Fußball

Hitzlspergers Tabubruch Das Schweigen der Spieler

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Thomas Hitzlsperger als Nationalspieler bei einem Länderspiel gegen Finnland 2009.

(Foto: AP)

Das Echo auf Thomas Hitzlspergers Coming-Out ist positiv. Politiker, Sportfunktionäre und andere Sportler beglückwünschen den Spieler. Aktive Profis halten sich dagegen zurück. Das Schweigen der Spieler sagt viel aus.

Es war ein großer, lang erwarteter Schritt. Ein einstiger deutscher Fußball-Nationalspieler hat sich zu seiner Homosexualität bekannt. Überwältigend ist das positive Echo auf Thomas Hitzlspergers Interview in der "Zeit". Politiker, Sportfunktionäre und andere Sportler überschlagen sich nun geradezu in Respektsbekundungen. Selbst die Bundesregierung reihte sich in den Kreis der Gratulanten ein, als sie über ihren Sprecher Steffen Seibert mitteilen ließ, dass sie das erste Coming-Out eines Nationalspielers gutheißt. Man freut sich, man äußert die Hoffnung, dass andere sich nun ermutigt fühlen.

Es sind erwartbare Reaktionen in einem Land, in dem sich die meisten Menschen nicht zu mehr als einem Achselzucken aufraffen können, wenn der Außenminister oder der Regierende Bürgermeister schwul ist. Zuletzt wurde bekannt, dass die neue Umweltministerin Barbara Hendricks lesbisch ist. Na und? Niemand stellt deswegen mehr Qualifikation und Eignung der betroffenen Menschen für höchste Regierungsämter in Frage. Doch Thomas Hitzlsperger hat mit seinem Bekenntnis nur scheinbar offene Türen eingerannt.

Denn im Fußball gehen die Uhren noch ein wenig anders als im Rest der Republik. Er ist eine der letzten Domänen der Machos. Wer hier Schwäche zeigt, wird als schwul beschimpft, hier dominieren noch die typischen Statussymbole der Männerwelt: Sportwagen in der Garage, Spielerfrau auf der Tribüne. Das ist die heile Profiwelt. Und doch warten viele Beobachter seit langem darauf, dass sich endlich jemand outet.

Kahn: Ich würde nicht zu Outing raten

Denn bei so vielen Spielern müssen ja einige homosexuell sein, das ergibt sich schon aus der statistischen Wahrscheinlichkeit. Und auch im Profifußball soll jeder die Toleranz erfahren dürfen, die in der restlichen Gesellschaft viel größer ist. Noch im September des vergangenen Jahres riet Torwartlegende Oliver Kahn homosexuellen Spielern allerdings von einem Coming-Out ab. "Homosexualität ist in der Gesellschaft zwar keine große Sache mehr, aber es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass es im Profisport genauso ist", sagte er der "Gala". "Ich würde einem schwulen Fußballspieler ein Outing nicht raten."

Daher ist es besonders interessant, sich die Reaktionen der Fußballer anzusehen. Doch bis auf zunächst eine Ausnahme gibt es gar keine. Nur der fleißige Twitter-User Lukas Podolski meldete sich zu Wort: "Mutige und richtige Entscheidung. Respekt, Thomas Hitzlsperger", schrieb er. Ein paar andere Fußballer äußerten sich zwar ebenfalls, doch haben alle bereits ihre Karriere beendet. Arne Friedrich zum Beispiel: "Bin stolz auf dich. Gute Entscheidung und aus meiner Sicht richtiger Zeitpunkt", twitterte er.

Auch aus England erreicht den einstigen Premier-League-Legionär Zuspruch. Ex-Nationalspieler Gary Lineker schrieb, ebenfalls über den Kurzmitteilungsdienst: "Er ist sehr mutig, dass er als erster Spieler, der in der Premier League gespielt hat, sein Coming-Out hat." 1990 outete sich bereits der Engländer Justin Fashanu, der unter anderem für Manchester City in der Second Division gespielt hatte und sich 1998 nach Vergewaltigungsvorwürfen erhängte.

Schweigende Spieler

Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking gratulierte Hitzlsperger zu seinem "sehr mutigen Schritt". Er begrüßt, dass das Thema jetzt öffentlich gemacht wird. Aber: "Ob das auch eine Ermutigung für andere homosexuelle Fußballer ist, wird man sehen."

Denn das ist ungewiss. Derzeit noch aktive Spieler schweigen. Manche wollen sicher auch erst gefragt werden, bevor sie etwas sagen. Andererseits können sie sich über die üblich gewordenen Internetkanäle äußern wann und wie sie möchten. Siehe Lukas Podolski. Manche fürchten weniger die Reaktionen der Mitspieler oder der Vereinsbosse als vielmehr die der Fans.

In diese Richtung äußerte sich Oliver Kahn im Interview. "Ein Spieler, der sich outet, steht jeden Samstag im Stadion vor den gegnerischen Fans", sagte der einstige Torhüter, der während seiner aktiven Laufbahn, ständig den Verunglimpfungen von Anhängern der gegnerischen Mannschaft ausgesetzt war. Tatsächlich dauerte es auch nach Hitzlspergers Outing nicht lange, bis in den Kommentarspalten verschiedener Internetseiten homophobe Kommentare auftauchten.  

Das Schweigen der Spieler zeigt, dass all diejenigen Recht haben, die nun von einem "mutigen Schritt" oder einem "überfälligen Tabubruch" sprechen. Das Schweigen der Spieler zeigt, dass sie abwarten. Möchte tatsächlich niemand auffallen? Auch nur als Schwulen-freundlich gelten? Die Frage können nur die Spieler beantworten. Bundestrainer Joachim Löw forderte Respekt für seinen ehemaligen Spieler. Wer diesen fordern muss, erwartet wohl nicht, dass er sich von allein einstellt.

Quelle: ntv.de

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