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U21-Halbfinalgegner Rumänien "Die Mannschaft nennt ihn jetzt den Panzer"

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Nach dem Halbfinaleinzug lassen die Spieler ihren Trainer Matei Mirel Radoi hochleben, im Hintergrund feiern die vielen rumänischen Fans im Stadion.

(Foto: imago images / LaPresse)

Razvan Lutac berichtet als Reporter für die größte rumänische Sportzeitung, "Gazeta Sporturilor", aus Italien von der U21-Europameisterschaft. Seit 2017 begleitet er die U21 journalistisch und kennt ihre Stärken und Schwächen ganz genau. Im Interview erzählt er, dass der Erfolg den rumänischen Juniorenmannschaft nicht von ungefähr kommt, was Ex-Weltstar Gheorghe Hagi und sein Sohn damit zu tun haben und warum Rumänien Deutschland vielleicht schlagen kann, wenn es in die Verlängerung geht.

n-tv.de: Herr Lutac, heute spielt Rumänien gegen Deutschland im Halbfinale der U21-EM (18 Uhr/ZDF). Wie ist die Stimmung im Land?

Der Enthusiasmus im Team und im ganzen Land ist riesig. Zu Hause schaut fast die ganze Nation die Spiele im TV, selbst Freunde von mir, die sich eigentlich nicht für Fußball interessieren. Viele Rumänen sind auch nach Italien zu den Spielen gereist.

So viel Hype, obwohl es "nur" die Junioren sind?

Wir hatten seit fast 40 überhaupt kein Team mehr im Halbfinale. Beim letzten Mal, 1981 bei der Juniorenweltmeisterschaft in Australien, spielten wir ausgerechnet auch gegen Deutschland und verloren in der Verlängerung. Weil es so wenige gute Ergebnisse gab in den vergangenen Jahren, wir haben uns ja seit 1998 weder für eine Weltmeisterschaft noch für ein U21-Turnier qualifiziert, hat der Erfolg der U21 etwas sehr Spezielles im Land ausgelöst.

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In Deutschland gilt Rumänien als Überraschungsteam der EM, obwohl die Junioren seit zwei Jahren kein Pflichtspiel verloren haben. Sind Sie auch verblüfft vom Erfolg der Mannschaft?

Wir haben die Qualifikation vor Portugal, der Schweiz und Bosnien-Herzegowina abgeschlossen. Wir hatten also schon Erwartungen. Ich war seit dem ersten Quali-Spiel 2017 mit dem Team unterwegs und da habe ich schon eine besondere Mentalität gespürt. In der Schlussphase eines Spiels verliert diese Mannschaft nie die Nerven. Einige der jungen Generation spielen ja auch schon in den großen europäischen Ligen.

Rumänien war zum Turnierstart ein Underdog. Auch gegen Deutschland wird die Mannschaft nicht als Favorit gehandelt.

Die Spieler genießen diese Rolle. Unser Verteidiger Alexandru Pascanu, der für Leicester City spielt, erzählte vor dem Spiel gegen England, dass alle seine Teamkollegen von der Insel der Meinung wären, man würde "das kleine Team aus Rumänien" schon locker schlagen. Das war eine zusätzliche Motivation für die Jungs.

Welche Stärken und Schwächen hat die rumänische Elf?

Unsere Stärke ist das Team. Wir haben natürlich auch gute Einzelspieler, aber wichtig ist, dass viele zusammen spielen, seit sie 14 oder 15 Jahre alt sind. Das sieht man. Eine der Schwächen ist die Physis. Deutschland wird physisch besser vorbereitet sein. Unsere drei schweren Spiele auf hohem Niveau haben Spuren bei den Jungs hinterlassen. Unser Stürmer George Puscas musste so viel gegen die Verteidiger kämpfen, dass er nach dem England-Spiel vom Bett nur direkt in den Pool krabbeln konnte. Die Mannschaft nennt ihn jetzt sogar den "Panzer". (benutzt das deutsche Wort)

Erwarten Sie taktische Anpassungen vor dem Spiel gegen Deutschland?

Die Taktik ist ein 4-2-3-1, mit zwei Sechsern und drei offensiveren Mittelfeldspielern hinter Puscas. Gegen Deutschland wird wahrscheinlich genauso gespielt wie gegen England, vielleicht mit Florinel Coman auf der linken Seite von Anfang an.

Was ist Coman, der mit seinen 21 Jahren in der vergangenen Saison für Steaua Bukarest zwölf Tore erzielte und zehn Vorlagen lieferte und England mit zwei Toren in den letzten Minuten abschoss, für ein Spieler?

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Coman ist der talentierteste Spieler im rumänischen Team. Seine Dribbelstärke ist enorm. Coman ist jemand, der den Unterschied ausmacht. Jemand, der ein Spiel allein entscheiden kann, so wie gegen England. Aber in der Defensive ist er noch nicht so stark, er läuft noch nicht genug mit nach hinten. Bei Bukarest muss er unter sehr viel Druck spielen. Gigi Becali, Eigentümer des Vereins, vergleicht ihn schon mit Mbappé. Wenn er erst mal in einer westeuropäischen Liga ohne Druck spielt, wird er noch viel besser werden.

