen Spielern aber auch keinen Gefallen getan, als er sie in der vergangenen Woche mit denen vom 2010 verglich, auch wenn er es vielleicht gut gemeint hat und ihnen damit nur sagen wollte, wie viel er von ihnen hält. Jérôme Boateng, Philipp Lahm, Sami Khedira, Toni Kroos, Mesut Özil, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose, Thomas Müller und Lukas Podolski stürmten bei der Weltmeisterschaft in Südafrika mit einem 4:1 gegen England und einem 4:0 gegen Argentinien überraschend ohne den verletzten Kapitän Michael Ballack bis ins Halbfinale. Und 2014 in Brasilien, vier Jahre später, gewannen sie den Titel. Die Spieler von heute mit dieser Goldenen Generation zu vergleichen, ist eher kontraproduktiv. In Belfast deutete der Bundestrainer an, dass er die Zeichen der Zeit erkannt haben könnte. Auf die Frage, wie weit es seine Mannschaft bringen könne, antwortete er: "Das Potential ist vorhanden." Aber er könne "jetzt auch nicht sagen, wo wir nächstes Jahr stehen". Mehrmals betonte er, dass es für ein so junges Team wichtig sei, gemeinsam zu trainieren und Spielpraxis zu gewinnen. "Wir müssen schon auch mal was probieren, aber überwiegend müssen wir uns einspielen." Das habe nun oberste Priorität, dran werde er arbeiten. Schließlich sei der Weg zurück in die Spitze "kein einfaches Unterfangen". Das hört sich doch schon mal ganz vernünftig an.

4. Eine Rückholaktion wäre ein Fehler

Unvernünftig hingegen wäre es, nach einem sehr schlechten und einem nicht besonders guten Spiel alles über den Haufen zu werfen und den Neuaufbau durch eine Rückholaktion zu hemmen. Genau das würde dem von Löw propagierten Ziel widersprechen, den jungen Spielern Verantwortung zu geben, auf dass sie daran wachsen. Wir nehmen einfach mal an, dass Löw sich etwas dabei gedacht hat, als er seinen Weltmeistern Boateng, Müller und Mats Hummels im März mitgeteilt hat, dass er sie nicht mehr braucht. Bei Hummels war es die sportlich härteste Entscheidung. Und der Gedanke ist ja auch erst einmal gar nicht so dumm, den 30 Jahre alten Innenverteidiger wieder ins Boot zu holen, um ihn dem sechs Jahre jüngeren Niklas Süle an die Seite zu stellen, der noch in seine Rolle als Chef der Abwehr hineinwachsen muss. Aber täte der Bundestrainer das, würde er ein völlig falsches Signal aussenden. Das weiß er und ließ deshalb nach dem 2:4 gegen die Elftal ausrichten, dass zu diesem Thema alles gesagt sei. Jetzt sind halt die zuletzt etwas wackeligen Jonathan Tah und Matthias Ginter sowie der noch verletzte Antonio Rüdiger gefragt.

5. Ein bisschen mehr Mut wäre gut

78c38cdb1d61458b04851052e896f482.jpg

Wann kommt einem schon mal so ein Talent wie Kai Havertz unter?

(Foto: imago images / Schüler)

Dabei drängt sich allerdings die Frage auf, wie lange diese Spieler noch brauchen und wie weit sie es bringen können. Kurzum: Ist die Qualität in der Nationalmannschaft wirklich so hoch, wie Löw es stets propagiert? Vor allem in der Abwehr liegt einiges im Argen, gegen Nordirland stand zwar die Null, aber nur mit Glück und einem überragenden Kapitän Manuel Neuer im Tor. Das Problem im Mannschaftssport ist, dass alles mit allem zusammenhängt und sich nie alle Spieler gleich schnell und gleich weit entwickeln. Auch das ist Löws Aufgabe, er muss das lenken, leiten und moderieren. Und vielleicht muss er noch ein wenig mutiger werden. Kai Havertz ist das größte Versprechen, dass der deutsche Fußball zu bieten hat. In der Nationalelf kommt er, wie in Belfast und wenn überhaupt, von der Bank. Einerseits ist es richtig, junge Spieler langsam heranzuführen. Andererseits: Wann kommt einem schon mal so ein Talent wie Havertz unter? Und schließlich hängt es Löw immer noch nach, dass er sich geweigert hatte, Leroy Sané mit zur WM nach Russland zu nehmen. Also: Kein Risiko, kein Spaß!

