Fußball

124 Kilo, Hauswart, FußballprofiDas famose Comeback des Kevin Pannewitz

17.02.2018, 08:05 Uhr
imageVon Jörn Duddeck
imago32284074h
Profi: Kevin Pannewitz. Und das will was heißen. (Foto: imago/Christoph Worsch)

Zu dick, abgestürzt, keine Perspektive: Mit dem Profifußball hatte Kevin Pannewitz, das einstige Supertalent, abgeschlossen. Dann trifft er seinen Retter. Er stellt seine Ernährung um, quält sich und trainiert wie ein Besessener. Und nun? Ist er wieder da.

Kevin Pannewitz hatte aufgegeben. Das mit dem Profifußball, das wird nichts mehr, dachte er. Wie auch, wenn einer 124 Kilogramm wiegt, bei einer Körpergröße von 1,85 Metern. Wie auch, wenn einer sich und sein Leben nicht im Griff hat. Und doch hat es Kevin Pannewitz geschafft. Das einstige Supertalent ist mit 26 Jahren zurück im Profifußball. Seine bis dato letzte Profipartie lag genau 2099 Tage zurück, als er am 20. Januar zum ersten Mal für den FC Carl Zeiss Jena in der dritten Liga spielen durfte. Trainer Mark Zimmermann schickte ihn in der 54. Minute auf den Rasen.

imago05114319h
Als alles begann: Pannewitz im November 2009 im Trikot des FC Hansa Rostock. (Foto: imago sportfotodienst)

Hinterher sagte der Abwehrspieler im Gespräch mit n-tv.de: "Die Einwechslung war ein Glücksmoment. Allerdings ist man im Spiel fokussiert und nimmt nicht alles wahr." Jena verlor zwar bei der Kölner Fortuna mit 0:1, doch Pannewitz zeigte mit klugen und genauen Pässen, dass er nichts verlernt hat. Fußballspielen, das konnte er schon immer und das kann er noch. Er galt gar als eines der größeren Talente des Landes. Mit 18 Jahren gab er am 2. November 2009 sein Profidebüt beim FC Hansa Rostock in der Zweitligapartie gegen den FC St. Pauli.

Schnell aber hatte er den Ruf weg, hochtalentiert, aber nicht sonderlich diszipliniert zu sein. Drei Jahre später wechselte er zum VfL Wolfsburg, spielte aber nie in der Bundesliga. Dann ging es abwärts. Nach zwei Jahren beim Goslarer SC kickte er ab 2015 für Amateurklubs in Berlin und Brandenburg und arbeitete als Müllmann.

Doch nun ist er wieder zurück, seit Jahresbeginn hat er kein Spiel verpasst. Einer der ersten Gratulanten war Hans Oertwig. Der 65 Jahre alte Fußball-Lehrer trainierte Pannewitz bereits als Elfjährigen am DFB-Stützpunkt. Er arbeitet für den Sechstligisten Oranienburger FC, wo Pannewitz spielte, bevor er nach Jena ging. "Es war für mich ein bewegendes Gefühl, ihn wieder auf dem Platz zu sehen", sagt Oertwig. Ohne ihn hätte das frühere Top-Talent seine Karriere beendet. Doch Oertwig hat sich um ihn gekümmert. Sie hatten ein Ziel: Pannewitz sollte zurück zu den Profis: "Dem Kevin muss man immer wieder klarmachen, was für ein grandioser Fußballer er ist. Dank seines enormen Willens ist er wieder zurückgekommen."

Die Lage schien hoffnungslos

Um ihm den Glauben an seine Stärken zurückzugeben, baute er zur ersten gemeinsamen Einheit eine Fahnenstange auf. Pannewitz zielte und traf nicht nur aus 40 Metern punktgenau, der Ball blieb dort auch liegen. Oertwig, der seit 48 Jahren als Trainer arbeitet, kennt alle Kniffe. Früher trainierte er unter anderem die Reinickendorfer Füchse und formte dort später Stars wie den Mönchengladbacher Peter Wynhoff. Sein Markenzeichen ist eine schwarze Brille. Die muss Oertwig tragen, da er an einer Augenkrankheit leidet. Zwischenzeitlich pausierte er, wehrte sich jedoch gegen sein Schicksal. "Der Platz ist mein Wohnzimmer", sagt er. "Durch die tägliche Arbeit konnte ich den Verlauf hinauszögern."

imago22876753h
Auch die Verantwortlichen des VSG Altglienicke ließen ihn gehen. (Foto: imago/Sebastian Wells)

An seinem Kampfgeist richtete sich auch Pannewitz immer wieder auf. "Hans Oertwig ist ein beeindruckender Mensch, der den Sport unheimlich liebt. Mir imponiert sein großer Lebenswille. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben." Nach dem Training fuhr er seinen Trainer nach Hause. Beide wohnten in Spandau, 35 Kilometer von Oranienburg entfernt. "Ich hatte während der Fahrten viel Zeit, um mich mit Kevin zu unterhalten", sagt Oertwig, der zum Saisonende aufhört. "Durch die vielen Gespräche konnte ich in seinen Kopf hineinschauen."

