Fußball

FC Everton als Häufchen Elend Der tiefe Absturz eines stolzen Traditionsklubs

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Frank Lampard und sein Team stecken tief in der Krise.

(Foto: IMAGO/Pro Sports Images)

Fußballfans in Liverpool leiden derzeit arg. Egal, ob sie Fans von Klopps FC Liverpool oder des Stadtrivalen FC Everton sind. Letztere müssen mit ansehen, wie ihr Klub schon wieder dem Abstieg entgegen taumelt. Einige Anhänger gehen deswegen zum Angriff über - gegen die Spieler und den Vorstand.

Im Mai 2022 umzingeln Menschenmassen den Bus des FC Everton, blaue Rauchschwaden vernebeln die Sicht, Fahnen werden geschwenkt, die Stimmung ist ausgelassen und freudetrunken. Der englische Fußballklub hat soeben den Abstieg aus der Premier League verhindert. Im Januar 2023 umzingeln wieder Fans die Fahrzeuge ihrer Profis, doch die Stimmung ist aggressiv und angespannt. Kein Jubel, sondern Zorn und Wut liegen in der Luft. In Everton ist vom Zusammenhalt nichts zu spüren, die Krise dominiert.

Erneut ist der Abstieg nah, es wäre der erste nach 69 Jahren Erstklassigkeit. Es hat den Klub noch deutlich härter getroffen als den ebenfalls kriselnden Stadtrivalen FC Liverpool, bei dem Jürgen Klopp arg leidet. Nach dem anstehenden 21. Spieltag könnte Everton auf den letzten Tabellenplatz rutschen, nur das sechs Treffer bessere Torverhältnis gegenüber dem FC Southampton bewahrt den Klub bislang davor. Gegen West Ham United (16 Uhr im ntv.de-Liveticker) steht ein sogenanntes Sechs-Punkte-Spiel an, der Konkurrent wiederum hat nur einen Gegentreffer weniger kassiert und liegt nur um diesen Hauch in der Tabelle vor Everton.

Fans lauern Spielern auf

Es geht dahin mit dem stolzen Gründungsmitglied der Football League im Jahr 1888. Schon 1891 feierte Everton die erste Meisterschaft, da waren Klubs wie Manchester United, der FC Chelsea und auch der FC Liverpool nicht einmal geboren. Doch die Vergangenheit hilft Trainer Frank Lampard und seinem Team aktuell natürlich nicht weiter und die Gegenwart trägt auch nicht dazu bei, dass die volle Konzentration auf den Spielen liegt.

Nach der vergangenen 1:2-Pleite gegen den FC Southampton am vergangenen Wochenende, trotz 1:0-Führung, lauerten mehrere Personen den Fußballern auf als diese mit ihren Autos vom Stadion wegfuhren, so ist es auf Videos zu sehen. Yerri Mina stieg sogar aus seinem Wagen aus, um mit ihnen zu sprechen, wurde aber mehr abgekanzelt als angehört. Der kolumbianische Verteidiger solle "ein Anführer" sein und "ein bisschen Herz zeigen", nachdem das Team nach dem Führungstreffer durch Amadou Onana mal wieder eingebrochen war und zwei Gegentore von James Ward-Prowse kassiert hatte. Der 29-jährige Mina, der fast die gesamte Saison bislang wegen einer Sprunggelenksverletzung ausgefallen war, betonte, er würde "sein Leben für den Verein geben". Linksaußen Antony Gordon wurde durch das Fenster angebrüllt: "Raus aus unserem Klub" und weitere Beschimpfungen fielen, Stürmer Ellis Simms wirkte nach seiner Fahrt durch die aufgebrachten Fans geschockt.

"Böswillige und inakzeptable Drohbriefe"

Aus Everton-Kreisen hieß es, dass Geschäftsführerin Denise Barrett-Baxendale Anfang des Monats bereits Ähnliches durchmachen musste. Sie war demnach im Anschluss an die Partie gegen Brighton & Hove Albion in ihrem Auto umzingelt und bespuckt worden. Beim Spiel gegen Southampton fehlte dann gleich der gesamte Vorstand im Stadion - wegen einer "realen und glaubwürdigen Bedrohung". Es habe "böswillige und inakzeptable Drohbriefe" gegeben, hieß es vom Klub. Betroffen waren neben Barrett-Baxendale auch Präsident Bill Kenwright, Finanz-Chef Grant Ingles sowie Direktor Graeme Sharp.

