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Union Berlin gastiert beim FC St. Pauli "Die Blutsbrüderschaft gibt es nicht mehr"

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Im Hinspiel haben Torsten Mattuschka (M.) und seine Unioner gegen St. Pauli spektakulär nach einem 0:2-Rückstand mit 3:2 gewonnen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wenn heute im Flutlicht des Hamburger Millerntor-Stadions der Anpfiff ertönt (ab 20.15 Uhr im Liveticker bei n-tv.de), treffen zwei ganz besondere Vereine aufeinander. Sowohl bei den Kiez-Kickern vom FC St. Pauli als auch bei den Eisernen vom 1. FC Union Berlin steht eine lebendige Fankultur im Mittelpunkt. Für den Berliner Sportjournalisten Matthias Koch Grund genug, die bewegte Geschichte des Traditionsklubs aus Köpenick zu porträtieren. Ein Gespräch über sein kürzlich erschienenes Buch, die besondere Rolle der Fans und den zunehmend schwierigeren Spagat Kommerz-Tradition.

n-tv.de: Herr Koch, Sie haben vor kurzem ein Buch über den 1. FC Union und seine Fans geschrieben. Was soll an dem Verein so besonders sein?

Matthias Koch: Der Unioner gehört zu den leidensfähigsten Menschen der Fußballwelt. Der baut das Stadion, der spendet für "Bluten für Union", der kauft sich die Stadionaktie, der ist Mitglied, der ist Dauerkarteninhaber und wenn sie morgen was erfinden, dann macht der das auch noch. Ich weiß nicht, ob das bei allen Vereinen so ist.

Oft wird beispielsweise der Vergleich zwischen Union und dem FC St. Pauli gezogen. Was bedeutet es, wenn beide Vereine am Montag aufeinandertreffen?

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Die Blutsbrüderschaft von einst ist passé.

(Foto: imago sportfotodienst)

Natürlich sind da viele Emotionen drin. Die "Fanfreundschaft", die früher vielleicht mal kurzzeitig bestanden hat - in der Phase, als es dieses "Blutsbrüder"-Freundschaftsspiel im Rahmen der Aktion "Bluten für Union" gab und St.-Pauli-Fans viel Geld gespendet haben, um Union 2004 bei der Lizenzerteilung zu helfen - existiert nicht mehr. Es gibt zwar noch manche, die diese pflegen, aber die meisten Fans von Union halten von Fanfreundschaften nichts.

Wie bewerten Sie die Partie in Bezug auf die Fankultur?

Die Stimmung dort ist nicht einzigartig, aber schon besonders. Sowohl St. Pauli als auch Union haben einen festen Zuschauer-Stamm. Bei Union sind es vielleicht 17.000, bei St. Pauli etwa 25.000. Die kommen zu jedem Spiel, da ist der Gegner Wurst. Das ist bei anderen Vereinen nicht so. Es gibt bei beiden Vereinen ein Stamm-Publikum, das nicht nur im Ultra-Bereich für Stimmung sorgt.

Für eine Auseinandersetzung mit den "Eisernen" aus Berlin-Köpenick empfiehlt sich Ihr neuestes Buch. Sie werfen darin einen viel weiteren Blick zurück, als der Titel "Immer weiter - ganz nach vorn. Die Geschichte des 1. FC Union Berlin" suggeriert …

Das Zitat ist aus der Hymne von Nina Hagen. Was ja auch ein bisschen auf die Entwicklung des Vereins zutrifft: Das Stadion ist da, die Fanszene gilt bis auf wenige Ausnahmen als beispielhaft in Deutschland. Es war mir ein Bedürfnis, dieses Buch zu schreiben. Und für mich gehört die Geschichte vor 1966 dazu. Das kann man kritisch sehen: Manche sagen, Union gibt's erst seit '66. Aber der Spielort, der Vereinsname - also die Alte Försterei, "Union" im Vereinsnamen und auch der Schlachtruf: Den hatte der Verein schon, als er noch nicht 1. FC Union Berlin, sondern Union Oberschöneweide hieß.

Dieser Vorgängerverein wurde bisher selten beleuchtet. Welche Erkenntnisse haben Sie während der Recherche sammeln können?

