Superlative wie bei Messi & Co.Das Torrausch-Trio des FC Bayern euphorisiert - ist aber auch eine Warnung
Von Anja RauHarry Kane, Michael Olise, Luis Diaz - Namen zum Zunge schnalzen. Das Offensiv-Trio des FC Bayern berauscht sich und alle Zuschauer. 101 Tore in 52 Pflichtspielen sind für die Geschichtsbücher. Doch Achtung, selbst die Besten wurden nicht Champions-League-Sieger.
Atemberaubend, spektakulär, Spiel des Jahres: Unter diesen Superlativen geht es nicht, wenn über das Halbfinal-Hinspiel zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain in der Champions League gesprochen wird. "Pervers geil" nannte Bayerns Sportvorstand Max Eberl das Offensivfest. Und alle lechzen nach mehr, nach einer Wiederholung: Nach dem 5:4 in Paris dürfte auch in München ein Tor-Feuerwerk abgebrannt werden.
Während der FC Arsenal mit dem Minimal-Ergebnis von 1:0 im Rückspiel (Hinspiel 1:1) gegen Atlético Madrid ins Finale einzog, steht am heutigen Abend (21 Uhr/DAZN und im ntv.de-Liveticker) ein völlig konträres Spiel an. Es prallen zwei offensivsüchtige Mannschaften aufeinander. Der FC Bayern muss aufgrund des Hinspiels auch angreifen - das Team von Trainer Vincent Kompany muss mit zwei Toren Differenz gewinnen, um den Titelverteidiger am erneuten Einzug ins Finale zu hindern und selbst den Weg nach Budapest (30. Mai, 18 Uhr im ntv.de-Liveticker) einzuschlagen.
Und so heißt es erneut: Augen auf die Offensivreihen. Diese überstrahlt vor allem beim FC Bayern alles. Das lässt Ex-Weltmeister Paul Breitner hadern: Für den Sprung ins Finale müsse "das besser klappen, was diese Saison so oft nicht geklappt hat bei Bayern - und über die grandiose Offensive immer wieder überstrahlt wurde: die Abwehrleistung". Bei "Münchner Merkur/tz" sagte er weiter: "In der Bundesliga ist das immer überstrahlt worden von den drei grandiosen Stürmern vorne drin." Breitner - einst seines Zeichens Abwehrspieler - ist aber eine Ausnahme. Er schaut beim FC Bayern vorrangig auf die Defensive. Andere machen das nicht.
Trio schießt 58 Prozent der Bayern-Tore
Nicht wirklich verwunderlich, denn immerhin schießt das Team meist mindestens ein Tor mehr als es selbst kassiert. Die banale Essenz für den Erfolg. Hauptverantwortlich dafür: das Offensiv-Trio Harry Kane, Luis Diaz und Michael Olise. 101 Tore haben die drei bislang in den Pflichtspielen dieser Saison erzielt. Sie sind damit für 58 Prozent der 174 Tore des FC Bayern verantwortlich.
Sie sind das erst fünfte Trio im europäischen Fußball, das in diesem Jahrhundert mehr als 100 Tore in einer Saison erzielte. In der Bundesliga stehen für den bereits feststehenden Meister noch zwei Partien an, im DFB-Pokal gibt es noch das Finale gegen den VfB Stuttgart und in der Champions League mindestens dieses Rückspiel gegen PSG, bestenfalls auch noch das Finale - fünf Spiele, in denen Kane, Olise und Diaz sicher noch weitere Tore erzielen werden.
Die Nummer eins in dieser Mehr-als-100-Tore-Statistik datiert aus der Saison 2015/16: Sagenhafte 131 Tore erzielten Lionel Messi, Luis Suarez und Neymar zusammen für den FC Barcelona. Verantwortlicher Trainer damals: Luis Enrique - eben jener, der jetzt bei Paris an der Seitenlinie steht.