Allerdings gibt es im Bezug darauf einige Fragen, denn die Polizei teilte mit: "Vor dem Spiel wurden der Polizei keine Drohungen oder Vorfälle gemeldet, aber wir stehen in Kontakt mit dem Verein, um festzustellen, ob es zu Straftaten gekommen ist, und um sicherzustellen, dass alle künftigen Meldungen über die bestehenden Kanäle eingehen". Und auch die Fan-Gruppierung NSNOW erklärte: "Jeder bei uns involvierten Fan-Gruppierung ist klar, dass alles friedlich ablaufen wird. Wir wissen nichts von irgendwelchen Drohungen." Mike Richards vom "The Unholy Trinity Everton Podcast" schrieb in einem Beitrag für die BBC: "Die Medien wollten uns weismachen, dass die Stimmung vor dem Spiel 'angespannt' war, wobei die Aufmerksamkeit von der schwachen Leistung des Vorstands auf die Fans gelenkt wurde, die alles versuchen, um ihren Verein zu retten. Es gab nichts als pure Emotionen und Zuneigung zu sehen, gepaart mit dem Willen, aus jedem einzelnen Spieler ein zusätzliches Prozent herauszuholen."

NSNOW macht jedoch auch klar: "Aber die Position derjenigen, die für den Niedergang unseres Vereins verantwortlich sind, die weggeblieben sind, ist völlig unhaltbar. Unser Protest wird weiter wachsen, bis sich etwas ändert." Das Everton Fan Forum fordert in einem Offenen Brief gar "weitreichende Veränderungen auf Vorstands-, Aufsichtsrats- und Geschäftsführungsebene". Auch Banner im Stadion verdeutlichten diese Position.

Neues Stadion soll 2024 eröffnen

Gemeint ist damit vor allem Mehrheitseigner Farhad Moshiri, der den Klub seit 2016 führt. Er wurde von den Fans lange als Heilsbringer gefeiert, doch inzwischen ist die Liebe erkaltet. Erst recht zu Präsident Kenwright, der schon seit 1989 für Everton tätigt ist und seit 2004 sein Amt innehat. Der 77-jährige Filmproduzent ist ein Vertrauter Moshiris und als Präsident für die sportliche Krise mitverantwortlich.

Bevor der iranisch-britische Milliardär Moshiri einstieg, hatte der Klub versucht, den angehäuften Schuldenberg aus eigener Kraft abzuarbeiten, indem sie etwa Stars wie den Belgier Marouane Fellaini, den heutigen Arsenal-Trainer Mikel Arteta oder das Eigengewächs Jack Rodwell ziehen ließen. Und das zu einer Zeit, als die Konkurrenz längst mit Investorengeldern etwa aus Russland und Saudi-Arabien vollgepumpt wurde. 2016 zogen die Toffees dann nach, seitdem investierte der FC Everton etwa 560 Millionen Euro in neue Spieler, allein 78 Millionen Euro waren es vor dieser Saison.

Moshiri ist es auch zu verdanken, dass der Goodison Park bald der Vergangenheit angehören wird. Für 860 Millionen Euro baut der Klub eine neue Arena mit 53.000 Plätzen am Mersey River. Sie soll 2024 eröffnet werden - als Teilnehmer der Premier League und nicht der zweitklassigen Championship.

So schlecht wie zuletzt 1958

Im vergangenen Jahr schaffte Frank Lampard noch so gerade eben die Wende, am 31. Januar 2022 war er zur Rettung angetreten, die im Mai tatsächlich vollendet wurde. Doch nun ist es noch schlechter um den Klub bestellt. Die düsteren Statistiken häufen sich unerbittlich: Nur drei Siege aus 19 Ligaspielen stehen zu Buche, es sind die wenigsten in der Vereinsgeschichte. Seit neun Pflichtspielen gab es keinen Sieg, sieben gingen sogar verloren. Ein Tiefschlag sind auch die vier in Folge verlorenen Heimspiele in der Liga - so eine lange Serie gab es zuletzt zwischen April und September 1958 als man siebenmal verloren hatte.