Dass Tradition verschwinden kann. Das hängt auch mit der deutschen Teilung zusammen. Die Spieler sind 1950 praktisch geflüchtet. Nur wenige Monate vor seinem Tod habe ich Heinz Rogge interviewt. Der hat mir erzählt, wie ein Spieler gefühlt hat. Die haben lange bei Union Oberschöneweide gespielt und sind dann "rübergemacht". Das war der erste Cut, dann praktisch die Umbenennung in Ostberlin der zweite und dann der Mauerbau der dritte. Da wurden Köpfe abgeschlagen. Spieler wie Herbert Raddatz oder Heinz Rogge wären vielleicht, wenn sie bei Borussia Mönchengladbach gespielt hätten, immer noch Legenden. Hier gibt es nur wenige Leute, die ihre Namen noch hochhalten.

Das Kapitel zu Klaus Korn ist ebenfalls sehr spannend.

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1968 gewinnt Union überraschend den FDGB-Pokal. Mit dabei: Klaus Korn (6. v.vorn li.).

(Foto: imago sportfotodienst)

Klaus Korn hat 1970 bei einem Spiel beim BFC Dynamo einen Gegenspieler politisch beleidigt und wurde daraufhin lebenslang gesperrt. Das Kapitel hat mich monatelang beschäftigt. Die Haupterkenntnis kam letztendlich aus dem Lesen seiner Stasi-Akten. Klaus Korn ist normaler Fußballspieler gewesen, der vielleicht in einer unbedachten Situation etwas gesagt hat, was in dem System eine Art Staatsbeleidigung war. Dann gab es einen "Prozess", eine Sportgerichtsverhandlung mithilfe von Indizien, der seine Karriere zerstört haben. Er hat heute Probleme, Menschen von früher wiederzutreffen, weil die von der guten alten Zeit reden. Für ihn ist das ein entscheidender Einschnitt im Lebengewesen.

Das war dann das Spielverbot?

Im Prinzip eine lebenslange Sperrung für den Leistungssport, für die DDR-Oberliga auf jeden Fall. Für ihn war die Karriere damals mit 28 Jahren beendet.

Neben den beiden Spielern Rogge und Korn haben Sie ja wirklich aus fast jeder Epoche die Helden zu Wort kommen lassen. Das ist sehr beeindruckend, aber: Einer fehlt …

Er kommt zu Wort, aber nicht in Interviewform. Trainer Uwe Neuhaus hat ein eigenes Porträt bekommen, aber unser Verhältnis könnte besser sein. Er hat seine Verdienste um den Verein, auch wenn ich seine Arbeitsweise bisweilen kritisch sehe, das bringt mein Job mit sich. Ich begleite den Verein seit vielen Jahren als Fotograf und Journalist. Da prallen zwei Welten aufeinander.

Nach der Chronik vom Verein gibt es in Ihrem Buch ein extra Kapitel: "Die Fans sind eine Macht".

Selbst Dirk Zingler betont ja immer wieder, dass bei Union praktisch von unten heraus die heutige Führungsriege entstanden ist. Wenn ich an Dirk Thieme (Präsidiumsmitglied und Architekt des Stadions An der Alten Försterei, Anm. d. Red.) denke, natürlich an Dirk Zingler selbst, Jörg Hinze (Präsidiumsmitglied, Anm. d. Red.), Jochen Lesching (Aufsichtsratsmitglied, Anm. d. Red.) - alles Fans. Was auch gut ist, denn Heiner Bertram war Präsident und kommt heute nicht mehr. Er ist beleidigt, weil er keine VIP-Karte bekommen hat. Dirk Zingler wird irgendwann auch nicht mehr Präsident sein und wahrscheinlich trotzdem weiter ins Stadion gehen. Insofern sind die Fans schon eine Macht.

Macht sich diese Macht auch in der Aufarbeitung der Vorkommnisse in Stockholm bemerkbar? Wie bewerten Sie als Außenstehender das Vorgehen des Vereins?

