Fußball

Bundesliga-Check: VfB Stuttgart "Die aufgewärmte Liebe ist mir suspekt"

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Timo Werner und Daniel Didavi sind zwei junge Hoffnungsträger im VfB-Angriff.

(Foto: imago/Ulmer)

Die Fußball-Bundesliga geht in ihre 52. Saison. Vorher lassen wir die Experten zu Wort kommen - wie sehen Blogger die Chancen ihrer Klubs? Heinz Kamke betreibt das Blog "angedacht" und träumt von einer Überraschungs-Saison seines VfB Stuttgart. Grund: Die Rückkehr von Trainer Armin Veh, den er für einen Magier hält. Ansonsten pendeln Kamkes Gedanken zwischen Wunsch und Pragmatismus und der Frage, ob ein "Helmut" ein Held sein kann.

Die vergangene Spielzeit war eine Horror-Saison für den VfB. Mit Armin Veh ist nun der letzte VfB-Meistercoach zurück in Stuttgart. Wovon dürfen die Schwaben träumen?

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Magier Armin Veh soll den VfB verzaubern - oder doch die Konkurrenz?

(Foto: imago/Eibner)

Träumen darf man naturgemäß von mancherlei. Dumm nur, dass die Sache mit der Realität gerne mal dazwischenfunkt. Hier in Stuttgart scheinen die Träume derzeit vielerorts auf der unbestreitbaren Wahrheit zu fußen, dass Armin Veh ein Magier sei, der alles wieder gut werden lässt. Gewiss, im Pokal kam das Aus gegen Bochum und der Kader hat nach wie vor Lücken, verlässlich überdurchschnittlich spielende Akteure sind nur wenige vorhanden (was nicht sonderlich überraschen kann bei einer Mannschaft, die die vergangenen beiden Jahre häufig unterhalb des Durchschnitts agierte). Gleichwohl soll mit und vor allem dank Veh nun alles besser werden.

Absurd? Vielleicht. Aber auch ich gehe fest davon aus. Mir ist die aufgewärmte Liebe zum Trainer zwar suspekt, aber er tut dem Verein gut und könnte den VfB mit hoher Kompetenz, lässiger Souveränität und zur Schau getragener Unabhängigkeit tatsächlich wieder in die obere Hälfte führen. Und wenn man sich dann in Schlagdistanz zu den europäischen Plätzen bewegt – wer weiß schon, wer am Ende plötzlich den vielzitierten Lauf hat? Wie gesagt: träumen.

Wie sieht die erste Elf vermutlich aus?

Schwer zu sagen. Mittlerweile sind ein paar Neuzugänge dazugestoßen, die die (bisherigen) Abgänge numerisch auffangen. Die seit Jahren offensichtlichen Problempositionen auf den defensiven Außenbahnen wurden erneut angegangen. Ob man mit den Neuen endlich einmal so richtig richtig lag, wird in Fankreisen eher skeptisch bewertet.

Innen - davon ausgehend, dass der Trainer dem kleinen Trend zurück zur Dreierkette nicht folgen möchte, wiewohl er eine größere taktische und Systemflexibilität ankündigt - dürften Rüdiger und Schwaab zunächst die Nase vorn haben, der gefühlte Platzhirsch Niedermeier und Haggui stellen sich dahinter an, und wer weiß, ob Oriol Romeu nicht doch hinten zum Einsatz kommt, wenn sich die letztjährige Rückrundenformation mit Gruezo und Gentner im Mittelfeld stabil zeigt.

Offensiv verfügt man insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial. Umso bedauerlicher für Liebhaber des "beautiful game", dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden wird – es sei denn, es gelänge einem der beiden, sich auf den Außenpositionen gegen die flinkeren Kostic, Harnik und wohl auch Werner (der eher ein Stürmer als ein Außenspieler ist) durchzusetzen. Ob das indes wünschenswert wäre, steht auf einem anderen Blatt. Im Hintergrund lauert zudem Moritz Leitner, der etwas aus dem Fokus verschwunden scheint, im Grunde aber überall im Mittelfeld spielen kann.

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Heinz Kamke bloggt und twittert.

Bleibt es vorne bei einer Spitze, werden sich wohl Ibišević und nach seiner Genesung Ginczek darum streiten. Ein 4-4-2 mit Timo Werner als beweglichen Angreifer um den Stoßstürmer herum hat indes eine Menge Charme.

