Fußball

Wie läuft’s bei … Schwarz? Der "Heimscheißer" reüssiert in Moskau

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Schwarz' Einstand ist mehr als geglückt.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Seit einem Monat trainiert Sandro Schwarz den russischen Erstligisten Dynamo Moskau. Ein großer Schritt für den 42-Jährigen, der bislang seinen Dunstkreis rund um Mainz kaum verlassen hatte. Gut, dass er selbst in 2300 Kilometer Entfernung auf alte Bekannte trifft.

Der Rote Platz ist Pflichtprogramm, wenn man Moskau besucht. Der berühmteste Platz der russischen Hauptstadt, an den die Mauern des Kremls grenzen, auf dem die Basilius-Kathedrale steht, der Unesco-Welterbe ist. Der Platz, an dem der deutsche Pilot Mathias Rust am 28. Mai 1987 für so viel Wirbel sorgte, als er mit seiner Cessna landete. Mitten in der Altstadt Moskaus gelegen ist er ein prima Ausgangsort für weitere Erkundungen. Nun, wenn man nicht gerade Sandro Schwarz heißt. Und wenn man nicht wie er zum Arbeiten nach Moskau gekommen ist. Dabei sollte man eigentlich meinen, dass der 42-Jährige eine ganz drängende Reise- und Unternehmungslustigkeit ausleben müsste.

Schließlich ist er in Mainz geboren, in Mainz zum Fußballprofi gereift, später als Trainer zurückgekehrt zum 1. FSV Mainz 05. Sandro Schwarz ist einer, der offenbar nicht viel gibt auf die große, weite Welt. Die gewaltigste berufliche Luftveränderung hatte er als 26-Jähriger gewagt, als er von Mainz nach Essen wechselte. 281 Kilometer trennen die beiden Städte, der Ausflug dauerte nur ein Jahr, dann kehrte er beinahe wieder in die Heimat zurück: Zum SV Wehen Wiesbaden - in Sichtweite zur Stadtgrenze von Mainz - wo Schwarz seine Spielerkarriere 2009 beendete und direkt als Teamchef einstieg. Von Wiesbaden ging es 2011 nach Eschborn - 35 Kilometer von Mainz entfernt, bevor Schwarz dann im Sommer 2013 als U19-Coach zu seinem Jugendklub zurückkehrte und sich bis in die Bundesliga hocharbeitete. Einen "Heimscheißer" würden manche einen so heimatverbundenen Menschen vielleicht abfällig betiteln.

Ausgerechnet jener Schwarz ist nun Trainer bei Dynamo Moskau, mehr als 2300 Kilometer von Mainz entfernt. Den Roten Platz hat er auf seiner Touristen-Liste bereits abhaken können, erzählte er dem "Kicker", doch für mehr hat es bislang nicht gereicht. Seit 14. Oktober ist Schwarz bei Dynamo angestellt, unterschrieb einen Vertrag bis 2022, ein Wechsel mitten in der Corona-Krise, in der trotz täglicher Tests des Teams die Kontakte natürlich minimiert sein sollen.

"Ich wollte mal rausgehen"

2300 Kilometer - das ist nicht nur für Schwarz richtig, richtig weit. Sein Job bei dem Klub, für den die früheren Bundesliga-Spieler Roman Neustädter und Konstantin Rausch kicken, ist ein Wagnis. "Eine Persönlichkeitsentwicklung", nennt der Coach es selbst und wehrt sich gegen das Urteil, dass er zugleich ein Rückschritt ist. "Zuvor war ich fast immer im Rhein-Main-Gebiet. Ich wollte mal rausgehen, mein Spektrum erweitern. Für mich ist es der richtige Schritt. Ich wollte mich nicht für eine Liga, eine Sprache oder gewisse Vereine begrenzen", erklärt er dem "Kicker".

Und doch hat er ein kleines bisschen "Heimat" mit in Moskau. Denn derjenige, der Schwarz bei Dynamo vorgeschlagen und präsentiert hat, ist Zeljko Buvac. Der ehemalige langjährige Assistent von Jürgen Klopp ist seit Januar Sportdirektor bei Dynamo. Er und Schwarz kennen sich noch aus gemeinsamen Mainzer Zeiten, wo der gebürtige Bosnier und Klopp noch Schwarz im Kader hatten. "Das ist eine tolle Kombination, ja. Wir kennen uns seit über 20 Jahren, haben ein super Vertrauensverhältnis", bestätigt Schwarz dem "Kicker".

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Buvac (Mitte, 2.v.l.) und Schwarz (unten, 4.v.l.) kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim 1. FSV Mainz 05.

Ein Vertrauensverhältnis, das sich ganz offenbar auszahlt, denn Schwarz' Einstand bei Dynamo kann sich sehen lassen. Gemeinsam mit seinen Co-Trainern Andrej Woronin und Volkan Bulut - ebenfalls zwei Bekannte aus der Bundesliga, Woronin spielte unter anderem für Mainz, Leverkusen und Hertha, Bulut war lange Jahre Assistent von André Breitenreiter - verhalf er Dynamo zu einem Aufschwung: In drei Spielen errang sein Team drei Siege, nach insgesamt 14 Spieltagen steht der Klub nun auf Platz vier in der Tabelle der Premier Liga. Das würde für einen Platz in der 3. Qualifikationsrunde der Europa League reichen. Und das mit einem Team, dessen Marktwert vom Portal transfermarkt.de gerade einmal auf 52 Millionen Euro taxiert wird. "Intensität und Geschwindigkeit sind anders in der Bundesliga. Die Mentalität hier ist beeindruckend, das gibt mir ein super Gefühl auf dem Weg, diese Jungs weiterzuentwickeln. Es freut mich, dass sie auch Bock auf unseren Fußball haben", sagt Schwarz dem "Kicker".

Deutsches Trainerduell steht an

Vor allem der jüngste 5:1-Sieg gegen Stadtrivale Lokomotive Moskau dürfte den Dynamo-Fans und -Verantwortlichen gefallen haben. Gleich am Samstag (17 Uhr) kommt es erneut zu einem Stadtduell - diesmal gegen das besser platzierte Spartak Moskau. Ein Duell, bei dem zwei deutsche Trainer aufeinandertreffen, denn ebenfalls seit 14. Oktober ist dort Domenico Tedesco im Einsatz.

Die beiden kennen sich von den vier Duellen zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem FC Schalke 04, die sie von 2017 bis 2019 coachen durften. Drei Aufeinandertreffen endeten zugunsten von Tedesco, eines für Schwarz. Ob der mit Dynamo den Anschluss in dieser Serie schafft? Er hat die härteren Bedingungen, denn Rekordmeister Spartak steht in der Tabelle zwei Punkte vor Dynamo. So oder so, für Schwarz dürfte sich das Duell wieder etwas nach altbekannter Heimat anfühlen. Dass das Duell der beiden Deutschen aber so weit entfernt von Mainz stattfindet, zeigt: Schwarz ist mehr als ein "Heimscheißer".

Quelle: ntv.de