Fußball

Fußball-Zeitreise: 22.9.2001 Die Bundesliga erlebt Ausländer-Rekord

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Einer der ersten Vier: Torhüter Petar Radenković vom TSV 1860 München. Hier ein Bild aus dem Jahr 1972. Der Mann rechts ist Roberto Blanco.

(Foto: imago/WEREK)

Erstmals stehen bei einer Partie der Bundesliga am 22. September 2001 exakt 20 ausländische Profis auf dem Platz. Jahre zuvor wäre das unmöglich gewesen. Denn seit 1963 sorgte die Regelung im Profifußball für so manche kuriose Geschichte.

Beim Start der Fußball-Bundesliga am 24. August 1963 stehen vier Spieler aus dem Ausland in den Mannschaften der sechzehn Erstligisten. Der Österreicher Wilhelm Huberts bei der SG Eintracht Frankfurt, der legendäre jugoslawische Torhüter Petar Radenković beim TSV 1860 München, der Niederländer Jacobus Prins beim 1. FC Kaiserslautern und sein Landsmann Heinz Versteeg beim Meidericher SV aus Duisburg. Zeitsprung: Als am 22. September 2001 die Partie des siebten Spieltags zwischen Energie Cottbus und dem FC Bayern München abgepfiffen wird, befinden sich erstmals 20 Akteure aus dem Ausland auf dem Rasen des Stadions der Freundschaft im Süden Brandenburgs.

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Zwei von 20: Münchens Niko Kovac und der Cottbusser Torhüter Tomislav Piplica an jenem 22. September 2001 im Stadion der Freundschaft.

Nur der Münchner Torhüter Oliver Kahn und sein Mitspieler Michael Tarnat sind gebürtige Deutsche. Was einige wahrscheinlich als den Untergang des deutschen Fußball-Abendlandes ansehen würden, war im für einen Verein wie Cottbus eine große, ja vielleicht sogar die einzige Chance im Konzert der Etablierten mitzuspielen. Dass dies überhaupt möglich war, ist dem Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 1995 geschuldet. Vorher durften die Teams der Bundesliga nur zwei und später maximal drei Ausländer gleichzeitig einsetzen. Nun sorgte die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union dafür, dass alle Europäer nicht als Ausländer galten.

Auch die Bayern genossen es, endlich viele gute Profis aus dem Ausland im Kader haben zu können, ohne daran denken zu müssen, dass mindestens einer unzufrieden ist. So hatten die Münchener zehn Jahre vorher, in der Saison 1990/1991, mit Alan McInally, Radmilo Mihajlovic und Brian Laudrup stets einen Ausländer zu viel im Kader, da nur zwei spielen durften. Das führte dazu, dass noch in der Winterpause Mihajlovic unter abenteuerlichen, hochamüsanten Bedingungen und unter Mitwirkung des Schalker Sonnenkönigs Günter Eichberg nach Gelsenkirchen wechselte.

"F" stand für "Fremdling"

Seit der Saison 2006/2007 gibt es nun gar keine Beschränkungen mehr. Jeder Klub kann so viele ausländische Spieler einsetzen, wie er möchte. Gott sei Dank wird der eine oder andere Trainer gedacht haben, der zuvor gerne einmal die Ausländer-Regelung bei seinen spieltechnischen Überlegungen nicht so richtig im Blick hatte. Selbst der große Hennes Weisweiler war nicht vor einfachen Fehlern gefeit. In der Spielzeit 1976/1977 unterlief dem Meistertrainer mit dem 1. FC Köln in Frankfurt ein peinlicher Fauxpas. Bei der 0:4-Niederlage des FC wechselte Weisweiler nach dem Jugoslawen Slobodan Topalovic und dem Dänen Preben Elkjær Larsen auch noch den Belgier Roger van Gool ein - einen Ausländer zu viel. Zudem waren auf dem Kölner Spielbogen vor der Partie nur zwei "F" vermerkt; hinterher dann aber drei. Sehr merkwürdig, fanden die Unparteiischen. Ach ja: "F" stand für "Fremdling".

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Und im Westfalenstadion alle so: "Sergej Gorlukowitsch, scha-lala-lala, Sergej Gorlukowitsch, scha-lala-lalala!"

(Foto: imago/WEREK)

In diesen Jahren galt bei den Vereinen das Gebot der Stunde, nach irgendeiner deutschen Großmutter im Stammbaum zu fahnden. Und das sorgte für manch groteske Story. In Dortmund spielte Anfang der 1990er-Jahre ein Russe vom Scheitel bis zur Sohle, der auch noch den schönen, für unsere Ohren aber eher ungewohnt klingenden Namen Sergej Gorlukowitsch trug. Und so musste BVB-Manager Michael Meier irgendwann verzweifelt einsehen: "Mit dem Namen können wir ihn nicht eindeutschen."

Lustig anzusehen war auch eine Szene aus der Saison 1995/1996. Am 13. Spieltag verlor der Karlsruher SC gegen Bayer 04 Leverkusen mit 1:4. Gott sei Dank stand es bereits 0:2, als KSC-Trainer Winnie Schäfer zur Pause ein grober Schnitzer unterlief. Obwohl ihn der Stadionsprecher noch über die Lautsprecher energisch warnte ("Winnie, zähl deine Ausländer") und Präsident Roland Schmider von der Tribüne aufs Feld raste, wechselte Schäfer mit Sergei Kirjakow für Gunther Metz den vierten Ausländer ein. Als er eine Minute später den Jungen aus dem Bitburger Land, Edgar Schmitt, für den Schweizer Adrian Knup brachte, lächelte ihm Gästetrainer Erich Ribbeck mit einem Augenzwinkern zu.

Wie wertvoll die ausländischen Spieler für das Spektakel Bundesliga mittlerweile sind, sieht man an einem anderen Rekord, der an einem 22. September aufgestellt wurde. Vor drei Jahren erzielte der Pole Robert Lewandowski zwischen der 51. und 60. Minute fünf Tore beim 5:1 seines FC Bayern gegen den VfL Wolfsburg und stellte damit neue Bestmarke auf. Fünf Treffer in gut neun Minuten hatte noch kein Spieler geschafft. Ein ganz spezieller Rekord, der zeigt: Was wäre die Liga nur ohne ihre ausländischen Spieler?

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Quelle: n-tv.de