Die Bewertung der abgebrochenen Partie bei Djurgardens IF fällt mir immer noch schwer. Dirk Zingler ist tief getroffen, schließlich ist er selbst ein Fan. Teile der Ultras haben sich entschuldigt, ich weiß aber auch, dass die nicht für die gesamte Fanszene stehen können. Ich glaube, man ist einsichtig und weiß, dass man dem Verein Schaden zugefügt hat. Der Verein hat relativ schnell Konsequenzen angekündigt, aber alle Seiten lassen sich aber bei der Auswertung Zeit. Ob die kürzlichen Hausdurchsuchungen der Berliner Polizei das richtige Mittel und verhältnismäßig sind, weiß ich auch nicht. Union wartet noch auf die Personalien von der Polizei, der DFB auf Unterlagen vom schwedischen Fußballverband. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das so ein bisschen im Verborgenen stattfindet. Es gab ein außerordentliches Fanklub-Treffen, aber ich glaube, dass auch nur ein kleiner Kreis von Union-Fans in die Auswertung einbezogen wurde. Vom DFB ist der Verein jedenfalls gelobt worden für seinen Umgang. Es wird jedenfalls eine schwierige Zeit.

Kann Union trotz alledem den eingeschlagenen Weg weiter gehen?

Natürlich! Union ist auch nur ein ganz normaler Fußballverein mit den Problemen, die diese Gesellschaft nun einmal hat und ich möchte das alles nicht überbewerten. Ein ganz anderes Problem ist der Spagat Kommerz-Tradition, der immer schwieriger wird. Zum Weihnachtssingen konnte man VIP-Karten kaufen. Da dachte ich: Oha. Okay, die kriegen dann irgendwie noch einen Jahreskalender und ‘nen Keks extra, vielleicht noch eine wärmende Decke. Die Logen sind okay. Ich habe nur die Befürchtung, dass man die eigentlich nur in der 1. Liga ausverkauft bekommt. In der 2. Liga ist das ein Zuschussgeschäft. Ich finde es ja toll, dass sie beispielsweise den Ehrenrats-Mitgliedern eine Loge abtreten. Ob diese Logen wirklich Geld bringen, weiß ich nicht. Aber du musst sie zumindest im Angebot haben, wenn du da oben mitspielen willst.

Wie Union …

Union hat sich etabliert, kann weiter in der TV-Tabelle steigen, was das Geld betrifft. Allerdings glaube ich diese Saison noch nicht an den Bundesliga-Aufstieg. Obwohl sich das Team inzwischen verändert hat.

Inwiefern?

Wenn du einfach nur mal einen Smalltalk mit Tusche (Torsten Mattuschka, Mannschaftskapitän und Publikumsliebling, Anm. d. Red.) haben willst, ist das schwieriger geworden. Der Verein versucht schon, die Spieler abzuschotten. Die Generation Mattuschka stirbt auch aus. Die neue Generation verdient viel Geld durch die Aufmerksamkeit in den Medien. Mit ihnen reden können oder wollen viele Spieler allerdings nicht. Wer sich aber nicht traut, was zu sagen, der hat vielleicht manchmal auch auf dem Platz Probleme mit dem Selbstvertrauen.

Eigentlich sind Sie Anhänger vom FC Carl Zeiss Jena. Seit 15 Jahren begleiten Sie allerdings Union auf Schritt und Tritt und haben jetzt sogar ein 450 Seiten dickes Buch über die Köpenicker geschrieben. Muss der FCC nun endgültig um einen Fan fürchten?

Ich habe das letzte Mal bei Jena vielleicht 1999 im Fanblock gestanden. Trotzdem wird das immer der Verein bleiben, an dem mein Herz hängt. Selbst in Zeiten, in denen die Flutlichtmasten demontiert werden und eine TSG Neustrelitz neun Punkte Vorsprung hat. Das berufliche Leben geht jedoch vor. Wenn Union in München spielt und Jena gegen Erfurt, dann fahre ich nach München. Aber ich will auch deutlich sagen, dass mir bei Union viele Menschen ans Herz gewachsen sind. Ich habe dort ja auch zwischen 2000 und 2002 als Nachwuchstrainer gearbeitet. Zudem habe ich mein ganzes Leben in der Union-Hochburg Köpenick verbracht. Da kommt man an den „Eisernen“ schwer vorbei.

Sie werden auch in St. Pauli sein. Ihr Tipp?

Es wird sicherlich eine tolle Stimmung sein. Ich tippe auf Unentschieden. Ein Mattuschka-Tor ist dabei.

Mit Matthias Koch sprach Christoph Rieke

Quelle: n-tv.de

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