6. Wenn's mit der Tiefe nicht klappt ...

... wirkt das deutsche Spiel watutinkisch (Anmerk. d. Red.: wie bei der WM in Russland) ratlos. Da werden dann Pässe in Endlosschleife gespielt. In Belfast waren es 842 Weiterleitungen, 747 davon fanden den anvisierten Mitspieler. Das macht eine Erfolgsquote von 89 Prozent. Das sind Zahlen aus der Guardiola'schen Galaxie. Und das ist ja in der Regel keine so ganz schlechte Referenz. Aber abgesehen von den ersten 15 Minuten nach der Pause fehlte dem deutschen Spiel - Obacht - Vertikalität. Was das bedeutet? Nun, der Ball wandert statt in die Tiefe über mehrere Füße von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Manchmal sieht das sogar sehr spektakulär aus, wenn etwa Kroos oder Brandt aus dem Fußgelenk mal die komplette Mitte mit einem perfekt getimten Seitenwechsel überspielen. Aber: Das Quergeschiebe ist relativ einfach zu verteidigen, vor allem für eine Mannschaft wie Nordirland, die in der Abwehr und im Mittelfeld sehr massiv steht. Ein Plan B fehlt. Zum Beispiel mal eine hohe Flanke als variierendes Element. Nun war's natürlich so, dass ausgerechnet dem sehr schönen Tor von Halstenberg eine Flanke und eine Kopfballverlängerung von Brandt vorausgingen. Dass dieses Element dem deutschen Spiel abgeht, liegt womöglich auch daran, dass die offensiven Abnehmer um Gnabry, Werner, Reus und der derzeit verletzte Sané alles andere als Wuchtspieler im Strafraum sind. Geradezu niedlich wirkte ihre körperliche Präsenz gegen die Kanten der Green and White Army. Allerdings wirkte es auch geradezu niedlich, wenn die Nordiren versuchten, das deutsche Tempospiel zu verteidigen.

7. Wo ist die Körperlichkeit?

a4a3f2314ceee6c0456db4b4cbabed94.jpg

Die deutschen Fußballer um Toni Kroos wurden sehr häufig beim Schiedsrichter vorstellig.

(Foto: imago images / Schüler)

Körperliche Präsenz, das war mal ein großes deutsches Ding. Grundeinstellungen wie Zweikampfhärte, Wille, Leidenschaft haben Mannschaften mit dem Bundesadler jahrelang ausgezeichnet. Nun ist es natürlich in den vergangenen Jahren eine schöne Entwicklung gewesen, dass DFB-Teams nicht nur kämpfen können, sondern das auch der Ball unfallfrei durch die eigenen Reihen läuft. So ein bisschen aber ging das zulasten der Grundtugenden. Gegen die Niederlande war das eklatant. Löw hatte daher angemahnt, dass es wieder die letzte Konzentration und die Mentalität brauche, jeden Zweikampf bis aufs Äußerste zu bestreiten. Der Bundestrainer forderte gar, dass seine technisch und taktisch sehr gut ausgebildeten Fußballer das "Aggressionspotenzial" erhöhen müssen. Gegen Nordirland gelang das nur phasenweise. Auf hart, aber nur selten unfair geführte Zweikämpfe der Gastgeber folgte viel zu häufig sinnloses Lamentieren, statt robuster Gegenwehr.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema