Fußball

Untergang gerade noch abgewehrt?Der taumelnde SV Werder schießt sich (vorerst) von der Intensivstation

09.03.2026, 05:49 Uhr
imageVon David Bedürftig, Berlin
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Der 18-jährige Patrice Covic durfte sich über sein erstes Bundesligator freuen. (Foto: IMAGO/Matthias Koch)

Der leidgeplagte SV Werder Bremen feiert in Berlin eine kleine Wiederauferstehung. Die Hanseaten krallen sich im Abstiegskampf an das mächtigste aller Werkzeuge und erleben endlich einen Thioune-Effekt. Aber etliche Probleme lauern weiterhin.

Hoffnung ist ein mächtiges Werkzeug. Vielleicht das mächtigste überhaupt. Ist die Hoffnung verloren, geht gar nichts mehr. Im Fußball wie im Leben. Doch wird sie wiedererweckt, kann sie blitzschnell zu etwas Großem anwachsen und Menschen angesichts der Krisen der Gegenwart die Kraft geben, neue Wege für eine bessere Zukunft zu finden.

Nicht nur im Star-Wars-Universum verleitet Hoffnung zu Heldentaten. Manchmal auch auf dem Rasen. So wie beim 4:1(2:1)-Sieg von Werder Bremen bei Union Berlin am Sonntagabend.

Der Klub lag noch vor gut einer Woche am Boden. Geschlagen, aussichtslos, hoffnungslos. Innerhalb von 13 Partien ohne einen einzigen Sieg waren die Grün-Weißen von der Nähe der Europapokalplätze auf einen direkten Abstiegsrang abgerutscht. Ein Patient mit schwachem Herzschlag auf der Intensivstation. All das erinnerte an den Abstieg 2021, als auf die trügerische Sicherheit der Hinrunde eine blamable Rückrunde folgte.

Doch nach dem schwer erkämpften 2:0-Sieg gegen Heidenheim Ende Februar keimte ein Hoffnungsschimmer auf, den die Hanseaten mit dem dominanten Erfolg in Berlin endgültig in einen motivierenden Aufwärtstrend ummünzten. Denn auf einmal kann der SV Werder wieder kombinieren und sich den Frust der harten Monate (der letzte Sieg vor der Heidenheim-Partie lag vier Monate zurück) von der Seele schießen und sicherte sich zum ersten Mal in dieser Saison - und zum wichtigsten Zeitpunkt - den zweiten Dreier in Folge.

"Jetzt schießen wir endlich wieder Tore"

"Wenn man dann 0:1 in Rückstand liegt und unsere Historie kennt, dann würde ich sagen, war das heute eine Top-Leistung meiner Mannschaft und ein sehr reifer Vortrag", lobte Cheftrainer Daniel Thioune nach dem Spiel. Jens Stage fügte hinzu: "Unser Auftritt war von Beginn an gut, jetzt muss es in den nächsten Wochen genauso weitergehen. Wir haben auch schon vor dem Spiel gegen Heidenheim gute Ansätze gehabt. Jetzt schießen wir endlich wieder Tore und fahren Ergebnisse ein." Und Marco Grüll freute sich über die neugewonnene Hoffnung: "Das Selbstvertrauen ist wieder da. Wenn man Spiele gewinnt, wächst der Glauben an weitere Siege."

Hoffnung kommt in den verschiedensten Formen. Groß und klein, von der Hoffnung auf das ewige Leben bis hin zum Wunsch, dass der Schwarm irgendwann einmal herüberschaut. Werder Bremen hofft, den dritten Abstieg in der Bundesliga-Historie zu vermeiden. Mit nunmehr 25 Punkten sprangen die Bremer durch den Triumph in der Alten Försterei vom 16. auf den 13. Tabellenplatz, doch der Weg bis zur Erlösung ist noch weit: Der Vorsprung auf den Relegationsrang beträgt nur einen Zähler.

Gewiss, die Szene des Spiels, die kein Tor war, sondern der Platzverweis von Andras Schäfer, der Stage in der 19. Minute übel auf Fuß und Wade trat, spielte Werder in die Karten. Gut 70 Minuten mussten die Berliner in Unterzahl agieren.

Werder rappelt sich nach Rückstand auf

Aber während die Werderaner der 13-Spiele-Misere mit der Überzahl nicht viel anzufangen gewusst hätten (siehe Pleiten gegen Freiburg und Hoffenheim), nutzten die auf einmal beflügelten Bremer sie diesmal eiskalt aus. Nach dem frühen 0:1 per Elfmeter durch den Ex-Bremer Derrick Köhn (18.) - Niklas Stark hatte Ilyas Ansah im Stile der vielen Bremer Defensivfehler in dieser Saison etwas stümperhaft zu Fall gebracht -, rappelte sich Werder sofort wieder auf. Das war monatelang so nicht zu sehen.

Werder antwortete direkt mit zwei Großchancen. Einen Schuss von Stage nach Balleroberung im Strafraum parierte Frederik Rönnow stark und nur zwei Minuten später jagte Yukinari Sugawara, der frei aus acht Metern zum Abschluss kam, die Kugel in den Berliner Abendhimmel.

Manch Werder-Fan zitterte schon wieder wegen dieser erneut miserablen Chancenverwertung, die sich wie ein gefährlicher roter Faden durch die Saison der Hanseaten zieht. Vor der Partie bei Union hatte Bremen die wenigsten Großchancen aller Bundesliga-Teams und die schwächste Trefferquote: Nur jeder 14. Torschuss führte zu einem Tor. Daraus resultierte die drittschlechteste Torausbeute der Liga. Das ist abstiegsreif, und immer wieder bewiesen die Bremer über die vergangenen Monate vor dem Tor, dass ihre Nerven blank liegen.

