Fußball

Bolsonaros "Turnier des Todes" Die Copa zwischen Boykott und Entsetzen

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Dass Neymar bei der Copa in Brasilien für die Seleção aufläuft, darf bezweifelt werden.

(Foto: imago images/Action Plus)

Wegen Corona wollten Kolumbien und Argentinien die Copa América nicht mehr, nun bereitet Südamerikas Fußballverband das Turnier in Brasilien vor. Doch die Mannschaft des dortigen Titelverteidigers will nicht antreten. Präsident Bolsonaro hat sich ein weiteres Problem eingehandelt.

Wenn sich Brasiliens Präsident Bolsonaro erklärend an die Brasilianer wendet, muss etwas im Argen liegen: "Die Toten tun mir leid, aber wir müssen weiterleben", sagte er bei einer Fernsehansprache vor ein paar Tagen. Er kündigte Impfstofflieferungen an und verteidigte seine Entscheidung, dass Brasilien kurzfristig als Ausrichter der Fußball-Kontinentalmeisterschaft Copa América einspringen würde. Kein Problem sei das laut Bolsonaro ohne Publikum, schließlich würden auch die nationale Liga, die Copa Libertadores - das südamerikanische Äquivalent zur Champions League -, sowie die WM-Qualifikationsspiele ausgetragen.

Ganz anders sehen dies Wissenschaftler, Journalisten, die Bevölkerung und sogar die Spieler. Bolsonaros Ansprache lief grade ein paar Minuten, da schallte schon der Klang des Protests durch die Straßen von Rio de Janeiro. Die Menschen hauten bei geöffnetem Fenster oder vom Balkon auf ihre Töpfe und Pfannen; es ist ein übliches Mittel in lateinamerikanischen Ländern, den Unmut gegenüber politischen Entscheidungen auszudrücken. Rio ist die zweitgrößte Stadt des Landes und einer der vorgesehenen Orte des in Windeseile zusammengezimmerten Spielplans. Demnach soll es bereits am 13. Juni losgehen. Das bedeutet auch: Kein glaubhaft durchführbares Quarantänekonzept für die Nationalmannschaften und ihre Betreuer.

Der rechte Bolsonaro ist wegen der fehlenden Impfstoffe und einer schwierigen wirtschaftlichen Lage politisch stark angeschlagen. Offiziell sind bereits mehr als 470.000 Menschen in Brasilien an Covid-19 gestorben, rund 17 Millionen Menschen haben sich infiziert. Die Intensivstationen sind voll, und Epidemiologen warnen vor dem Beginn der nächsten Pandemiewelle.

Die brasilianische Zeitung "Globo" titelte zur Entscheidung des brasilianischen Fußballverbands CBF und der Regierung: "Das Turnier der Schande: 463.000 Tote und das Spiel geht weiter". Die "Correio Braziliense" klagte: "In Brasilien fehlt Impfstoff, aber der Ball darf nicht fehlen". Fifpro, die Fußballspielergewerkschaft, legte Protest gegen die Austragung ein. Aber auch ein umfassender Spielerboykott könnte die Veranstaltung verhindern oder zur Nachwuchsveranstaltung degradieren.

Bei der Gastgebermannschaft gibt es deutlichen Widerstand: Offenbar will ein Großteil der Seleção um die Superstars Neymar von Paris St. Germain und Casemiro von Real Madrid nicht beim Projekt Titelverteidigung mitspielen. Nationaltrainer Tite werden sogar Rücktrittsgedanken nachgesagt. Er und seine Mannschaft demonstrierten beim WM-Qualifikationssieg gegen Ecuador Einigkeit. Eine öffentliche Stellungnahme kündigten die brasilianischen Spieler ebenfalls an, sie wollen sich nach der Qualifikationspartie gegen Paraguay am Dienstag, den 8. Juni äußern.

Verband sieht "stabile Pandemielage"

Am Obersten Gericht gingen nach der Ankündigung der Verlegung nach Brasilien mehrere Beschwerden ein. Ex-Präsident Lula da Silva geißelte die Copa als "Turnier des Todes". Gestoppt werden könnte es vom Tribunal Supremo Federal, auch wenn dies als sehr unwahrscheinlich gilt. Lula genießt hohes Ansehen in Brasilien. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis - wegen Befangenheit des Richters, Bolsonaros Ex-Justizminister Sergio Moro, wurden seine Strafen annulliert - erzielt der ehemalige Staatschef in Umfragen hohe Zustimmungswerte. Im Duell gegen Bolsonaro hätten sich im Mai 55 Prozent für ihn entschieden und 32 Prozent für den Amtsinhaber. Doch die Präsidentschaftswahl findet erst in der zweiten Jahreshälfte 2022 statt.

Der südamerikanische Kontinentalverband Conmebol verteidigte seine Entscheidung, das Turnier zu organisieren. Brasilien "erlebt eine stabile Pandemielage", teilte Verbandspräsident Alejandro Domínguez mit. Dazu verbreitete Conmebol in den sozialen Netzwerken Stellungnahmen, die "Mythen" rund um das Turnier entkräften sollen – etwa, dass es bei der Ausrichtung nur um Geld gehe, dem Verband die Gesundheit der Spieler und Funktionäre egal sei und die Spiele ein Risiko. "Seit Beginn der Pandemie hat Conmebol rund 500 Partien austragen lassen, 20 Prozent davon in Brasilien, und es hat keine Beschwerden gegeben." Für die Verbände geht es vor allem um Geld: Rund 100 Millionen Dollar Fernsehgelder fließen für die Übertragungsrechte der Copa in alle Welt.

