Fußball

Formkrise und "Hang zu Arroganz" Das BVB-Rätsel um Youngster Jadon Sancho

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Was ist bloß mit Jadon Sancho los?

(Foto: REUTERS)

Jadon Sancho gilt als eine der größten Fußball-Attraktionen bei Borussia Dortmund. Aus dem Kader mit sehr vielen Fußball-Künstlern sticht der Engländer regelmäßig heraus. Doch seine Formkurve geht steil bergab - was offenbar auch mit seinem steilen Aufstieg zu tun hat.

In Dortmund, so heißt es, halten sie Jadon Sancho für noch begabter als Ousmane Dembélé. Das ist schon als Kompliment gemeint. Denn Ousmane Dembélé war bei der Borussia eine der größeren Bereicherungen der jüngeren Vereinsgeschichte. Sportlich. Charakterlich war es dagegen mitunter schwierig, letztlich streikte sich der Franzose auf bizarre Weise zum FC Barcelona. Nun ist Jadon Sancho noch ein reichliches Stück davon entfernt, sich vergleichbare Eskalationen zu leisten. Den Hang zum Problemprofi aber lässt der 19-Jährige bereits erkennen. Mit der Pünktlichkeit nimmt er es seit längerer Zeit nicht so genau. Doch nun fällt der englische Fußball-Nationalspieler auch immer häufiger mit uninspirierten Auftritten auf.

Ihre vorläufige Zuspitzung erreichte die Formkrise des Außenstürmers am vergangenen Samstag, als sein BVB beim FC Bayern zum Topspiel des 11. Spieltags der Bundesliga vorstellig und beim 0:4 heftig vermöbelt wurde. Sancho, eigentlich dafür vorgesehen die gerade erst durch den Trainerwechsel von Niko Kovac zu Hansi Flick stabilisierten Münchener direkt wieder zu destabilisieren, wurde nach 36 Minuten vom Feld geholt. Weil er schlecht war. Richtig schlecht. Seine Dribblings fahrig, sein Passspiel katastrophal, seine Leidenschaft nicht vorhanden. Vor dem 0:1 verweigerte er einen wichtigen Zweikampf mit Joshua Kimmich. Als wäre sein feines Füßchen nicht gemacht für ein profanes Duell.

Sancho ignoriert die Regeln

Sportdirektor Michael Zorc schimpfte nach der Leistung, die phasenweise einer Frechheit gleichkam, über das Dortmunder Kollektiv: "Das war einfach nichts. Wir haben nicht stattgefunden." Es war eine wütende, eine vehemente Kritik, die nur einen Adressaten hatte: die Fußballer. Sie sollten sich auch rechtfertigen für das, was sie da gezeigt hatten. "Fragen Sie die Spieler", raunzte Zorc in der Mixed Zone der Münchener Arena. Durch die war Sancho bereits geflüchtet, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Keine Gestik, keine Mimik war zu erkennen. Wut, Enttäuschung, Gleichgültigkeit? Alles vorstellbar.

Der "Kicker" berichtete nach dem Topspiel darüber, dass man im Verein kritisch registriert, welchen "Hang zur Arroganz" Sancho inzwischen kultiviert. Wie wenig er sich an Regeln hält. Im Oktober beispielsweise kam er fast einen Tag zu spät zurück von einer Länderspielreise. Trainer Lucien Favre reagierte hart und suspendierte ihn für das Topspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Es war nicht der Ausschluss für den 19-Jährigen. Außerdem wurde er zu einer Geldstrafe von 100.000 Euro verdonnert. Zorc sagte damals: "Jadon ist eigentlich ein anständiger und guter Junge, aber er ist natürlich noch sehr, sehr jung. Er ist sehr schnell groß geworden und testet ab und zu vielleicht auch die Grenzen aus – und dann sind wir dafür da, dann auch die Grenzen wieder zu setzen." Ebenso wie sein Vater Sean. Der galt als besonders wichtig für die Disziplin seines Sohnes. Wie die "Bild" berichtet, ist der aber nur noch selten in Dortmund.

Ein Sancho-Mentor im Team ist dafür Kapitän Marco Reus. Dem "Independent" sagte der Engländer nun: "Er sagt mir ständig, dass ich im Training weiter hart arbeiten muss, weil jemand jederzeit meinen Platz einnehmen kann." Und daran wolle er sich halten, denn im Profifußball könne man es sich "nicht erlauben, nachzulassen". Zur jüngsten Suspendierung war Reus in der "Sport Bild" mit den Worten zitiert worden: "Wir hoffen, dass wir es bald wieder unter Kontrolle haben."

Die statistischen Werte stimmen, aber ...

Tatsächlich ist der Aufstieg von Sancho phänomenal. Während er in seiner ersten Spielzeit, der Saison 2017/18, langsam aufgebaut und in der Rückrunde mehr und mehr zur Stammkraft wurde, explodierte er in der darauffolgenden Saison. In 43 Spielen erzielte er 13 Treffer und bereitete 19 vor. Wahnsinnswerte -  vor allem für einen damals noch 18-Jährigen. Das Spektakel, das er im schwarzgelben Trikot regelmäßig ablieferte, brachte ihn im Oktober 2018 auch zur Nationalmannschaft. Dort debütierte er in der Nations League gegen Kroatien. In der 78. Minute ersetzte er Man-City-Star Raheem Sterling. Aus Manchester war Sancho übrigens zur Borussia gewechselt, er soll sich den Wechsel damals erstreikt haben.

Auch in dieser Saison lesen sich die statistischen Werte des Offensivspielers gut: In der Bundesliga steht er nach neun Einsätzen bei acht Scorerpunkten, drei Tore, fünf Vorlagen. Allerdings ist er längst nicht mehr so effizient. Seine Chancenwertung sank laut "Spox" von 41 auf 16 Prozent (!). Und sieben seiner acht Punkte holte er an den ersten fünf Spieltagen. Danach gelang ihm nur noch beim 2:2 in Freiburg eine Torbeteiligung, als er eine Vorlage verbuchte. Im "Kicker" heißt es, Sancho zeige Diven-Gehabe statt Malocher-Mentalität. Die aber wird im Pott auch bei Fußballer-Feingeistern erwartet. Zum Zaubern gehört eben immer auch der zauberhafte Zweikampf. Nach seiner Nicht-Leistung gegen die Bayern fragte die "Bild"-Zeitung: "Provoziert Sancho im Winter seinen Wechsel?"

Sommertransfer von Sancho nicht ausgeschlossen

Nun ist nicht davon auszugehen, dass die Dortmunder den Youngster nach der ersten Halbserie abgeben. Ein adäquater Ersatz müsste schließlich her. Dass der Engländer seinen Vertrag bis 2022 allerdings erfüllt, davon gehen sie aber offenbar auch beim BVB nicht aus. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke antwortete bei Sky auf die Frage, ob Sancho im Sommer wechselt: "Wenn irgendwas kommt – oder vielleicht er kommt und sagt: Ich würde ganz gerne zu den und den Konditionen wechseln, dann bespricht man das." Real Madrid, die Manchester-Klubs United und City, der FC Liverpool und auch der FC Chelsea gehören zu den finanzstarken Interessenten. Eine amtliche Ablöse wäre sicher. Eine höhere mutmaßlich als bei Dembélé. Für den haben die Dortmunder mittlerweile rund 125 Millionen kassiert.

Beim FC Barcelona ist Dembélé übrigens keine Stammkraft, fällt mit Disziplinlosigkeiten auf und galt im Sommer bereits wieder als Kandidat für einen Verkauf.

Quelle: n-tv.de