Traumtor und Spiel gedreht

Aber der neue SVW voller Hoffnung und Tatendrang kann auf einmal wieder Tore schießen. Nach einer Ecke von Cameron Puertas legte Keke Topp am zweiten Pfosten in die Mitte ab, Stage übergab den Ball an Oliver Deman, der aus 16 Metern die Kugel wunderschön ins linke obere Toreck schlenzte (31.). Traumtor!

Diese Variante wirkte einstudiert. Und solch ein Schuss benötigt Mumm. Davon hatte Werder zuletzt viel zu wenig. Nur vier Minuten später drehten die Bremer die Partie und brachten die Alte Försterei erstmals zum Verstummen. Wieder war es eine Ecke von rechts, die diesmal aber an den kurzen Pfosten geflogen kam. Stage stieg am höchsten und nickte rechts unten ein. Der erste direkte Treffer nach einer Ecke für Werder in der gesamten Saison. Puertas hätte sogar noch erhöhen können, aber der Spanier setzte den Ball nach einer feinen Kombination mit Romano Schmid aus 17 Metern knapp am rechten Pfosten vorbei (44.).

Obwohl es von den Rängen (Stage wurde nach der Roten Karte bei jedem Ballkontakt lautstark ausgepfiffen) und auf dem Rasen mit knallhart geführten Zweikämpfen und einigen Fouls immer hitziger wurde, zeigte Werder eine so reife Leistung wie vielleicht noch nie in dieser Spielzeit. Zielstrebig, lebendig, furchtlos: Von der Tribüne aus konnten die Zuschauer mitansehen, wie mit Kampf, Willen und Freude minütlich der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ins Team zurückkehrte.

Ein solch aggressives Gegenpressing der Grün-Weißen hatte man ebenfalls lange nicht gesehen. Greift der Thioune-Effekt nun etwa doch? Die Mannschaft schien seine Marschroute endlich umsetzen zu können, nachdem ein neuer Esprit durch den Trainerwechsel nach drei Pleiten in Thiounes ersten drei Partien schnell verpufft war. Nun aber stellte der Coach seine Männer auch in der Pause stark ein, sodass Werder sich in der zweiten Halbzeit nicht etwa zurückzog und nachließ.

18-jähriger Covic mit besonderem Debüt-Tor

Bremen kam stattdessen mit einer Topchance aus der Kabine (49.): Stage trieb den Ball auf rechts in den Strafraum und flankte ihn einmal quer zu Deman, der direkt wieder zurücklegte. Der Schuss des Dänen klatschte an den linken Pfosten. Auch der zur Pause ins Spiel gekommene Leonardo Bittencourt (ein cleverer Schachzug von Thioune, um das Zentrum, in dem sich viele Räume auftatet zu überlagern) hatte wenig später einen guten Abschluss.

Werder machte weiter das Spiel und nach einer Bittencourt-Hereingabe in der 66. Minute köpfte Danilho Doekhi seinem Mitspieler Woo-yeong Jeong im eigenen Strafraum den Ball ans Hinterteil, wodurch Schmid die Kugel unverhofft am Fünfmeterraum erhielt. Seinen Pass in die Mitte grätschte Grüll über die Linie. In der Nachspielzeit fiel sogar noch das nicht unverdiente 4:1 als i-Tüpfelchen. Der erst 18-jährige Patrice Covic, in Berlin geboren als Sohn des ehemaligen Hertha-Spielers und -Trainers Ante Covic, erzielte vor den Augen seiner Familie sein erstes Bundesligator.

Viele Probleme bleiben natürlich auch nach dem Sieg in Berlin. Der Patient Werder Bremen ist noch längst nicht genesen. Die schlechte Kaderplanung und misslungene Transfers werden die Hanseaten weiterhin belasten. Clemens Fritz, Geschäftsführer Profifußball, den die Fans bereits mit einer Petition loswerden wollten, steht in der Kritik. CEO Klaus Filbry und Präsident Hubertus Hess-Grunewald tragen eine Mitschuld, schließlich konnten sie den Verein, der seit Jahren dauerpleite ist, obwohl gespart wird an allen Ecken, noch immer nicht in finanziell sichere Gewässer führen.

Werder hat die Hoffnung wieder

Und auch die sportliche Misere ist beileibe nicht vorüber. Bezeichnend war in Berlin: Drei der Tore fielen durch Mittelfeld- oder Abwehrspieler. Ob Jovan Milosevic, der gegen Union ausfiel, nachdem er gegen Heidenheim auf den Rücken geknallt war, das Bremer Sturmproblem langfristig lösen kann, bleibt abzuwarten.

Dennoch könnte der Sieg in der Alten Försterei mehr als ein Dreier gewesen sein. Vielleicht war es der vielzitierte "Hallo-wach-Effekt". Der Funke, der Werder Bremen endgültig zum Leben erweckt und in zwei Monaten in den Klassenerhalt sichert. Die Grün-Weißen ackern, kombinieren und treffen wieder - und haben es nun in der eigenen Hand, wenn es in den nächsten vier Wochen gegen die direkten Konkurrenten Mainz, Wolfsburg und Köln geht.

Hoffnung kann motivierend sein und im besten Fall Flügel verleihen. Das vielleicht mächtigste aller Werkzeuge, der SV Werder hat es wieder.

Quelle: ntv.de

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