Der Kontinentalverband weist darauf hin, dass alle geimpft würden, die am Turnier teilnehmen werden. Eine Bevorzugung, die in der Bevölkerung nicht besonders gut ankommen dürfte. Die Politikwissenschaftlerin Vera Chaia von der katholischen Universität São Paulo überspitzte den Konflikt: "Wenn sie imstande sind, ein Turnier in vier Großstädten auszurichten, könnten sie genauso gut eine perfekte Verteilung der Impfstoffe für die brasilianische Bevölkerung organisieren", wird sie von der BBC zitiert: "Die Mehrheit der Brasilianer will Impfstoffe."

Einer der wissenschaftlichen Berater für die Pandemiebekämpfung für den Norden Brasiliens bis Anfang des Jahres, Miguel Nicolelis, sagte: Auch wenn in den Stadien keine Fans zugelassen sind, geht es auch um Menschen, die Fußball gemeinsam gucken, bei Partys, in Kneipen und Zuhause. Die aggressive Virusmutation P1 ist im bevölkerungsreichsten Land Südamerikas weit verbreitet. Die Impfquote liegt derzeit bei 11 Prozent. Das deutsche Robert-Koch-Institut stuft - im Gegensatz zu den ursprünglich geplanten Ausrichtern Kolumbien und Argentinien - Brasilien schon seit Monaten als Virusvariantengebiet ein.

Die ursprünglichen Ausrichter sind wesentlich vorsichtiger. Kolumbien hatte wegen der sozialen Proteste abgesagt, die das Land derzeit neben der Pandemie beschäftigen. Argentinien hielt es wegen der hohen Fallzahlen ebenso wenig für eine gute Idee, das Turnier auszurichten: "Wir befinden uns im schlimmsten Moment der Pandemie", hieß es aus Buenos Aires. Und das, obwohl dort die Meisterschaft der nationalen Liga und auch kontinentale Klubwettbewerbe derzeit gespielt werden. Ein Grund dürfte gewesen sein, dass sich in Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Ausrichtung ausgesprochen hatte.

Leere Kassen und Untersuchungsausschuss

Es ist unklar, wie teuer die Copa für Brasilien wird, aber laut Schätzungen dürfte allein die Absicherung der Partien einige Millionen Real kosten. Unabhängig davon ist die Ausrichtung der Copa América unter Brasilianern umstritten: 72 Prozent von ihnen meinen, das Turnier heize die Pandemie an, 68 Prozent sagen, die Regierung solle sich um wichtigere Dinge kümmern, und 54 Prozent sind dagegen, dass es in Brasilien stattfindet. Zuletzt zeigten sich nur 24 Prozent der Brasilianer mit der Amtsführung Bolsonaros zufrieden.

Was sich Bolsonaro von der Copa América erhofft, darüber lässt sich gut spekulieren. Will er die Bevölkerung von den eigenen Problemen ablenken? Da wäre etwa die Zahl der Hunger leidenden Menschen, die im vergangenen Jahr zwischenzeitlich auf 19 Millionen anwuchs. Keine Regierung gab so viel Geld für die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten aus wie die brasilianische: 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Doch in diesem Jahr hat sie die Hilfszahlungen an einkommensschwache Familien auf weniger als ein Drittel des vergangenen Jahres zusammengekürzt und dabei auf leere öffentliche Kassen verwiesen.

Die Wirtschaft schrumpfte im ersten Pandemiejahr 2020 um 4,5 Prozent. Auch wenn Analysten inzwischen für möglich halten, dass sie sich im aktuellen Jahr wieder davon erholen könnte: Im ersten Quartal herrschte eine Rekordarbeitslosigkeit von 14,7 Prozent - so viel wie noch nie seit Beginn der aktuellen Zählweise vor zehn Jahren. Zudem bekommen die Menschen immer weniger für ihr Geld. Die Kaufkraft nimmt ab, die brasilianische Währung verlor im vergangenen Jahr so viel Wert wie seit 2016 nicht: Die Inflation lag bei 4,52 Prozent. Wirtschaftswissenschaftler erwarten eine noch höhere Entwertung bis Dezember.

Da ist zudem ein Untersuchungsausschuss gegen Bolsonaro im brasilianischen Senat, der gegen den Präsidenten wegen tödlichen Fehlverhaltens in der Reaktion auf die Pandemie ermittelt. Menschen gehen zugleich massenhaft gegen ihn auf die Straße, zuletzt Hunderttausende in 200 Städten. Gegen seinen Umweltminister Ricardo Salles ermittelt die Polizei: Der Ressortchef soll in internationalen Holzschmuggel verwickelt sein. All dies hätte weniger Aufmerksamkeit, wenn zugleich der Ball in den Stadien rollt. Und Brasilien womöglich sogar den Titel verteidigt, den die Mannschaft eben dort vor zwei Jahren gewann.

Quelle: ntv.de

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