Fußball

Wo war der zivile Ungehorsam? DFB steckt in der Phantom-Tor-Falle

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In Sinsheim war ein Loch im Netz. Der TV-Zuschauer wusste bereits nach wenigen Sekunden Bescheid.

(Foto: imago sportfotodienst)

Fußball-Deutschland diskutiert über die Lochnummer von Sinsheim. Eine bekannte Boulevardzeitung engagiert sogar eine Lippenleserin, um Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei ist der Sachverhalt an Klarheit nicht zu überbieten. Eigentlich.

Was ein Phantom-Tor nicht alles auslösen kann. Die Bild am Sonntag bemühte sogar eine Lippenleserin, um Licht ins Dunkel zu bringen. Es ging um die Konversation von Stefan Kießling vor seinem TV-Auftritt nach seinem Nicht-Tor gegen Hoffenheim mit dem Pressesprecher von Bayer Leverkusen. Wirklich Erhellendes gab es aber nicht.

Dabei war der Sachverhalt an sich an Klarheit nicht zu überbieten. Der Ball flog von Kießlings Kopf ans Außennetz und von dort durch das kaputte Netz ins Gehäuse der TSG Hoffenheim. Sogar der vermeintliche Torschütze hatte sich schon damit abgefunden, neben das Tor geköpft zu haben. Schiedsrichter Felix Brych entschied trotz Zweifel auf Tor. Warum eigentlich? Kießling eierte im Zwiegespräch mit dem Unparteiischen am Mittelkreis auch herum, sodass Brych bei seiner fatalen Torentscheidung blieb. Allerdings ist es auch absolut unverständlich, dass im Milliarden-Unternehmen Bundesliga ein Klub nicht in der Lage ist, ein einwandfreies Tornetz zur Verfügung zu stellen.

Tatsachenentscheidung vs. Fair Play

Nun steckt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in der Phantom-Tor-Falle. Vor 19 Jahren beim ersten Phantom-Tor von Thomas Helmer konstruierte die DFB-Gerichtsbarkeit einen Regelverstoß, um auf Spielwiederholung zu entscheiden. Anno 2013 ist eine Neuansetzung allerdings beileibe kein Automatismus. Der Weltverband Fifa als Regelhüter und Bewahrer der Tradition schützt vor allem die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters. Sicherlich aus gutem Grund. Allerdings widerspräche es dem Fair-Play-Gedanken, wenn das Spiel Hoffenheim-Leverkusen nicht wiederholt würde. Und Fair Play hat sich die Fifa bekanntlich ebenfalls auf die Fahne geschrieben.

Eine 20-Minuten-Wiederholung beim Stande von 1:0 für Leverkusen, wie von Bayer-Sportchef Rudi Völler vorgeschlagen, hat einen gewissen Charme und wird in anderen Ländern bereits seit etlichen Jahren praktiziert. Ob eine Umsetzung in Deutschland möglich ist? Wahrscheinlich nicht.

Mehr Mut zur Aufklärung

Gewünscht hatte man sich am Freitagabend einen mutigeren Schiedsrichter als Felix Brych. Wenn er wirklich Zweifel gehabt hat, warum hat er nicht unter allen Umständen versucht, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Warum hat er nicht selbst das Netz nochmals kontrolliert? Auf den TV-Monitoren war schnell klar, dass der Treffer irregulär war. Im WM-Finale 2006 soll angeblich auch der 4. Offizielle den Unparteiischen erst auf den Kopfstoß von Zinedine Zidane (Frankreich) gegen Marco Materazzi (Italien) aufmerksam gemacht haben, weil er diesen auf einem Monitor am Spielfeldrand gesehen hatte. "Zizou" flog bekanntlich per Roter Karte vom Platz. Die Einwände, dass ein Videobeweis unzulässig ist, entsprechen sicherlich der Wahrheit.

Aber ganz jungfräulich ist die Bundesliga in dieser Hinsicht ohnehin nicht. Am 27. Februar 2005 führte Schiedsrichter Franz-Xaver Wack, Zahnarzt aus dem bayerischen Biberbach, kurzerhand den Videobeweis ein. Beim Spiel Leverkusen-Stuttgart revidierte er seine ursprüngliche Entscheidung "Abstoß" nach Studium der Bilder im Stadion-TV auf "Eckball". Bayer hatte damals allerdings nicht nur wie erlaubt die Tore im Stadion-TV gezeigt, sondern auch diese normale Spielszene. Völler hatte schon erwähnt, dass der Mann in der Stadionregie in Sinsheim, der die strittige Phantom-Tor-Szene nach Abpfiff ohnehin gezeigt hatte, sicherlich gleich in Aktion getreten wäre. "Auch wenn es nicht erlaubt ist und vielleicht eine Geldstrafe gekostet hätte. So wäre er der Held gewesen", sagte Bayers Sportchef. Zivilen Ungehorsam nennt man so etwas.
Vielleicht hätte dann Brych auch seine Entscheidung revidiert - wie damals sein Kollege Wack.

Quelle: ntv.de, Ralph Durry, sid