Fußball

Rauchensteiners genialer Einfall Die Geschichte hinter dem "irren" Anfield-Foto

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Walter Junghans im Tor, die Fans dahinter. Was für ein Foto.

(Foto: Rauchensteiner)

Was für ein Bild: 1981 gelingt dem renommierten Sportfotografen Hans Rauchensteiner an der Liverpooler Anfield Road ein "Schuss" für die Ewigkeit. Für dieses bis heute legendäre Foto hatte der nun plötzlich verstorbene Münchner indes nur drei Minuten Zeit.

Drei Minuten hatte Hans Rauchensteiner Zeit. Drei Minuten, die ihm ausreichten, um eines der legendärsten Fußballfotos aller Zeiten auf seinen Film zu bannen. Bloß seinem genialen Auge folgend verließ er am 8. April 1981 an der Anfield Road seinen zugewiesenen Platz hinter dem Tor des FC Liverpool, dort saß er mit sieben anderen Kollegen aus München, und machte sich auf zur Mittellinie. Von dort, so ahnte er, würde ihm das Bild gelingen, das er nun unbedingt haben wollte, dass ihm durch Zufall in der Linse begegnet war.

„Auf einmal sah ich durch die Kamera genau gegenüber Walter Junghans (Anmerk. d. Red.: Torwart des FC Bayern) und die Gesichter der Zuschauer – irre“, erklärte Rauchensteiner 2017 in einem Interview mit der „Abendzeitung“ in München. „Wegen der kurzen Optik, einer 300er, die langen Objektive wie heute gab es noch nicht, musste ich zu den Trainerbänken laufen, um näher dran zu sein.“

Ein Ausflug, der sich gelohnt hatte. Ein Ausflug aber auch, der so nicht erlaubt war. Denn nach nur drei Minuten waren schließlich die Ordner da "und schickten mich wieder zurück – das Bild aber war gemacht." Und wurde in den Jahren immer mehr zur Legende. Wegen der ganz besonderen Inszenierung. Der ganz besonderen Atmosphäre. Der nicht arrangierten, kunstvollen Banalität. Der maximalen Emotionalität. Aber auch wegen des einmaligen Blickwinkels.

Das Bild schafft es in die heiligen Hallen

"Die Perspektive ist so speziell, weil es damals in Liverpool keine Bandenwerbung gab“, erzählte Rauchensteiner 2017 der „Abendzeitung“. Bis zuletzt erhielt er, der am Samstagabend im Alter von 72 Jahren beim Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund (4:2) völlig überraschend verstorben war, Anfragen für dieses Bild. Auch von Kollegen, für deren Wohnzimmer.

Sogar an der Säbener Straße, dem verschlossenen Machtzentrum des FC Bayern hängt ein Abzug. Ein zwei Meter großer, wie Rauchensteiner durchaus stolz erzählt. Mit dem deutschen Rekordmeister ist der Fotograf ohnehin eng verbunden. Knapp 49 Jahre hielt er die unzähligen großen Erfolge der Münchner fest. Egal wo, egal in welchem Wettbewerb: Rauchensteiner und seine Kamera, sie waren immer dabei. Und so wurde der gebürtige Landshuter selbst Teil der Bayern-Geschichte, sogar "Teil der Bayern-Familie". Seit 1982 war er auch als Fotograf im Auftrag des Klubs tätig, für das Vereins-Magazin, Autogrammkarten und Mannschaftsposter.

So nah wie kaum jemand am FC Bayern

Die "Süddeutsche Zeitung", für die Rauchensteiner seit den 70er-Jahren regelmäßig Bilder lieferte, würdigte den 72-Jährigen auch für seine erstaunlichen Einblicke in die Sportwelt, vor allem in die mittlerweile so verschlossene des FC Bayern: "So nahe wie damals kommt man seinen Motiven als Sportfotograf schon lange nicht mehr", heißt es in dem emotionalen Nachruf von Claudio Catuogno. Tatsächlich erzählen die Bilder von Torwart Jean-Marie Pfaff, in Unterhose auf dem heimischen Ledersofa, oder aber die von der oberkörperfreien Kabinen-Party mit Sekt und Schale im Ermüdungsbecken 1989, Geschichten, die es so heute nicht mehr gibt.

Und für Rauchensteiner posierten die Stars offenbar gerne. Über den freizügigen Pfaff erzählte er: "Der Jean-Marie hat alles mitgemacht, ein sehr offener Typ. Das Foto auf der Couch war bestimmt seine Idee (lacht). […]", erzählt er der "AZ". Er habe dem Belgier schließlich "die Leviten gelesen: Nur wenn du gut hältst, kannst du dir alles erlauben!’ Ich musste auch aufpassen, nicht zu viele Bilder von Pfaff zu machen, seine Mitspieler bei Bayern fanden das nicht so toll. Meine Devise lautet für die Beziehung von Sportler und Fotograf: Ein Geben und Nehmen."

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Rauchensteiner wurde mehrfach national und international ausgezeichnet, unter anderem gewann er 1978 den 1. Preis bei World Press Photo. Auch beim IOC-Wettbewerb 1989 belegte der gebürtige Landshuter den ersten Rang. Zweimal gewann er zudem die Wahl zum "Sportfoto des Jahres", in den Jahren 1987 und 1993. Mit seinem ikonischen Foto von der Anfield Road ging er derweil leer aus, geschlagen vom legendären "Zwiegespräch" zwischen Schiedsrichter Dieter Pauly und Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher.

Nun ist Rauchensteiner tot, gestorben im Dienst, an der Kamera. Aber sein legendäres Anfield-Erbe lebt und begeistert weiter. Immer weiter. Was für ein Künstler. Was für ein Foto.

Quelle: ntv.de

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