Erinnerungen an "Kid's mistake""Danke an Deutschland" - Hansi Flick ist außer sich vor Wut
Der FC Barcelona steht vor einer Mammutaufgabe in der Champions League. Das Viertelfinal-Hinspiel gegen Atlético Madrid geht vor eigenem Publikum verloren. Trainer Hansi Flick kann nicht fassen, wie der Schiri in diesem Spiel agiert.
Lamine Yamal dribbelte sich die Füße wund. Er spielte nicht bloß einen Gegner schwindelig, nicht zwei, es waren manchmal drei oder noch mehr. Doch seine Abschlüsse waren zu harmlos. Marcus Rashford feuerte aus allen Lagen, nahm die Bälle direkt oder zog aus dem Dribbling ab, aber der englische Flügelstürmer des FC Barcelona scheiterte immer wieder an Juan Musso. Und an der Seite verzweifelte Hansi Flick. Das Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen den Dauerrivalen Atlético Madrid war ein 90-minütiges Drama für die Katalanen, die nun im Estadio Metropolitano nächste Woche einen 0:2-Rückstand aufholen müssen.
Aber der Abend endete nicht nur als Katastrophe, weil die Gäste ihre wenigen Möglichkeiten durch Weltmeister Julián Álvarez (45.) und Alexander Sörloth (70.) gnadenlos ausnutzten. Der Abend war auch eine Katastrophe, zumindest aus der Sicht von Trainer Flick, weil die Schiedsrichter mindestens einmal völlig und folgenschwer danebenlagen. Vielleicht sogar zweimal. Kurz vor der Pause sah Innenverteidiger Pau Cubarsi nach einer Notbremse Rot. Schiri Istvan Kovacs aus Rumänien hatte zunächst Gelb gegeben, änderte seine Meinung dann aber nach Ansicht der Videobilder. "Ich weiß nicht, es könnte eine Rote Karte sein oder auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er den Ball ausreichend berührt hat. Der Ball war hinter ihm", sagte Flick. Damit war seine Milde aufgebraucht.
"Wozu haben wir den VAR?"
Die Rote Karte von Cubarsi hatte gleich mehrfach bittere Folgen für Barca. Das Abwehr-Supertalent fehlt im Rückspiel kommende Woche Dienstag, Barcelona musste eine Halbzeit zu zehnt bestreiten und den fälligen Freistoß nach der Notbremse hämmerte Álvarez zauberhaft ins Eck. Die Frage, ob die Führung verdient war, stellte sich nicht. Aber was interessiert's die Madrilenen?
Eine zweite Wende hätte dieses Spiel in der 54. Minute nehmen können, nehmen müssen. Torwart Musso führt einen Abstoß kurz aus zu Marc Pubill, der Atleti-Verteidiger legt sich den Ball mit der Hand zurecht. Offenbar, um selbst den Abstoß auszuführen, aber das Spiel lief ja bereits wieder. Da der Ball bereits ruhte, lag hier eigentlich ein strafbares Handspiel inklusive Elfmeter vor. Kovacs sowie Videoschiedsrichter Christian Dingert griffen allerdings nicht ein. Flick war außer sich vor Wut: "Die Situation, in der Musso den Ball mit der Hand berührt hat und nichts unternommen wurde, ist für mich völlig klar. Ich verstehe nicht, warum der VAR nicht eingegriffen hat. Es ist ein deutscher Kerl, danke an Deutschland. Es ist unglaublich. Jeder macht Fehler, aber solche Situationen … Wozu haben wir den VAR? Es hätte einen Elfmeter und die zweite Gelbe Karte für den Spieler geben müssen."
Erinnerungen an Tuchel und den FC Bayern
Die Szene weckte Erinnerungen an das Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen den FC Arsenal vor ziemlich genau zwei Jahren. Damals spielte der Londoner Torwart David Raya einen Abstoß zu dem am Fünfmeterraum postierten Gabriel. Der Brasilianer nahm den Ball mit der Hand auf, legte ihn wieder auf den Rasen und spielte ihn zu Raya zurück, das Spiel ging weiter. Die Bayern-Spieler schauten fragend zum Schiri, breiteten ihre Arme aus, waren fassungslos. Wie Flick nun. Der Schiedsrichter hatte kurz vor der Ausführung des Abstoßes angepfiffen. Glenn Nyberg habe den Spielern gesagt, das sei ein Anfängerfehler ("kid's mistake") gewesen und das pfeife er nicht in einem Viertelfinale, sagte der wütende Trainer Thomas Tuchel. "Das ist ja eine ganz neue Form der Regelauslegung. Es war ein hundertprozentiger Elfmeter, den wir nicht gekriegt haben. Einfach unglaublich."
Im Spiel selbst ließ Barça sich den Ärger über die Szenen nicht anmerken. Trotz Unterzahl rannten die Katalanen in Durchgang zwei weiter an und vergaben eine Chance nach der anderen. Immer wieder dabei Fummelkönig Yamal und Wutschütze Rashford, der unter anderem einen Freistoß mit Vollkaracho an die Latte knallte, ehe Sörloth Mitte der zweiten Hälfte das Leid von Barça nach einem perfekt ausgespielten Konter erhöhte. Die Zeitung "AS" schrieb von einer "schwarzen Nacht für Barca", während "Mundo Deportivo" bereits vorausblickte: "Barça hofft auf ein Wunder im Metropolitano". Und Flick setzte genau den Ton: "Wir glauben an uns. Wir haben uns mit einem Spieler weniger sehr gut geschlagen."
Bereits vor wenigen Wochen begegneten sich beide Teams in einem Knock-out-Duell. In der Copa del Rey kassierte Flick mit Barça im Hinspiel seine wohl bitterste Niederlage (0:4), ehe seine Mannschaft im Rückspiel das Comeback-Wunder knapp verpasste (3:0). Wird's nun anders? Gibt's die Remontada? Für Atlético war es nun in der Champions League übrigens der erste Sieg im Camp Nou seit 2006 - Diego Simeone feierte somit im 15. Jahr als Trainer Madrids eine Premiere.
