Fußball

WM-Zeitreise - 17. Juni 1970 Das dramatischste Spiel der WM-Geschichte

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Seeler beim Wimpeltausch vor einem der legendärsten WM-Halbfinals aller Zeiten.

(Foto: imago/Sven Simon)

Die unglaubliche Verlängerung gleicht einem Boxkampf, bei dem die Kämpfer schon groggy sind und nur noch aufeinander einschlagen, ohne sich um die Deckung zu kümmern. Das dramatische Finish vom 17. Juni 1970 geht in die WM-Geschichte ein!

Wenn ich meinen Vater nach dem größten Spiel fragte, das er je gesehen hat, dann gab es für ihn immer nur eine Antwort: "Das war das 4:3 im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien bei der WM 1970. Wir haben nachts in der kleinen Studentenbude gelegen und glaubten nicht, was wir da sahen. Wir haben mit den Spielern auf dem Platz geschwitzt, die bei 50 Grad und mehr alles gaben. Man hat es später das 'Jahrhundertspiel' genannt - und das war es auch!"

Ich bin bis heute neidisch auf jeden, der damals schon geboren war und die Partie live am Fernsehapparat mitverfolgen durfte. Ernst Huberty kommentierte für die Zuschauer daheim aus Mexiko. Als es auch Sekunden vor Schluss immer noch 1:0 für Italien steht, ist sich Huberty sicher: "Es soll nicht sein!"

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Sepp Maier versucht noch an den Ball zu kommen - vergeblich.

Alle Zeitzeugen sprechen bis heute davon, dass die deutsche Elf im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt in dieser Partie Chancen für drei Spiele ausgelassen hat - mindestens. Über 80 Minuten laufen die Männer um Beckenbauer, Müller, Schulz, Grabowski und Seeler dem 1:0-Rückstand hinterher. Den Treffer für Italien hatte Roberto Boninsegna erzielt. Ausgerechnet, würde man heute sagen. Denn er ist der Spieler, den die Fans und die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach ein Jahr später noch viel genauer kennenlernen sollten.

Boninsegna wurde nicht nur der Mann, der auf dem Gladbacher Bökelberg beim legendären 7:1-Erfolg der Fohlenelf nach einem Getränkedosenwurf wie eine sterbende Diva zu Boden ging, nein, er ist auch der Spieler, der den wertvollen Borussen Luggi Müller so schwer foulte, dass dieser erst im Oktober des darauffolgenden Jahres wieder spielen konnte. Doch all das weiß man an diesem Nachmittag in Mexiko noch nicht. Und das ist auch besser so.

"Burgnich ist soeben verstorben"

Die Italiener versuchen mit all ihren bekannten - fairen wie weniger fairen - Mitteln Zeit zu schinden und das Ergebnis über die 90 Minuten zu retten. Als wieder einmal ein Spieler im blauen Trikot auf dem Boden liegt, kann Radio-Kommentator Kurt Brumme nicht mehr an sich halten: "Mein Gott, ist das ein Fußballspiel hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder."

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"Hamburg ’74".

(Foto: imago/WEREK)

Und als schon niemand mehr in dieser Hitzeschlacht an den deutschen Ausgleich glaubt, kommt Karl-Heinz Schnellinger. Ernst Huberty sagt in diesen Sekunden: "ausgerechnet" Schnellinger. Das Wort "ausgerechnet" ist nach diesem Tage im Fußballzusammenhang legendär. Kein Reporter kann es seitdem mehr aussprechen, ohne dass seine Hörer nicht an das Spiel vom 17. Juni 1970 in Mexiko denken. Denn Schnellinger spielte zu dieser Zeit in Italien für den AC Mailand - und nun haute "ausgerechnet" er seinen Ligakollegen den nicht mehr für möglich gehaltenen Ausgleich ins Netz. Eine Szene für die Ewigkeit wie das Tor von Sparwasser bei der WM 1974 für die DDR gegen die BRD. Schnellinger wählte einmal ähnliche Worte wie der gebürtige Magdeburger ("Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur 'Hamburg ’74' schreibt, weiß jeder, wer da drunter liegt"), als er über sein Tor sprach: "Noch wenn ich ins Grab sinke, wird mir der Pfarrer nachrufen: 'Das war doch der mit dem Ausgleich gegen Italien!'"

In Deutschland war es mittlerweile kurz vor 1 Uhr nachts geworden, doch an Schlaf war nicht zu denken. Nun ging es in die Verlängerung. Und was dann passierte, fasste ZDF-Reporter Harry Valérien einmal mit diesen Worten zusammen: "Die Verlängerung glich einem Boxkampf, bei dem die beiden Kämpfer schon groggy sind und nur noch aufeinander einschlagen, ohne auf ihre Deckung zu achten". Dem 2:1 von Gerd Müller folgte nur vier Minuten später das 2:2 durch Burgnich. Wieder nur fünf Minuten danach schoss Riva das vorentscheidende 3:2 für Italien. Ein Schuss, platziert in die Ecke, aber ohne große Wucht. Doch Maier wird auf dem falschen Fuß erwischt. Vielleicht hatte er auch ein ganz anderes Kaliber erwartet, denn Luigi Riva wurde auch "Rombo di Tuono", "Donnerschlag", genannt. Einmal brach er mit einem Schuss wie ein Pferd einem Tifosi sogar den Arm, als der Ball knapp neben den Kasten flog und der Einschlag der Kugel den armen Fan vollkommen überraschte.

Noch einmal gelingt es den Deutschen durch Gerd Müller auszugleichen, aber schon eine Minute später setzt Rivera in der 111. Minute den Schlusspunkt unter diese unglaubliche, hochdramatische Partie - in der zu allem Überfluss auch noch Franz Beckenbauer seit der 65. Minute nach einem Foul der Italiener aufgrund einer Verletzung mit einer Schultermanschette spielen musste.

Gefeiert wie Weltmeister

Nicht wenige Zeitzeugen sind sich sicher, dass, wenn die deutsche Elf nicht bereits drei Tage zuvor im Viertelfinale ein weiteres Jahrhundertspiel mit Verlängerung gegen die Engländer gehabt hätte, die Begegnung andersherum ausgegangen wäre. Das erzählte auch mein Vater stets. Doch ihm ist es nach all den Jahren irgendwann vollkommen egal gewesen, wie die Partie ausgegangen ist. Seine Erinnerungen an diese Nacht hat der Ausgang des Spiels nie getrübt. Da ging es ihm wie allen Fußballfans, die diese Sternstunde des Fußballs live miterleben durften.

Am Morgen nach dem Spiel schrieb die mexikanische Zeitung "El Sol" dennoch etwas sehr Tröstliches für alle deutschen Anhänger und vor allem für die Mannschaft, die unter dem begeisterten Jubel der mexikanischen Zuschauer das Feld an diesem unvergesslichen 17. Juni 1970 verlassen hatte: "Die deutschen Spieler haben es verdient, dass sie wie Weltmeister gefeiert werden." Ein besseres Fazit kann man nach diesem wahnsinnigen Jahrhundertspiel wahrscheinlich nicht ziehen!

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Quelle: ntv.de

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