Fußball

Große Demut nach der Katastrophe Die eigenartige Transparenz von Schalke 04

Auf das Ende einer Saison mit Peinlichkeiten auf allen Ebenen folgt die große Demut bei Schalke 04. Der Fußball-Bundesligist reduziert seine mittelfristigen Ansprüche - weil es wirtschaftlich keine andere Wahl gibt. Ein Versprechen können die Verantwortlichen nicht erfüllen.

Der Horrortrip ist vorbei. Fußballerisch droht dem FC Schalke 04 mindestens in den nächsten vier Wochen keine weitere Peinlichkeit. Auch skurrile Härtefallanträge, unehrenhafte Entlassungen von Minijobbern, bisweilen kontroverse Pläne und Ansagen von der zurückgetretenen "Schaschlik-Amsel" (Anm. d. Red.: Ex-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies) sollen sich nicht wiederholen. Der Tag gestern, der Mittwoch, er war eine "Zäsur" beim Fußball-Bundesligisten aus Gelsenkirchen. Zumindest wurde diese ausgerufen. Ein "Weiter so" werde es nicht geben. Ein "Weiter so" könne es nicht geben, sagte Marketing-Vorstand Alexander Jobst und bat die verärgerten Fans demütig um Vergebung all jener Vorfälle der vergangenen Monate, die zu einem "miserablen" Bild des Klubs geführt hatten.

Miserabel ist tatsächlich nur die Wahrheit in schön. Die Darstellung der "Königsblauen", dem immer noch sechstgrößten Sportverein der Welt (!), changierte eher zwischen katastrophal und hochnotpeinlich. Und der Weg, all das Zerbrochene wieder zu kitten, er wird lang, er wird zäh. Sportlich, die Hauptwährung des Klubs, müsse und werde man sich in den nächsten "ein, zwei, drei Jahren" von größeren Ambitionen, also der Qualifikation für Europa, verabschieden, bekannte Sportchef Jochen Schneider, der die Saison-Analyse gemeinsam mit Jobst und Trainer David Wagner vortrug. Es gehe für den hoch verschuldeten Klub nun vor allem darum, eine sichere Zukunft durch wirtschaftliche Vernunft zu gewährleisten.

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"Wette auf die Zukunft verloren"

Miranda und Kenny gegen, Hoffnung bei Stambouli

Schalke hat keine Chance mehr auf eine Weiterverpflichtung von Jonjoe Kenny, hofft aber noch auf einen Verbleib von Benjamin Stambouli. Kenny (23) muss nach dem Ende des Leihgeschäfts zu seinem Stammclub FC Everton zurück. "Jonjoe hat zu Schalke gepasst wie die Faust aufs Auge. Wir haben unser Interesse hinterlegt, dass er noch mal für ein Jahr auf Leihbasis zu uns kommt. Everton hat das anders gesehen, das müssen wir respektieren", sagte Sportvorstand Jochen Schneider. Auch der Vertrag vom 29 Jahre alten Abwehrspieler Stambouli ist ausgelaufen. "Wir sprechen miteinander und würden ihn gerne hier behalten", sagte Schneider. Zudem hat der Klub das Leihgeschäft mit Juan Miranda vorzeitig beendet. Der Spieler des FC Barcelona hatte selbst darum gebeten.

Die fußballerische Reduktion ist keine Demutsgeste vor dem Debakel der Rückrunde, sondern eine, die wirtschaftlichen Zwängen folgt. In den vergangenen Jahren habe der Klub diese "Wette auf die Zukunft verloren". Nach zehn Europacup-Teilnahmen in elf Jahren schaffte es Königsblau seit 2016 nur noch einmal auf die internationale Bühne - trotz hoher Investitionen in die Mannschaft. Aber Neuzugänge wie Nationalspieler Sebastian Rudy oder der hochtalentierte, aber oft lustlose und undisziplinierte Nabil Bentaleb blieben fast alles schuldig, was ihre Ablöse versprach.

