Fußball

Flick freigeben oder entlassen? Der gefährliche Stolz des FC Bayern

Münchens Trainer Hansi Flick. Foto: Martin Meissner/AP-Pool/dpa/archivbild

Wie es in München weitergeht? Völlig unklar.

(Foto: Martin Meissner/AP-Pool/dpa/archivbild)

Hansi Flick hat seine Zukunft beim FC Bayern auf die höchste Stufe eskaliert. In einem knackigen Alleingang hat er öffentlich verkündet, dass er den Verein um seine Freigabe gebeten hat. Die Reaktion des Klubs zeigt, wie überfordert er mit dieser Lage ist.

Es ist immer wieder erstaunlich, wer einem eine große Krise beim FC Bayern so alles erklären kann. Nun also Dieter Hoeneß. Seine Expertise zum aktuellen Fall in München, dem Fall Hansi Flick: Er ist der Bruder von Uli Hoeneß. Dem immer noch mächtigen Patriarchen im Ruhestand. Es gab schon Menschen mit deutlich dünnerer Kompetenz. Herr (Dieter) Hoeneß, Sie haben das Wort: "Ich bin überzeugt, dass Hansi das nicht gut überlegt hat, vielleicht auch nicht gut beraten war", sagte der ehemalige Fußball-Funktionär dem SWR.

Das ist tatsächlich noch mal ein anderer Blick auf die Dinge, die sich da am Samstagabend in München, Pardon, in Wolfsburg ereignet hatten. Nach dem 3:2-Erfolg beim VfL und der damit wohl sicheren Titelverteidigung in der Meisterschaft hatte Flick vor laufenden Kameras erklärt, dass er die Bosse des Rekordmeisters ein paar Tage zuvor, nach dem Champions-League-Knockout gegen Paris St. Germain, um seine Freigabe nach dieser Saison gebeten habe. Unüberlegt wirkte die Aktion indes nicht. Was medial Konsens ist. Im Gegenteil: Sie wirkte wie eine taktische Meisterleistung. Denn der seit Wochen zermürbte Flick hatte sich damit die Kommunikationshoheit gesichert. Das Top-Blatt in diesem immer schäbiger gewordenen Spiel.

Denn die Situation war so. Noch mal Dieter Hoeneß, bitte: "Es gab eine andere Absprache, es ist besprochen worden, dass nach dem übernächsten Spiel eine Erklärung erfolgt." Das deckt sich mit der bislang einzigen, verspäteten Reaktion des überrumpelten Klubs. In einer kurzen, in seiner Deutlichkeit aber stinkwütenden Stellungnahme teilten alle Vorstände am Tag nach dem Überraschungsangriff von Wolfsburg mit: "Der FC Bayern missbilligt die erfolgte einseitige Kommunikation durch Hansi Flick und wird die Gespräche wie vereinbart nach dem Spiel in Mainz fortsetzen." Wie diese enden werden, scheint eh klar: Es hat sich ausgehansit an der Säbener Straße.

Mit Flick war nie Ruhe im Verein

Oder nicht? Noch haben die Münchner dem Wunsch ihres Trainers, der mit einem Wechsel zum DFB, als Bundestrainer-Nachfolger von Joachim Löw liebäugelt, nicht entsprochen. Aber haben sie denn eine Wahl? Wenn, dann keine gute. Denn den Coach gegen seinen Willen im Amt zu halten, würde die ohnehin schon eskalierte Lage auf eine Peripetie zusteuern lassen, die in München niemand aushalten kann. Und will. Also einfach freigeben? Auch nicht so einfach. Es würde den Stolz der Bosse verletzen, die von einem Trainer nie zuvor so düpiert worden waren. Und man sollte ja nicht unterschätzen, dass dieser Stolz ein großer Gegner der Mächtigen ist. Pressevernichtungskonferenz 2018 ist das Stichwort!

Was also dann? Entlassen? Das wäre das unwürdigste, das gekränkteste, aber auch das passendste Ende dieser eigenartigen Erfolgsgeschichte. Eigenartig eben deswegen, weil es den Münchnern trotz all der Siege und Titel nie gelang, Ruhe in die anderthalbjährige Cheftrainer-Zeit mit Flick zu bekommen. Immer wieder ging es mal laut, mal leise um Macht, Einfluss, Transfers und neue oder eben nicht neue Verträge (Jérôme Boateng und David Alaba sind die Stichworte). Immer wieder triezte der Coach den Klub mit seinen Wünschen und Klagen. Dass er dabei allzu häufig den Weg über die Öffentlichkeit wählte, wurde ihm mancherorts als fieses Spiel um Macht ausgelegt.

Ein verzweifeltes Werben?

Meistens aber doch eher als verzweifelte Suche, als verzweifeltes Werben für sein Anliegen. Ein Anliegen, das dem Coach mehr Mitsprache bei der Kadergestaltung einräumt. Dass ihm bei der Entwicklung des Teams individuellen Entscheidungsraum schafft. Für die unterschiedlichen Anforderungsprofile der Spieler. Denn eines ist ja klar, um einfach mal zwei Extrempositionen zu schaffen: Eine Mannschaft, die den Fußball von Josep Guardiola perfekt spielen soll, wird niemals auch den Fußball von Jürgen Klopp perfekt umsetzen.

Nun ist es in München fast immer so gewesen, dass der Trainer weniger Gestalter war als Ausführungshilfe. Das klingt vielleicht ein wenig hart. Aber wenn sich die Bosse einen Top-Transfer fest vorgenommen hatten, dann war ihnen auch egal, ob der Trainer eventuell lieber einen anderen Kandidaten gehabt hätte. Jüngstes Beispiel dafür: Leroy Sané. Auch wenn die Sache im Nachgang als gemeinsamer Entschluss verkauft wurde, so sehr blieb hängen, dass Flick lieber einen Timo Werner oder Kai Havertz in München gesehen hätte.

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Dass die Bosse in ihrer Stellungnahme betonen, dass sie die Gespräche mit ihrem außer Kontrolle geratenen Trainer nach dem Spiel am nächsten Samstag beim FSV Mainz 05 fortsetzen wollen, ist zwar ehrenwert, aber ganz sicher kein finaler und ergebnisoffener Kampf um eine Zukunft mit ihrem Erfolgstrainer. Dass sie die Entscheidung nun noch um eine Woche vertagen, ist wohl eher ein Beleg, dass sie mit der Situation überfordert sind. Dass sie die Wut und den Frust ihres Trainers unterschätzt haben. So wie sie einst unterschätzt haben, dass das in Dauerschleife wiederholte "Nein" vom "Heiligen Jupp" Heynckes zu einer Verlängerung seiner Nothilfe tatsächlich endgültig war.

Einen Plan B (also einen neuen Trainer), so wirkt es, gibt es in München nicht. Dass die Kraftverhältnisse im Klub Sportvorstand Hasan Salihamidžić im Amt halten und ihn den Machtkampf gegen Flick "gewinnen" lassen, das scheint ja unumstößlich. Auch wenn manches Vorgehen des 44-Jährigen zuletzt intern kritischer bewertet worden sein soll. Unter anderem im Fall "Jérôme Boateng". Wie mehrere Medien berichten. Eine schnelle Entscheidung im "Fall Flick" würde den Rekordmeister unvorbereitet dastehen lassen, vielleicht sogar naiv. Das allerdings ist mit dem Stolz der Bosse alles andere als gut vereinbar.

Quelle: ntv.de

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