Fußball

FC Bayern, Katar, Rummenigge Dieser Irrsinn sendet fatale Botschaften

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Karl-Heinz Rummenigge flog mit seinem FC Bayern nach Katar.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Finale der Klub-WM: Dass der FC Bayern in Katar spielt, ist äußerst fragwürdig. Thomas Müllers Infektion verdeutlicht das, Karl-Heinz Rummenigges Impf-Kommentare sorgen für zusätzliche Gefahr. Von der einst versprochenen Demut ist nichts mehr übrig.

Der Fußball "kann eine wichtige Signalwirkung haben", sagte Karl-Heinz Rummenigge. "Wir müssen unsere Kritiker überzeugen, dass der Fußball das Thema Coronavirus seriös angeht", war sich der Bayern-Boss bewusst: "Wir wollen und werden unserer Verantwortung gerecht werden. Wir wollen keine Sonderrolle." Das war Ende April 2020, kurz bevor die Bundesliga nach einer Corona-Pause den Neustart hinlegen sollte. "Wir sind stolz, dass wir wieder spielen können, aber es ist auch wichtig, die allgemeine Situation mit Demut anzunehmen", legte Rummenigge rund einen Monat später in der italienischen Sportzeitung "Gazzetta dello Sport" nach.

Verantwortung und Demut scheinen dem Bayern-Boss knapp ein Jahr später - nun, sagen wir einmal - spontan abhandengekommen zu sein. Denn wenn der FC Bayern heute Abend im Finale der Klub-WM in Katar (19 Uhr im Liveticker auf ntv.de) wohl auch den sechsten Titel der Saison einstreicht und damit eine historische Leistung hinlegt, die vorher weltweit nur ein einziges Mal dem FC Barcelona gelang, muss man fragen: zu welchem Preis?

Die Reise des FC Bayern durch die Weltgeschichte zu einem Turnier mit klangvollem Namen, aber von eher nachrangiger sportlicher Reputation (die Münchner Kicker werden ihren Enkelkindern wohl eher vom Champions-League-Titel gegen PSG und Neymar als vom grandiosen Sieg gegen die Tigres aus Mexiko berichten), ist mehr als fragwürdig. Gerade auch, weil die Geldmaschine namens Klub-WM im Unrechtsstaat Katar aufgestellt wurde. Das Emirat versucht die Welt mit dem Event mittels Sportwashing über die Menschenrechtsverletzungen im Land hinwegzutäuschen, und der FC Bayern, ohnehin in einer engen Sponsoren-Beziehung mit dem Wüstenstaat, macht auch in Pandemiezeiten gerne mit. Thomas Müllers positiver Test zeigt erneut mit Wucht, dass die Fußballer-Blase eben nicht unverwundbar ist, und wie irrsinnig es ist, dass Klubs und Nationalmannschaften in Corona-Zeiten in andere Länder und auf Kontinente fliegen.

Katar-Reise ist gefährlich

Rummenigge toppt die Demut aber noch - und zwar gleich doppelt. Zunächst wütet er vor der Katar-Reise, als der Bayern-Flieger aus Berlin nicht am Freitagabend, sondern erst am Samstagmorgen gen Katar abheben durfte. "Total verarscht" käme er sich von den Verantwortlichen vor, die gar nicht wüssten, "was sie unserer Mannschaft damit angetan haben." Uli Hoeneß sprach auf ähnliche Weise von einem "Skandal" und einer "Unverschämtheit". Die Bayern-Chefs beschweren sich also zu einer Zeit, in der fast alles zum Erliegen kommt und viele Menschen nicht mal ihre Familien besuchen fahren dürfen, über ein Privileg, dem fast alle anderen Bundesbürger derzeit entsagen und das wegen des Nachtflugverbots um ein paar Stunden verschoben wurde.