13 Königsklassen-Spiele, 38 Scorer-Punkte
In Barcelona hatte sein Kollege und Vorgänger Pep Guardiola in seiner Zeit zwischen 2008 und 2012 das Spiel mit einer offensiven Dreierreihe so richtig populär gemacht. In der Saison 2010/11, als die Katalanen die Champions League gewannen, erzielten Messi (53), David Villa (23) und Pedro (22) zusammen 98 Tore. Mit Messi an der Speerspitze perfektionierte Enrique dann das System. Messi, Suarez und Neymar schafften sogar noch zwei weitere Male mehr als 100 Tore in einer Saison: 2014/15 waren es 122 Treffer, nach der Rekordsaison 2015/16 dann in der Spielzeit 2016/17 nochmal 110 Tore.
Barcelona-Rivale Real Madrid kam in der Saison 2014/15 mit Gareth Bale, Cristiano Ronaldo und Karim Benzema auf genau 100 Tore. Und nun also mischt auch der FC Bayern beim absoluten Offensiv-Spektakel mit. Kane war 2023 nach München gewechselt, Olise kam wie sein Trainer ein Jahr darauf, perfektioniert wurde das Trio dann im vergangenen Sommer mit Diaz. Und Kompany weiß es einzusetzen. "Wer sollte einen Schritt zurück machen?", fragte er daher vor dem Showdown mit PSG. "Wir nutzen die Mittel, die wir haben. Mehr ist es nicht. Das Einzige ist, dass dieser Fußball die Überzeugung ist, dass er zur Mannschaft passt und dass wir so gewinnen. Ich möchte gerne zu null spielen. Aber was nicht passieren darf, ist, dass wir etwas verlieren, was uns stark macht."
Das ist eindeutig der Torhunger. Jedem aus dem Bayern-Trio war im Hinspiel ein Treffer geglückt. Nicht zum ersten Mal. In den bislang 13 Champions-League-Spielen der Münchner dieser Saison kommt Kane auf 13 Tore und 2 Torvorlagen, bei Olise sind es 5 Tore und 8 Vorlagen, bei Diaz 7 Tore und 3 Vorlagen.
Warnung an den FC Bayern
Doch das gegnerische Team hat natürlich ebenfalls ein Trio: Ousmane Dembélé, Desiré Doué und Chwitscha Kwarazchelia. Dembélé und Kwarazchelia hatten jeweils doppelt getroffen. Kwarazchelia hat wie Kane schon 15 Scorer-Punkte gesammelt (10 Tore und 5 Vorlagen). Besser als sie ist nur Kylian Mbappé mit 16 Scorer-Punkten aus 15 Toren und 1 Assist, er kann allerdings natürlich nicht mehr nachlegen.
Die drei Pariser kommen bislang in dieser Saison zusammen auf 48 Tore, in der vergangenen Saison hatten sie 59 Tore erzielt - und PSG damit zum lang ersehnten Triumph in der Champions League geführt. Etwas, wovon die katarischen Bosse des Klubs mit dem Wunder-Trio Messi, Neymar und Mbappé, die zwischen 2021 und 2023 gemeinsam spielten, nur träumen konnten. Obwohl die drei in der Saison 2022/23 sogar 81 Tore zusammen erzielten - es reichte nicht.
Das ist gleichzeitig die Warnung für den FC Bayern. Nur Tore schießen ist dann doch nicht immer genug, um in der Champions League zu triumphieren. Nicht für das Wunder-Trio bei PSG, nicht für die Tor-Rekordler des FC Barcelona in der Saison 2015/16, nicht für die 100-Tore-Erzieler von Real Madrid ein Jahr zuvor - damals aber, weil sie von den Noch-mehr-Torschützen der Katalanen überflügelt wurden.
Für die Bayern ist das freilich kein Grund, etwas an ihrer Spielweise zu ändern. "Es ist überragend, mit diesen Jungs jeden Tag zu trainieren", sagte Verteidiger Jonathan Tah über sein Offensiv-Trio. Dass er nicht in Pflichtspielen gegen sie antreten muss, darüber sei er froh, ergänzte Tah schmunzelnd: "Ich bevorzuge es, ihnen zuzusehen, wie sie andere Verteidiger killen." Am besten auch die von PSG.