Lampards Bilanz bei Everton ist trotz des Klassenerhalts überschaubar. Zwar gelangen ihm am Ende der vergangenen Saison die zwei wichtigen 1:0-Siege gegen die deutlich stärker einzuschätzenden Klubs Manchester United und FC Chelsea, doch seit seinem Amtsantritt gab es 20 Pleiten in 37 Ligaspielen. Lampard selbst ordnete das ein: "Was meine eigenen Fähigkeiten angeht, bin ich immer zuversichtlich. Ich weiß, dass ich kein Wundertäter bin und ich weiß, dass ich nicht der beste Trainer der Welt bin, aber ich weiß, dass ich so hart arbeiten werde, wie ich kann, um so gut wie möglich zu sein." Moshiri stärkte ihm zuletzt öffentlich den Rücken.

Mehrheitseigner bekennt Transferfehler

Während "The Athletic" ihm in der abgelaufenen Spielzeit noch "das magische Händchen und die Klarheit der taktischen Herangehensweise" attestierte, ist davon nicht mehr viel zu sehen. Gegen Southampton legte das Team engagiert und entschlossen los, versäumte aber trotz guter Chancen den zweiten Treffer und wurde nach dem Ausgleich zunehmend verzweifelt. Ein Mangel an Qualität wurde auf dem Platz einmal mehr offensichtlich.

Und das trotz der Einkäufe für 78 Millionen Euro in einem Transferfenster. Nun ist diese Summe in der Premier League längst Normalität und garantiert keinen Erfolg. Doch etwa Konkurrent Brighton & Hove Albion stellte beim 4:1-Erfolg im Duell seine Startelf für die Kosten eines einzigen Everton-Spielers zusammen, rechnete das "Liverpool Echo" vor. Brighton steht übrigens auf Tabellenplatz sieben, noch vor Liverpool und Chelsea.

Moshiri hatte bei TalkSport in der vergangenen Woche zugegeben, dass "wir nicht immer viel Geld klug ausgegeben haben". Für 35 Millionen Euro war Amadou Onana zu Saisonbeginn an den River Mersey bekommen, bekannt aus der Hoffenheim-Jugend und vom Hamburger SV. Noch dazu steht der englische Nationalkeeper Jordan Pickford im Tor, auf links verteidigt Ukraines Nationalspieler Vitaliy Mykolenko, auch Alex Iwobi machte sich beim FC Arsenal bereits einen Namen. Mit einem Tor und fünf Vorlagen ist er der Top-Scorer seines Teams, Gordon sowie sein Demarai Gray sind die Toptorschützen mit jeweils drei Treffern - eine bittere Bilanz. Mit dem Brasilianer Richarlison verließ der Top-Stürmer allerdings im Sommer den Verein in Richtung Tottenham, Dele Alli wurde in die Türkei verliehen, Allan wechselte nach Saudi-Arabien, der frühere portugiesische Nationalspieler André Gomes nach Lille, Jonjoe Kenny verstärkte Hertha BSC.

"Goodison Park ist zur Qual geworden"

Aufgeben will Lampard, der vor seinem Amtsantritt ein Jahr arbeitslos war, nicht. "Ich habe das Glück, dass ich schon lange dabei bin, und man wird ziemlich hartnäckig in diesen Dingen. Es wird zu deinem Leben", sagte der frühere Chelsea-Coach und Spieler. "Das Einzige, was ich will, ist, diesem Verein Erfolg zu bringen."

Ein Erfolg muss zunächst dringend gegen West Ham her. Es ist ein Auswärtsspiel für Lampard und Co. - zum Glück, folgt man der Logik von Podcaster Richards. Ob der üblen Heimpleiten-Serie konstatierte er in der BBC: "Der Goodison Park ist zur Qual geworden, es sei denn, man ist ein Auswärtsteam." Richards will bei seinem Klub für nichts mehr garantieren, erst recht nicht, ob Lampard weiter im Amt bleiben wird. Klar für ihn ist nur eins: "Dass die Evertonians unseren Verein weiterhin unterstützen." Wilde Szenen, bei denen Spieler in ihren Autos bepöbelt werden, sind damit sicher nicht gemeint. Der Jubel des vergangenen Mais scheint derzeit jedenfalls wie aus einer besseren Vergangenheit.

Quelle: ntv.de

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