Jürgen Klopp etwa verpasst in diesen Tagen aufgrund der Einreisebeschränkungen aus Großbritannien die Beisetzung seiner verstorbenen Mutter. "Dass ich bei der Beerdigung nicht dabei sein kann, ist den fürchterlichen Zeiten geschuldet", sagt er und fügt hinzu, "sobald es die Umstände zulassen, werden wir eine wundervolle, ihr entsprechende Gedenkfeier abhalten." Eine Aussage, die in bitterster Stunde Größe beweist. "Sobald die Umstände es zulassen." Für normale Menschen lassen die Zustände keine Reisen durch die Welt zu. Ob der FC Bayern in einer Parallelwelt lebt, ist nicht bekannt. Verantwortung und Demut sieht aber definitiv anders aus. Vor allem Rummenigges Aussagen ohne jegliches Fingerspitzengefühl sind ein Schlag ins Gesicht der wirklich von der Pandemie beeinträchtigten Menschen.

Anschließend schlägt Rummenigge vor, Fußballprofis bevorzugt zu impfen, damit sie als Impf-Vorbilder für den Rest der Gesellschaft fungieren könnten. Während Millionen Seniorinnen und Senioren, Pflege- und Lehrkräfte oder Ärztinnen und Ärzte, die allesamt sehr gute Gründe für eine baldige Impfung haben, weiterhin auf ihre Spritzen warten, ohne auch nur annähernd die derzeitigen Privilegien Rummenigges und der Fußballprofis zu besitzen. Während Bund- und Länderchefs bekräftigen, dass es für Lockerungen noch zu früh ist und die Bürger sich noch mal anstrengen müssen, Angela Merkel noch mal inständig vor den neuen Corona-Mutationen warnt und der Lockdown bis zum 7. März verlängert wird. Während die Pandemie weiter wütet (der Tageszuwachs an Virus-Toten bleibt mit 666 am Mittwoch auf einem hohen Niveau), Geschäfte, Kitas und Schulen geschlossen bleiben und Menschen um Existenzen bangen.

Bittere Signalwirkung

Als Rummenigge seine Aussagen tätigte, saß er gerade in der Sonne in einem Fünf-Sterne-Resort. Dass man mit dieser Art - und überhaupt mit dem Katar-Ausflug - gerade nicht zum Vorbild taugt, scheint er nicht zu realisieren. Nicht mal Andeutungen bezüglich Überlegungen einer möglichen Absage oder Verschiebung der Klub-WM waren zu hören (das gilt auch für die Champions-League-Heimspiele von Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig, die nun in Budapest stattfinden). Dabei wird Katar vom Auswärtigen Amt als Risikogebiet eingeschätzt, "vor nicht notwendigen" Einreisen gewarnt. Vorbildhaft wäre es gewesen, hätten die Bayern-Bosse eingesehen, dass sie mit ihrer Katar-Reise ein fatales Bild abgeben und Menschenleben aufs Spiel setzen, und dass sie deshalb nicht lediglich "nicht notwendig", sondern gefährlich ist.

Gefahr besteht auch für Deutschland nach dem Rückflug der Münchner. Normalerweise müsste man sich nach der Reise ins Risikogebiet zehn Tage in Quarantäne begeben, frühestens nach fünf Tagen könnte man sie mit einem negativen Test vorzeitig beenden. Besonders jetzt, da mit Müller ein Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Der Irrsinn geht aber weiter, denn der FC Bayern spielt am Montag in der Bundesliga gegen Bielefeld. Der Termin, der extra für den Rekordmeister eingerichtet wurde, wird wohl nicht verschoben. Alles nimmt weiter seinen Lauf für Rummenigge, die Bayern, die Bundesliga - aber für große Teile der Bevölkerung schon seit Monaten nicht. Diese fühlen sich verständlicherweise mehr und mehr benachteiligt.

Der Fußball hat eine Signalwirkung. Damit hatte Rummenigge recht. Aber, weil er jegliche Demut vermissen lässt und das Katar-Abenteuer des FC Bayern inklusive positivem Corona-Test absolut irrsinnig daherkommt, lautet die bittere Botschaft an den Rest der Gesellschaft: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen - und die Privilegierten trampeln auch noch herum auf den Gefühlen der wirklich Leidtragenden der Corona-Pandemie.

Quelle: ntv.de

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