HSV, dringend therapiebedürftigDer Panikpatient hat wieder überdreht

Der Hamburger SV entlässt mit Bruno Labbadia den 14. Trainer in zwölf Jahren. Sportlich gibt es dafür gute Gründe. Doch die Panikreaktion nach fünf Spieltagen geht am Kernproblem des Klubs vorbei.
Ja, es gibt tatsächlich etwas Wohlwollendes über den Hamburger SV zu berichten: Nämlich, dass die Klubbosse in den vergangenen Tagen nicht den üblichen Schnickschnack von wegen "vollstes Vertrauen in den Trainer und seine Arbeit" gefaselt und ihn dann entlassen haben. Klingt ganz schön dünn, was? Ist es auch.
Aber selbst wer gegen den Mainstream denkt und versucht mehr Positives aus der Situation beim letzten Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga herauszuquetschen, muss ein kühner Visionär sein. Denn per Telefon übermittelte Entlassung von Bruno Labbadia entlarvt trotz sportlich nachvollziehbaren Gründen einmal mehr, wie planlos der Verein durch die Liga tollpatscht. Und das bei einem Anspruchsdenken, das völlig wirklichkeitsfremd ist.
Die Klubbosse um Dietmar Beiersdorfer und ihr tüchtiger Investor Klaus-Michael Kühne träumen von Europa. Das haben sie vermutlich mit vielen anderen Vereinen im Oberhaus gemeinsam. Und das ist natürlich auch völlig legitim, Was sie allerdings unterscheidet: In Hamburg glauben sie tatsächlich daran, dass der Klub so prima aufgestellt ist, – die teuren Neuzugänge des Sommers kamen indes von Absteigern, Zweitligaklubs und Reservemannschaften - das Duelle mit den europäischen Fußball-Großmächten zum Greifen nahe sind.
Abstiegskampf statt Europapokal
Was für ein Irrsinn. Denn von nichts ist der Hamburger SV derzeit weiter entfernt, als vom internationalen Wettbewerb. Für den Klub geht es in der Liga nach fünf Spieltagen wieder einmal gegen den Abstieg. Für eine seriöse Saisonprognose taugt das freilich nicht. Für eine muntere Panikattacke aber allemal.
Und die schlägt an der Elbe in bitterer Regelmäßigkeit zu. Labbadia ist der 15. Coach, mit dessen Arbeit die hypernervöse Klubspitze in den vergangenen zwölf Jahren nicht einverstanden war. Und das unabhängig von den Saisonergebnissen. Der HSV ist ein Panikpatient. Eine Therapie über das eigene Ich dringend notwendig. Stattdessen versteift sich der Verein immer stärker in den eigenen, überzogenen Großmannsanspruch.
Erfolg? Unbedingt. Aber zügig. Arbeiten mit Perspektive? Was für ein Quatsch. Außer dem enteilten FC Bayern München (ausgerechnet gegen diesen Gegner verlor Labbadia seinen Job) und auch der Borussia aus Dortmund, kann es der Klub mit jedem Gegner aufnehmen. So wirkt es zumindest in der Außenwahrnehmung. Mit der gegenwärtigen Realität hat das nichts zu tun.
Was, oder besser gesagt, wer kommt nun? Vermutlich Markus Gisdol. Ganz vernarrt scheinen die Entscheider des HSV in den ehemaligen Hoffenheimer Coach zu sein. Der 47-Jährige soll alles besser machen. Mag sein, dass ihm das gelingt. Mag sein, dass er die Mannschaft stärker macht, als dass Vorgänger Labbadia gelungen war. Angesichts von einem Punkt aus fünf Spielen scheint das nicht utopisch.
Aber sei's drum: Das Kernproblem des Vereins kann Gisdol (oder wie auch immer der Neue heißen mag) nicht therapieren. Denn das liegt nicht auf dem Feld, das sitzt in gut gepolsterten Logensesseln und macht sich weiter etwas vor.