Eine denkbare Aufstellung zum Saisonstart, die nicht recht weiß, ob der Vater des Gedankens "Wunsch" oder "Pragmatismus" heißt, könnte folgendermaßen aussehen:

Fußballfreude auch als VfB-Fan

Heinz Kamkes "angedacht" ist ein Blog, das sich irgendwann einmal mit vielerlei Themen befassen wollte, und es auch tat. Dass der Fokus dann doch zunehmend auf Fußballthemen liegt und lag, war angesichts der Pseudonymwahl des Hausherrn wohl zu erwarten: "Heinz Kamke", bei Twitter @heinzkamke, nach der Hauptfigur in Sammy Drechsels wunderbarem Kinderbuch "Elf Freunde müßt ihr sein", das des Verfassers kindliche Freude am Fußball bis heute bewahren half. Auch dann, wenn "sein" VfB Stuttgart sich mal wieder in einer "Übergangssaison" befindet.

Ulreich

Klein – Schwaab – Rüdiger – Hlousek

Leitner – Gentner – Romeu – Didavi

Ibišević – Werner

"Mein Team rennt nie ohne Kopf an", hat Armin Veh einmal über seine Strategie gesagt. Was erwartet uns spielphilosophisch?

Eintracht Frankfurt beeindruckte unter Armin Veh phasenweise mit bemerkenswertem Umschaltspiel, das nur wenig mit jenem Fußball zu tun hatte, den der gemeine VfB-Fan aus der Meistersaison 2007 kennt. Damals sah man noch häufig eine Stuttgarter Raute auf dem Platz, jene Formation also, deren Aussterben DFB-Chefausbilder Wormuth bei der WM beobachtet zu haben meint. Fast traue ich Armin Veh zu, gewissermaßen aus Trotz auf die Raute zu setzen. In jedem Fall darf man einen grundsätzlich offensiv orientierten VfB erwarten; es wird an Veh liegen, sich dahingehend von seinem Vorvorgänger Thomas Schneider abzusetzen, dass die hinteren Reihen dennoch dicht und gut organisiert gehalten werden können.

"Helmut" Cacau hat den Verein verlassen. Wer könnte zum neuen Helden werden?

Unabhängig von der Frage, ob Cacau als bisheriger Held durchgeht, ist dieser Part bis dato der Lichtgestalt Armin Veh vorbehalten. Teilen muss er ihn möglicherweise mit Timo Werner, dem einzigen, auf dessen Schulter ähnlich große Erwartungen lasten. Ob sie tatsächlich zur Last werden, liegt wiederum nicht unwesentlich am Trainer. Daniel Didavi als weiteres "Eigengewächs" hätte ebenfalls das Zeug zum Liebling und Helden, Sven Ulreich ist in Teilen der Anhängerschaft bereits einer, in anderen eher nicht. Was den Genannten indes nicht gegeben ist, ist Cacaus Wille und Bereitschaft, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen - eine Eigenschaft, die für viel Verdruss unter den Fans gesorgt hat, aber eben auch für großartige Momente, nicht zuletzt in der Meistersaison 2006/07.

Was wird das Stuttgarter Saisonhighlight?

Natürlich träumt man vom Pokalfinale, dem größten Einzelspiel, das der deutsche Fußball zu bieten hat und gleichzeitig auf Jahre hinaus der einzigen Chance, irgendwann mal wieder an einem Titel zu schnuppern. Aber da waren nun einmal die Bochumer vor. Auch wäre es gelogen, dass ich nicht von einer ebenso überraschenden wie überragenden Saison träume, die auf Platz fünf endet. Realistischerweise wird es aber darum gehen, einzelne, ungeplante und unerwartete Highlights zu feiern, wie sie fallen; Spielzüge, Standardsituationen (nach Jahren!), taktische Überraschungen oder auch mal ganze Spiele. Und einzelne Spieler beim Aufblühen zum Beobachten. Ich hoffe auf Werner, Didavi und auch Leitner.

Schon mal Paderborn auf der Karte gesucht?

Alles eine Frage der Allgemeinbildung. Ernsthaft: das ist dann doch ein bisschen übertrieben. Schön aber, dass die Bundesliga wieder um einen Debütanten reicher ist, noch schöner, dass es sich nicht um einen der unvermeidlichen Neuzugänge handelt. Dass sie es schwer haben werden, dass es möglicherweise eine Stippvisite bleibt: mag sein. Aber es ist ein gutes Signal.

Welches Duell wird besonders heiß?

Aus Stuttgarter Sicht? Am liebsten jenes zwischen Ulreich und Vlachodimos um die Nummer 1. Wird aber nicht passieren. Dann freue ich mich eben auf das Heimspiel gegen Dortmund. Mit einem überragenden Leitner, der danach trotzdem nicht nach Dortmund zurückkehrt. Mit besonderen Rivalitäten, auf die diese Frage vielleicht abzielte, kann man nicht eher nicht locken, schon gar nicht mit sogenannten Baden-Württemberg-Derbys.

Und, wie finden wir das Trikot?

Das ist für einen VfB-Anhänger nun wahrlich eine einfach Frage: gut, wie immer. Es ist weiß und wird von einem roten Brustring geziert, dazu das Wappen. Was will man mehr?

Quelle: ntv.de