Fußball

Edelschmiede sucht Identität Die komplizierte Krise von RB Salzburg

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RB Salzburg weiß gerade selbst nicht genau, für was es steht.

(Foto: AP)

Red Bull Salzburg gehört zu großen Talentschmieden des europäischen Fußballs. Stars wie Erling Haaland und Dayot Upamecano wurden dort an den Profibereich herangeführt. Aber nach zahlreichen Abgängen versuchen die Österreicher einmal mehr den Neuaufbau.

Es war eine Szene wie sie typischer für RB Salzburg nicht sein konnte: Im letzten Moment spitzelte Mergim Berisha den Ball noch zu seinem ungarischen Kollegen Dominik Szoboszlai, der mit rechts die Kugel in den Torwinkel feuerte. Plötzlich hörte man im ohnehin leeren Wanda Metropolitano nur noch das Jubeln der österreichischen Gäste. Sie hatten nach einer Anfangsphase, in der sie gegen Atlético Madrid gnadenlos unterlegen war, den Ausgleich erzielt. Es war der Moment, in dem das kampf- und abwehrstarke Atlético knallhart daran erinnert wurde, dass diese Salzburger nicht und nie abzuschreiben sind.

Die Champions-League-Partie in der vergangenen Woche endete schlussendlich doch noch mit 3:2-Sieg der Hausherren. Salzburg musste sich nach hartem Kampf und zwischenzeitlicher Führung geschlagen geben. Der Verlauf ebenso wie das Ergebnis waren indes sinnbildlich für Red Bull Salzburg, für den Klub, der sich nirgends großer Beliebtheit erfreut, aber in ganz Europa respektiert wird. Diesen Respekt haben sich die Salzburger hart erarbeitet. Mit einem sehr weitreichenden Scouting-Netzwerk sowie sehr ausgeklügelten Ausbildungsstrukturen, in die auch der Zweitligist FC Liefering als eine Art Reservemannschaft involviert ist, schaffte es der Verein viele Talente anzulocken und auszubilden. Die Liste ist lang und umfasst etwa Erling Haaland, Sadio Mané, Dayot Upamecano, Naby Keïta, Hannes Wolf und Takumi Minamino.

Jedes Jahr ein Neuanfang

Natürlich sind einige der jungen Spieler anschließend zum "Schwesterverein" RB Leipzig weitergezogen. Aber eine nicht unerhebliche Anzahl hat auch bei anderen Top-Klubs unterschrieben. Salzburg hat sich als Edel-Ausbildungsverein in Europa etabliert. Allerdings hat dieser Status auch seine Schattenseiten. Jahr für Jahr muss es einen Neuanfang geben. Auch wenn sich die Verantwortlichen darum bemühen, immer wieder Talente auszubilden und an die erste Mannschaft heranzuführen, wird diese Aufgabe aufgrund ständiger Abgänge keineswegs leichter. Aktuell spielt Salzburg erst zum zweiten Mal in der Champions League, nachdem die Mannschaft viele Jahre an der Qualifikation gescheitert war. Aber sie tut es mit einem der weniger talentierten Kader in der jüngeren Klub-Geschichte.

Das Team bringt gewiss einen starken Kampfgeist mit, ihm fehlt aber das besondere Etwas vergangener Tage. Szoboszlai sowie Angreifer Patson Daka stechen am stärksten aus der Masse heraus. Aber auch sie können gerade auf internationalem Parkett nur bedingt den Unterschied ausmachen. Darüber hinaus spielt Salzburg auch keineswegs mehr einen besonderen Fußballstil, mit der sich der Klub von der Masse abheben konnte. Viele Jahre prägten Persönlichkeiten wie Ralf Rangnick, Roger Schmidt und Marco Rose die spielerische Identität der Red-Bull-Vereine in Salzburg und Leipzig. Die "Bullen"-Klubs wurden bekannt für ihr aggressives Pressing und ihre insgesamt intensive Spielweise.

Aggressiv verteidigen, konstruktiv passen

Aber während in Leipzig Cheftrainer Julian Nagelsmann mittlerweile mehr Wert auf gepflegten Ballbesitz legt, ist Salzburg-Coach Jesse Marsch darauf bedacht, die Spielweise der Salzburger deutlich balancierter zu gestalten. Der US-Amerikaner Marsch, der im Sommer 2019 das Traineramt in Salzburg übernahm, war dreieinhalb Jahre beim anderen "Schwesterverein" New York Red Bulls tätig. "In Salzburg oder Leipzig gibt es vielleicht nicht die Tradition wie bei Schalke oder Rapid Wien, aber wir haben auch eine Fußballkultur, allein schon durch die Art wie wir spielen, wie wir mit Spielern umgehen, oder durch unser Scouting", sagte er einmal. Marsch kennt die grundsätzliche Philosophie des Fußballimperiums sehr genau.

Aber: Er muss bedingt durch die Abgänge, wie auch die besondere Rolle Salzburgs in der eigenen Liga, in der die Mannschaft stets haushoher Favorit ist, einen Mittelweg zwischen aggressiver Verteidigungsart und konstruktivem Passspiel finden. Für die Salzburger hat das allerdings seit einigen Monaten zur Folge, dass sie sich nicht mehr durch ein besonderes Element im Spiel auszeichnen. Die "Bullen" verteidigen in ihrem 4-2-3-1 weniger aggressiv und sind gleichzeitig selten in der Lage, flüssig von hinten den Ball durch die eigenen Reihen zu bewegen. Denn in Ballbesitz fehlt ihnen das Verständnis für enge Staffelungen, in denen sich rasch Passstafetten entwickeln können.

Marsch vermittelt die Mentalität

Es ist nur sehr schwer möglich, eine Philosophie trotz großer personeller Veränderungen langfristig zu verfolgen und zugleich eine Weiterentwicklung voranzutreiben. Auch wenn Salzburg das nicht zugeben würde, aber der Klub befindet sich ein wenig in der Sinnkrise und muss die eigene Identität erst wieder neu definieren. Marsch selbst spricht immer noch davon, dass ohne Aggressivität und Intensität kein RB-Fußball möglich ist. Er selbst erlangte Berühmtheit, als eine von ihm aufgezeichnete Kabinenansprache in der Halbzeitpause des Champions-League-Spiels gegen Liverpool ein viraler Hit wurde. Marsch sagte damals seinen Spielern: "This is nicht ein fucking Freundschaftsspiel!"

Der 46-Jährige vermittelt die Mentalität, die Salzburg jahrelang auszeichnete. Im Spiel gegen Atlético kam der unbedingte Siegeswille erneut zum Vorschein. Aber anders als noch in der jüngeren Vergangenheit konnte Salzburg nicht spielerisch mithalten und musste vor allem über den Kampf kommen. Es ist in gewisser Weise schade, dass die Österreicher so lange benötigten, um sich endlich für die Champions League zu qualifizieren. Denn das Salzburg früherer Jahre hätte gegen Atlético oder auch heute Abend gegen den FC Bayern (ab 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de) für eine Überraschung sorgen können. Das Salzburg im Jahr 2020 hingegen ist nach dem erheblichen Aderlass an die Grenze dessen angelangt, was bei einem ständigen Neuaufbau überhaupt noch möglich ist.

Quelle: ntv.de