Fußball

"Fragen Sie die Spieler" Die nächste BVB-Frechheit beim FC Bayern

Nach dem furiosen Comeback-Sieg in der Champions League gegen Inter Mailand fühlt sich Borussia Dortmund bereit für den Bundesliga-Showdown beim FC Bayern. Doch was dann am Samstagabend in München passiert, das macht den Sportdirektor des BVB stinksauer.

Vielleicht ist Achraf Hakimi das Dortmunder Gesicht der Topspiel-Demütigung beim FC Bayern. Vielleicht ist es auch Jadon Sancho. Der junge Engländer aber hatte seine Kapuze so tief über den Kopf gezogen, als er am Samstagabend nach dem 0:4 (0:1) seiner Borussia in München durch die Katakomben der Arena zum Bus schlurfte, dass er lediglich über Körpergröße und Gang zu identifizieren war.

Sancho war nach 36 Minuten ausgewechselt worden. Nicht aber weil er nach seiner kleinen Blessur zuletzt nun erneut verletzt war. Er, der so oft so formidablen Fußball spielt, war einfach schlecht gewesen. Richtig schlecht. So also blieb der Blick in das Gesicht von Hakimi - verstört, geschockt, teilnahmslos. Und so wie der Marokkaner nun schaute, so hatten er und der BVB zuvor gespielt.

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Höchststrafe: Jadon Sancho (l., 7) wird noch in Halbzeit eins ausgewechselt.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Hakimi, ausgerechnet der so gehypte Hakimi. Er war bei den Dortmundern doch als der Mann vorgesehen, der den gerade erst von Interimstrainer Hansi Flick ganz zart stabilisierten FC Bayern in der Bundesliga zurück auf die Fußball-Intensivstation schicken sollte. Er war der Mann, der die vermeintlich größte Verwundbarkeit des Meisters an diesem 11. Spieltag gnadenlos bearbeiten, der den sehr jungen Aushilfs-Linksverteidiger Alphonso Davies überspielen sollte. Um Vorlagen zu geben. Oder auch um selbst abzuschließen. So wie er's am Dienstag in der Champions League beim furiosen Comeback-Sieg gegen Inter Mailand zweimal erfolgreich getan hatte.

"Sind keine Top-Truppe"

Und tatsächlich erfüllte Hakimi seinen Auftrag. Einmal. Exakt einmal. In der 69. Minute überlief er seinen sonst galligen, giftigen, mutig und clever verteidigenden Gegenspieler Davies, flankte in die Mitte auf den eingewechselten Paco Alcacer. Doch der Spanier schob den von Javi Martinez leicht abgefälschten Ball freistehend neben das Tor. Ein durchaus spektakulärer Fauxpas. Womöglich, so mutmaßte Michael Zorc, hätte ein 1:2 dem Spiel eine Wendung gegeben. "Verdient gehabt hätten wir das allerdings nicht", erklärte der Sportdirektor. "Das muss ich ehrlich sagen."

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Zehn, bestenfalls 15 Minuten waren die Gäste nicht chancenlos gewesen. Doch das 0:1, eingeleitet durch einen Fehlpass von - natürlich ausgerechnet - Hakimi, dem auch sonst wieder und wieder aberwitzige Stellungsfehler unterliefen, ließ den BVB vor 75.000 Zuschauern fatal in sich zusammenbrechen. Die Treffer des weiter rekordenden Robert Lewandowski (17./76.) und Serge Gnabry (47.) sowie das Eigentor von Dortmunds Bestem, von Mats Hummels (80.), waren die Wegmarken dieser nächsten fatalen Demütigung in München - der nun fünften in Serie.

1:5, 1:4, 0:6, 0:5, 0:4, so liest sich der ungebrochene Borussen-Horror in Fröttmaning. Dieses Spiel, so urteilte Hummels später, sei halt "ein Zeichen für uns, dass wir selber keine Top-Truppe sind. Wir können eine sein an unseren guten Tagen. Aber eine absolute Top-Mannschaft ist das auch an den schlechten Tagen. Das schaffen wir eben bisher vor allem auswärts zu selten abzurufen."

