Fußball

Fans gegen Verein und Verbände Die Fronten verhärten sich

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Polizei gegen Fans in Düsseldorf.

(Foto: dapd)

Das ohnehin schon belastete Verhältnis zwischen Fans und Fußballvereinen wird nach dem Platzsturm im Düsseldorfer-Relegationsspiel einer neuen Belastungsprobe unterzogen. Vereine, Verbände und Polizei fordern ein härteres Vorgehen gegen Krawallmacher. Fan-Experten und Ultra-Vertreter halten das für zu kurz gedacht.

Die Deutsche Fußball-Liga DFL, der DFB und die Bundesliga-Vereine wollen mit vereinten Kräften den Kampf gegen die Gewalt im Fußballstadion verschärfen. Düsseldorf steigt in 1. Liga auf steht für Klubpräsidenten wie Funktionäre fest: So kann es nicht weitergehen. "Düsseldorf ist eine neue Dimension. Es zeigt, dass wir die Probleme unterschätzt haben. Wir müssen jetzt ehrlich diskutieren und Antworten auf diese Auswüchse finden, sonst wird die Bundesliga beschädigt", sagte etwa Hannovers Präsident Martin Kind der "FAS".

Die Angst geht um im deutschen Fußball, und Teile der Medien schüren diese noch. Das Fachmagazin "Kicker" zählte die Fan-Verfehlungen der jüngsten Vergangenheit in Köln, Frankfurt oder Dortmund auf und sprach dabei von einer "Welle der Gewalt", von "Zuständen wie im Bürgerkrieg" oder der "Angst um Leib und Leben". Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag und Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses forderte Konsequenzen: "Das, was in Düsseldorf geschehen ist, besitzt eine neue Qualität." Um solche Auswüchse in Zukunft zu verhindern, seien DFL, DFB, Politik und Polizei gefordert.

Die Überschreitung der Regeln durch die feierwütigen Fortuna-Anhänger, die zu Tausenden auf das Spielfeld gelaufen waren, löste von Verbands- und Vereinsseite die üblichen Reflexe aus: Die Forderungen nach härteren Sanktionen. Die alte Drohung, die Stehplätze abzuschaffen, steht genauso im Raum wie der Vorschlag, überall Zäune nach dem Vorbild der 1980er Jahre vor den Fanblocks hochzuziehen.

"Blödsinn und Populismus"

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Im Fanblock werden Bengalos entzündet und auf das Spielfeld geworfen.

(Foto: REUTERS)

Doch durch härtere Strafandrohungen dürften die verhärteten Fronten zwischen der Fanszene und den Vereinen sowie Verbänden sicherlich nicht aufgeweicht werden. Bei den Anhängern stoßen solche Ankündigungen auf Ablehnung. "Ich wüsste nicht, was das bringen sollte, Zäune aufzustellen", sagt Philipp Marquardt, Sprecher des bundesweiten Fan-Bündnisses "ProFans" im Gespräch mit ntv.de. Er hält die Forderungen nach einem Stehplatzverbot oder mehr Zäunen für "Blödsinn und Populismus". Dadurch würden nicht weniger Bengalos abgefackelt und auch keine Platzstürme verhindert werden. "In den 80er Jahren gab es auch Platzstürme. Und als die Frankfurter Fans kürzlich in Duisburg auf dem Platz den Bundesligaaufstieg gefeiert haben, mussten sie vorher über Zäune steigen", argumentiert Marquardt. Der HSV-Fan glaubt nicht, dass die Umsetzung solcher Pläne die Stadien befriedet.

Joachim Lenders, der stellvertretende Bundesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft, ist ganz anderer Meinung. "Wir stehen allem offen gegenüber, was die Sicherheit im Stadion erhöht", sagt Lenders zu ntv.de. Deshalb sei es auch legitim, ein Stehplatzverbot oder die Installation von mehr Zäunen in Betracht zu ziehen. "Wenn zum Beispiel der 96-Präsident Kind sagen würde, es ist sinnvoll, Stehplätze abzuschaffen, machen wir das", verdeutlicht er. Kind ist in der Branche bekannt dafür, ungewöhnliche Wege zu gehen und nicht nur über Probleme zu reden, sondern auch zu handeln. Hannovers Boss will die Fans in den Blöcken künftig mit verbesserter Videotechnik überwachen lassen. "Wir werden zur nächsten Saison eine neue Videotechnik im Stadion installieren, die ausschließlich auf die Fanszene ausgerichtet ist", so Kind.

