Fußball

Farce statt ehrlicher Analyse Des Bundestrainers Feuer brennt nicht mehr

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Viel zu überstürzt urteilt der DFB, dass Joachim Löw Bundestrainer bleiben darf.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Ein weiterer Persilschein für Joachim Löw: Der Bundestrainer muss sich vor dem DFB verteidigen, aber die Analyse des Verbands kommt viel zu schnell und gehaltlos. Löw bleibt Coach der Nationalmannschaft - aber damit auch die Erfolglosigkeit und die vielen Probleme.

"Ich spüre bei ihm den ungebrochenen Willen, mit der Nationalmannschaft auch in den nächsten Jahren in der Weltspitze zu bleiben, mit ihr will er unbedingt weitere Titel gewinnen", urteilt der DFB über Joachim Löw. Der Bundestrainer soll also komme was wolle im Amt bleiben. Das war im Mai 2018. Der damalige Verbandspräsident Reinhard Grindel verlängerte kurz vor der WM in Russland mit Löw und seinem Team bis 2022. Nun handelt der DFB schon wieder viel zu unüberlegt und hastig: Nach gerade einmal ein paar Stunden Analyse wird dem zur Verteidigung vorsprechenden Bundestrainer das Vertrauen ausgesprochen. Die eigentlichen Probleme bleiben dabei auf der Strecke.

Tage der Wahrheit sollten es werden für Joachim Löw. Eigentlich war die entscheidende Präsidiumssitzung erst für den 4. Dezember geplant. Der angeschlagene Bundestrainer durfte sich und seinen Weg immerhin höchstpersönlich vor der Führungsspitze des DFB verteidigen - aber alles und jeder war davon ausgegangen, dass es ein harter und langer Kampf für Löw werden würde. Nichts da. Nicht mal einen halben Tag konferieren die DFB-Oberen, dann ist schon alles entschieden. Die Fakten sind (mal wieder) geschaffen, bevor überhaupt eine detaillierte Prüfung der Umstände angegangen werden konnte. Der nächste Persilschein für Löw.

Löws Mängelliste ist lang

Viel zu überstürzt kommt der DFB zu einer Entscheidung. Wie soll eine umfassende Analyse aller Probleme einer seit Jahren wankenden Mannschaft und eines immer unbeliebteren Trainers in ein paar Stunden auf die Beine gestellt werden? "Uneingeschränkt" dürfe Löw seinen Weg sogar fortsetzen - das erinnert stark an den unnötigen Vertrauensbeweis vor der WM 2018. Zwar will es der Bundestrainer allen noch einmal beweisen, aber das hörte man schon nach der verkorksten Weltmeisterschaft, als angeblich ebenfalls "alles" auf die Probe gestellt wurde. Dass jetzt so überhastet wieder ein ähnliches Treuebekenntnis beschworen wird, könnte dem DFB spätestens bei der EM 2021, aber auch in den Jahren darauf, teuer zu stehen kommen.

Denn brennt Löw wirklich noch für seinen Job? Und führt er ihn erfolgreich aus? Nachdem es zuletzt viel Kritik gehagelt hatte, hieß es in seinem Umfeld, beim Bundestrainer überwiege der "Trotz". Dass Löw die Mannschaft nicht mehr erreicht, war in etlichen, sehr schwachen Spielen schon seit 2017 zu erkennen. Die extrem wacklige Defensive, fehlende Kommunikation auf dem Platz, eine erfolglose wie unattraktive Spielidee, keine Anführer in der Mannschaft, fehlerhaftes Pressing, kein erkennbarer Spielstil seit dem Abrücken vom Ballbesitz-Credo 2018, ein nicht wie gewollt anlaufender Umbruch: Löws Mängelliste ist lang. Dazu kommt die Dauer-Diskussion um das ausgebootete Weltmeister-Trio. Aber beim DFB geht einfach alles weiter wie immer, Löw bekommt Chance um Chance und alle Beteiligten verpassen es wieder einmal, den nötigen Cut zu machen - oder wenigstens eine wirklich ehrliche, längerfristige Analyse samt Kurswechsel anzugehen.

Löw hat die Probleme seit 2018 nicht lösen können

DFB-Kicker hatten zuletzt hinter vorgehaltener Hand den Stil Löws und seine schwer durchschaubare Taktik beklagt. Die Art des Bundestrainers, die nicht gerade die emotionale Jürgen Klopp'sche ist, hätte allein einer genauen und längeren Analyse bedurft. Stattdessen stellte der DFB nun "die hochqualitative Arbeit des Trainerstabes, das intakte Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer sowie ein klares Konzept für das bisherige und weitere Vorgehen" übereinstimmend fest. Da macht der Verband es sich viel zu einfach und verprellt die jungen Spieler, die die Nationalmannschaft in die Zukunft führen sollen. Und wie Löws genauer Plan - auch personell - aussieht, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Anders als Klopp 2015 beim BVB weiß der Bundestrainer einfach nicht, wann es Zeit ist, um sich einzugestehen, dass er nicht mehr der Beste für den Posten ist.

Aber klar, ein einzelnes Spiel "kann und darf nicht Gradmesser für die grundsätzliche Leistung der Nationalmannschaft und des Bundestrainers sein", urteilt der DFB nun. Stimmt. Ist es aber auch nicht. Das 0:6 gegen Spanien war Ausdruck und Sinnbild der vielen Probleme, die die Nationalmannschaft schon länger plagen. Diese hätte man ehrlich angehen müssen. Löw hat sie seit der WM 2018 nicht lösen können. Wieso er sie nun im nächsten halben Jahr beheben können sollte, weiß nur der DFB. Außerhalb von Frankfurt sieht kaum noch jemand Löws Feuer brennen.

Quelle: ntv.de

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