Ohne Angst, hatte Trainer Lucien Favre dabei noch gesagt, wolle man nun beim FC Bayern auftreten. Ganz anders als noch am 6. April dieses Jahres, als sich die Wende in der Meisterschaft zugunsten der Rot-Weißen eindrucksvoll manifestierte. Doch Favres Worte verhallten eilig. Ebenso wie die von Zorc, der sich von seiner Mannschaft vorab richtigen "Männerfußball" gewünscht hatte. Das allein, so hatte er gesagt, werde das Entscheidende sein. Über Taktik brauche man da gar nicht zu sprechen.

Bayern-Spieler, überall Bayern-Spieler

FC Bayern München - Borussia Dortmund 4:0 (1:0)

München: Neuer - Pavard, Martinez, Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka (72. Thiago) - Gnabry (70. Coutinho), Thomas Müller, Coman (75. Perisic) - Lewandowski. - Trainer: Flick
Dortmund: Bürki - Hakimi, Hummels, Akanji, Schulz - Witsel, Weigl (61. Alcacer) - Sancho (36. Gurreiro), Brandt, Hazard - Mario Götze (61. Reus). - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Tore: 1:0 Lewandowski (17.), 2:0 Gnabry (47., nach Videobeweis), 3:0 Lewandowski (76.), 4:0 Hummels (80., Eigentor)
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Coman, Kimmich (4) - Reus

Nun, an diesem Samstagabend, wollte Zorc dann allerdings weder über Taktik sprechen, noch über Männerfußball. Denn Fußball, den habe es von seiner Mannschaft schließlich nicht gegeben. "Das war eine Nicht-Leistung", schimpfte er. Aufgebracht war er. Schnell redete er. Manchmal sogar sehr schnell. "Wir haben nicht stattgefunden." Seine vehemente Ansage vor der Begegnung "sollte symbolisieren, dass wir uns dagegen stemmen. Aber noch schlimmer fand ich, wie wir in eigenem Ballbesitz gespielt haben. Das war einfach nichts. Wir haben dem Druck nicht standgehalten, muss man ganz klar sagen."

Axel Witsel, der Dortmunder Mittelfeld-Souverän, gestand gar, er habe oft gar nicht gewusst, wo er den Ball eigentlich hinspielen sollte. Überall seien Bayern-Spieler gewesen. Wirklich überall. Gegen den gewaltigen Pressingdruck war seine Mannschaft schlicht überfordert. Der Aggressivität des FC Bayern begegnete der BVB mit höflichem Rückzug. Eine Frage der Mentalität? Zum wiederholten Male?

Hummels, der die Mannschaft bis zur Einwechslung von Marco Reus als Kapitän führte, rang mit sich und der Wahl des richtigen Begriffs. Da müsse man schon aufpassen, sagte er. Das Mentalitätsfass, das sie gerade erst mühevoll aber sicher abgedichtet hatten, wollte er nicht wieder leichtfertig öffnen. So sagte er, dass er das "Dagegenhalten" in den Zweikämpfen vermisse: "Dagegenhalten, wenn der Gegner körperlich voll da ist." Das werde sich nur ändern, wenn die BVB-Profis in Zukunft "etwas härter gegen sich selbst werden".

Coach Favre, der die Leistung seines Teams als "sehr schwach" und "unglaublich" geißelte, nahm Zorc von seiner Kritik übrigens aus. "Den Trainer würde ich komplett rausnehmen, fragen Sie die Spieler", forderte er die Journalisten auf. Dann verschwand er wütend. Zum Mannschaftsbus. Zu Sancho. Zu Hakimi. Und zu all den anderen Gesichtern dieser Dortmunder Fußball-Frechheit.

Quelle: n-tv.de

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