Die Lage schien hoffnungslos. Für eine Küchenfirma lieferte Pannewitz von frühmorgens bis abends Geräte aus, schleppte als Hausmeister Mülltonnen. "Ich fühlte mich nicht mehr wohl. Wenn man etwas dicker ist, ist vieles anstrengender und man hat eine andere Ausstrahlung." Ihm fehlte die Zeit für die Familie. Er sah seinen Sohn nur noch selten, der in Berlin wohnt. Die Verantwortlichen des VSG Altglienicke hatten ihn gehen lassen. Die Mannschaft stieg von der sechsten in die vierte Liga auf, doch an Pannewitz kam Trainer Dennis Kutrieb nicht ran. Dessen Absturz sei kein Einzelfall. "Das Profigeschäft hat schon viele Seelen gefressen", sagt Kutrieb, der nun die A-Jugend von Tennis Borussia trainiert. "Vielleicht sind die Spieler im Vorteil, die das Drumherum nicht so auf sich wirken lassen."

"In dem Moment einfach stolz"

Dass Jena ihn schließlich unter Vertrag nahm, verdankt Pannewitz seinem Schwager Timmy Thiele, der den Verein zum Aufstieg in die dritte Liga schoss. Beide sind Berliner Jungs und kennen sich seit über zehn Jahren. "Ohne Timmy wäre das alles nicht möglich gewesen." Nach einem 1:2 gegen Meuselwitz am 28. Januar 2017 machte Thiele seinem Kumpel klar, dass man mit ihm nie und nimmer verloren hätte. Beide schlossen einen Pakt: Er besorgt ein Probetraining. Im Gegenzug nimmt Pannewitz 30 Kilo ab. Zunächst wohnte er drei Monate lang in Thieles Wohnung. Er verzichtete auf Zucker und aß fast nur noch Suppen. Timmy führte streng Aufsicht darüber, dass Kevin den Plan einhielt.

imago10935855h
Wolfsburg? Da lief es nicht. (Foto: imago sportfotodienst)

Nachdem er im Probetraining überzeugt und den Vertrag unterschrieben hatte, trainierte er doppelt so oft wie die Kollegen. Da musste er gar nicht groß auf seine Ernährung achten. Die Kilos purzelten von alleine. "Mein ganzer Körper tat weh." Als er fast am Ziel war, postete er ein Foto mit freiem Oberkörper: "Ich war in dem Moment einfach stolz. Dass es solche Wellen schlägt, hätte ich nicht erwartet." 3365 Abonnenten hat er bei Instagram. Es wären mehr, hätte er die Erwartungen in Rostock nach seinem Profidebüt 2009 erfüllt. Doch er geriet immer wieder in die Schlagzeilen. Höhepunkt: Eine Disco-Tour 2011 mit vier Kollegen vor einem Pokalspiel gegen den VfL Bochum. Trainer Peter Vollmann gab verständnislos zu Protokoll, dass "dieser Vorfall (...) an Dämlichkeit nicht zu überbieten" sei.

"Es gehören immer zwei Leute dazu"

Dass die Presse damals fast nur über ihn berichtete und seine Mitspieler eher sanft behandelte, beschäftigt ihn nicht mehr. "Was Kritiker schreiben, interessiert mich wenig. Ein Journalist muss eben Storys liefern. Das ist doch sein Job. Wichtig ist, dass ich mit mir im Reinen bin." Offenbar hat er aus Fehlern gelernt: "Man wird älter. Vor einem Spiel werde ich nicht feiern gehen. Früher habe ich gemacht, worauf ich Lust hatte." Ernähren tut er sich ohnehin gesund, isst weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß. Nudeln und Kartoffeln hat er aber nicht gestrichen. "Ich muss alles zum richtigen Zeitpunkt zu mir nehmen. Wenn wir am Folgetag zweimal trainieren, kann ich auch mehr essen." Sogar eine Schokolade gönne er sich gelegentlich.

Obwohl er in Rostock negativ auffiel, hätten sie ihn gerne behalten. Viele Fans schätzten seine Spielweise. Doch er wechselte nach Wolfsburg, wo ihm die Welt offen zu stehen schien. Am Ende lief er nur für die U23 auf. Über den Trainer verliert er aber kein böses Wort: "Hätte ich die Vita von Felix Magath, wäre ich ganz zufrieden. Er hat alles probiert. Es gehören aber immer zwei Leute dazu." War der Wechsel ein Fehler? "Wahrscheinlich schon, aber es war auch eine wichtige Erfahrung." Bergab ging es ja erst danach. Sein USA-Traum platzte. Er bekam ein Probetraining bei den Colorado Rapids in Denver, überzeugte aber nicht. 2015 starb seine Mutter an Krebs. Darüber spricht er nicht. Sechs bis sieben Jahre will er noch spielen.

Er überlegt, dann nach Rostock zu ziehen, "einfach wegen der Stadt". An die Zeit dort denkt er gerne zurück. Erst einmal aber konzentriert er sich auf Carl Zeiss Jena, wo er einen leistungsbezogenen Vertrag unterschrieb. Geld stand bei ihm nie im Vordergrund. "Wenn mir jemand eine Million Jahresgehalt bietet, würde ich nicht Nein sagen. Die Gesundheit ist für mich aber wichtiger." Nun freut er sich auf den 24. März. Da geht es gegen seine alte Liebe - gegen Hansa.

JenaFußball3. Liga