Der Klub-Boss sprach auch von einer Ausstiegsklausel in Comans Vertrag in der Höhe von 100 Millionen Euro.

(lacht) Das ist nur das Werk Becalis. Man darf nicht alles glauben, was er erzählt. Er spricht oft mit den Medien, um die Preise seiner Spieler in die Höhe zu treiben.

Coman soll aber auch immer wieder Schlagzeilen mit Partys, Alkohol und Zigaretten machen. Riskiert er damit seine Karriere?

Das sind alte Geschichten. In seinen noch jüngeren Jahren hat er das gemacht, damals hatte er ein paar schwere Zeiten. Gheorghe Hagi hat ihn dann unter seine Fittiche genommen und jetzt ist er erwachsener geworden.

Der ehemalige Weltstar Gheorghe Hagi, der unter anderem für Barcelona und Real Madrid spielte, eröffnete 2009 die erste Jugendakademie in Rumänien - inwiefern hat die rumänische U21 davon profitiert?

Wir ernten jetzt die Früchte dieser Entwicklung. Es gibt in der Mannschaft zehn Spieler, die die Akademie durchlaufen haben. Vor einer Verletzung waren es sogar elf. Hagi und die Fußballschule spielen also eine riesige Rolle, wenn es um den Erfolg der U21 geht.

Ein weiterer Star der Mannschaft ist Ianis Hagi, der Sohn von Gheorghe Hagi.

Ianis Hagi ist ein großartiger Dribbler und er hat einen super Schuss, besonders aus der Ferne. Damit kann er jeden Torhüter überraschen. Außerdem tritt er sehr gute Standards.

Gheorghe Hagi meint sogar, sein Sohn spiele wie Zinedine Zidane …

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Hagi ist noch jung und hat noch viele Jahre Zeit, um sich zu beweisen. Er ist ein Upgrade seines Vaters, denn er ist beidfüßig. Ob er jemals so gut wird wie sein Vater? Schwer zu sagen, er wird bestimmt diesen Sommer in eine der großen europäischen Ligen wechseln und dann sehen wir, was er drauf hat.

Gheorghe Hagi war bekannt für seinen linken Fuß, aber nicht für seine Defensivarbeit. Einmal sagte er: "Die Nummer zehn arbeitet nicht. Sie macht den Unterschied." Ist sein Sohn ein ähnlicher Schöngeist?

Der junge Hagi ist ein harter Arbeiter. Er läuft sehr viel, macht seine defensiven Hausaufgaben. Er wartet nicht einfach auf den Ball, sondern holt ihn sich.

Welchem rumänischen Spieler trauen Sie eine große Karriere zu?

Unser Torwart Ionut Radu wird nach seiner Genua-Leihe zurückkehren zu Inter Mailand. Puscas wird ein Name für viele Klubs in Europa sein. Hagi und Coman sowieso, aber auch Alexandru Cicaldau, unser defensiver Mittelfeldspieler, an dem spanische und italienische Teams interessiert sind. Auch wenn Coman der talentierteste ist: Der beste Spieler ist der zweite defensive Mittelfeldspieler, Tudor Baluta, der bei Brighton & Hove Albion in England unter Vertrag steht. Er wird am ehesten ein großer Spieler.

Was denkt man in Rumänien über die deutsche Mannschaft?

(lacht) Das Gleiche wie immer: dass Deutschland der stärkste Gegner ist. Wir hätten im Halbfinale lieber gegen Spanien gespielt. Wir haben das Spiel gegen Serbien mit Luca Jovic genau gesehen und freuen uns nicht gerade, gegen die Deutschen ranzumüssen. Aber die Jungs werden ihr Bestes geben und zwar bis zur letzten Minute.

Sehen Sie auch Schwächen im deutschen Team?

Ich habe auch das Spiel gegen Österreich gesehen, in dem Deutschland nicht so stark war. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mit 100 Prozent zur Sache gegangen sind, weil sie quasi schon für das Halbfinale qualifiziert waren. Wirkliche Schwächen sehe ich also leider nicht - wie immer bei den Deutschen. (lacht)

Wie geht es also aus heute Abend?

Ich hoffe, dass wir es in die Nachspielzeit schaffen. Dann ist alles möglich. Und im Elfmeterschießen können wir auf unseren Torwart und Kapitän Radu bauen, der schon gegen Portugal in der Quali einen Elfer in der zehnten Minute der Nachspielzeit hielt. Und vielleicht können auch die heißen Temperaturen ein Vorteil für uns sein, weil die Deutschen das nicht so gewohnt sind.

Mit Razvan Lutac sprach David Bedürftig

Quelle: n-tv.de

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