Die Vorgaben sind so klar wie schmerzhaft: Der Traditionsklub muss "massive Einsparungen vornehmen", wie Jobst erklärte. So werde es "weitere Kürzungen bei den Profis" geben. Ob dabei auch die von der "Süddeutschen Zeitung" vor wenigen Tagen verkündete Gehaltsobergrenze von 2,5 Millionen Euro greift, darauf wollte sich Schneider nicht festlegen. "Nichts ist in Stein gemeißelt", sagte er: "Wir verfolgen da keinen dogmatischen Ansatz." Aber das Lizenzspieler-Budget sei natürlich schon der "größte Hebel". Auch zur Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die der Klub für einen Kredit in der Höhe von bis zu 40 Millionen Euro beantragt haben soll, gab es am Mittwoch lediglich vage Andeutungen. "Das werden wir kommunizieren, wenn wir Fakten geschaffen haben", versprach Jobst.

Sportliche Analyse fällt dünn aus

Kommuniziert wurde an diesem Mittwoch sehr viel, hängen blieb allerdings nur sehr wenig. Auch weil die angekündigte und betonte "Transparenz" mit der man verlorenes Vertrauen und Glaubwürdigkeit in den nächsten Monaten zurückgewinnen will, tief im königsblauen Dunst blieb. Allzu oft wurde der Verweis platziert, dass das konkrete Offenlegen von Sachverhalten dem Verein nicht helfen würden. Weder bei wirtschaftlichen Kennzahlen, noch bei den sportlichen Planungen. Die darf vorerst weiter David Wagner vorantreiben, was angesichts des sportlichen Wahnsinns der vergangenen Monate überraschend, aber keine Überraschung ist. Entgegen aller Reflexe (und wohl auch begünstigt durch Geisterkulissen und wirtschaftliche Nöte) wurde der Trainer von den Bossen (zumindest öffentlich) nie infrage gestellt.

Dass eine Fortsetzung der desaströsen Rückrundenbilanz aber auch nur allzu bald existenzgefährdend für den Trainer wird, dem dürfte sich Wagner trotz der knallhart reduzierten Ziele sicher sein. Entscheidend für ihn wird sein, ob seine sportliche Aufarbeitung der Saison und die daraus abgeleiteten Folgen, tatsächlich reichen, um die völlig entgleiste Mannschaft wieder auf die richtige Schiene zu stellen. So haben Wagner und Schneider ziemlich simpel die Verletztenmisere als in erster Linie ausschlaggebend für den Absturz identifiziert.

Hinzu sei ein Problem auf der Torwart-Position gekommen, eingeleitet durch den frühzeitig verkündeten Wechsel von Alexander Nübel zum FC Bayern. Ob zur kommenden Saison nun nachgebessert wird, ob der Freiburger Alexander Schowlow tatsächlich kommt, wie in vielen Medien diskutiert wurde, das blieb offen. Klar ist indes: Als Konsequenz aus den vielen Verletzungen baut Schalke sein Athletik-Team um und holt Werner Leuthard, den einstigen Fitness-Trainer von Felix Magath, zurück.

Kreative Kaderkorrekturen notwendig

Ein weiteres Problem, das die Verantwortlichen erkannt haben: Der Kader war schlecht ausbalanciert. Vor allem im Sturm klemmte es doch gewaltig. Dass man dieses gewaltige Abschluss-Problem auch im Winter nicht in den Griff bekommen habe, ist einerseits ein Eingeständnis der eigenen Fehlplanung, aber auch ein deftiger Seitenhieb Richtung Michael Gregoritsch, der vom FC Augsburg ausgeliehen worden war und auf lediglich zwei Scorerpunkte kam - beide in seinem ersten Spiel gegen Borussia Mönchengladbach, dem übrigens bislang einzigen Liga-Sieg im Kalenderjahr 2020. Für die richtige Balance des kommenden Kaders stehen Wagner nun kaum Möglichkeiten zur externen Korrektur zur Verfügung. Kreative Lösungen sind gefragt. So soll der Austausch mit der eigenen "Knappenschmiede" noch mal intensiviert werden.

Eine große Sorge vieler Fans räumten die Verantwortlichen dann aber noch (teilweise) ab: Die vor allem vom verteufelten Ex-Chef Clemens Tönnies vorangetriebene Ausgliederung der Profi-Abteilung sei vorerst kein Thema. "Nicht heute und auch nicht in den nächsten Monaten", verkündete Jobst. Zunächst sei das Ziel, den Klub zu konsolidieren und eine wettkampftaugliche Mannschaft zusammenzustellen. "Danach ist es aber auch unsere Aufgabe", so Jobst, "den Klub in die Zukunft zu leiten. Und wenn es dann sinnhaftig sein könnte, für den Klub eine Ausgliederung anzudenken, werden wir das transparent tun."

Quelle: ntv.de