Polizei-Gewerkschaftsboss will Stadionverbot ausweiten

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Joachim Lenders von der deutschen Polizeigewerkschaft möchte das Stadionverbot verschärfen.

Diese Idee findet Gewerkschafts-Boss Lenders sehr gut, der Hamburger regt zudem an, die Stadionverbote wieder zu verschärfen. "Die Verringerung hat nichts gebracht. Die Krawalle bei Fußballspielen sind nicht weniger geworden", sagt Lenders und fügt hinzu: "Mir ist es egal, wie die ihre Fankultur ausleben. Hauptsache es bleibt friedlich. Bengalos zu entzünden und auf den Platz zu schmeißen, gehört nicht dazu. Das ist professionell kriminelles Verhalten."

Fan-Experten und –Forscher warnen hingegen davor, die Fußball-Anhänger per se als Kriminelle und Krawallmacher zu verdammen. Nur auf härtere Bestrafung zu setzen, sei kontraproduktiv. "Die Stehplätze abzuschaffen, wäre das Falscheste, was man nur machen kann", sagt etwa Michael Gabriel, der Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt. "ProFans"-Sprecher Marquard sagt warum: "Das wäre eine Kriegserklärung, dann würde der Baum brennen." Die Stehplatz-Kultur ist ein Heiligtum der Fanszene, die aus ihrer Sicht unantastbar ist.

Das gestörte Verhältnis der Fans zu den Vereinen sieht der renommierte Fanforscher Günter A. Pilz auch in der mangelnden Kommunikation begründet. "Viele Vereine haben es versäumt, rechtzeitig mit den Ultras zu sprechen und sie ernst zu nehmen, ihre Bedürfnisse zu respektieren, Regeln zu vereinbaren, Grenzen zu markieren. Die Fans müssen mitgenommen und in die Verantwortung genommen werden", sagt der Wissenschaftler. Die Bemühungen zum Dialog waren in der Vergangenheit durchaus vorhanden. Zudem wird in Deutschland für Sicherheitsfragen und die Kommunikation der beteiligten Gruppen untereinander sehr viel gemacht. Es gibt erfahrene Stellen bei Fans und Polizei, professionelle Sicherheitsbeauftragte im Verband, spezielle Ausschüsse, runde Tische, Fanprojekte, Fanbeauftragte bei den Klubs oder Streetworker.

Ultras schlagen Legalisierung von Bengalos vor

Im vergangenen Jahr kam von Seiten der Ultras sogar der Vorschlag, Pyrotechnik zu legalisieren, um Bengalos an einem bestimmten Ort im Stadion kontrolliert abbrennen zu können. Doch als von Verbandsseite ohne Angabe von Gründen der Dialog abgebrochen wurde, sah das die Fanszene als Vertrauensbruch an. "Das war eine Signalwirkung an die Teile der Ultras, die zu uns schon vorher gesagt haben: Was redet ihr mit denen, das hat doch eh keinen Sinn", sagt Marquardt: "Jetzt wird kräftig weitergezündelt, dabei wäre es legal viel sicherer." KOS-Leiter Gabriel betrachtet mit Sorge, dass die gewaltbereiten Gruppen in der Ultra-Szene größer werden und die Dialogbereitschaft abnimmt. "Allerdings gibt es auch Chancen, wenn sich endlich mal die große friedliche Mehrheit der Fans zu Wort meldete. Alle Energie muss jetzt in die Kommunikation mit den Fankurven gesteckt werden", sagt Gabriel.

Ein Präsident wie Hannovers Kind ist jedoch nur bis zu einem gewissen Moment zum Dialog bereit. So sorgte er zum ersten Mal dafür, dass 96-Fans, die beim Europa-League-Auswärtsspiel in Kopenhagen randaliert hatten, die von Fußballklubs müssen zahlen von 30.000 Euro selbst übernehmen mussten. Kind ließ sich von zwei ertappten Ultras Schuldgeständnisse unterschreiben. Beide mussten jeweils 15.000 Euro dem Verein zahlen. Kind: "Das tut weh und spricht sich in der Fanszene herum. Ich glaube, das ist die Sprache, die verstanden wird."

Quelle: n-tv.de

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