Fußball

Fußball-Zeitreise, 17. 8. 1977 Dieter Müllers Torrekord für die Ewigkeit

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Bester Torschütze der Saison 1977/1978: Dieter Müller.

(Foto: imago sportfotodienst)

Unglaubliche 42 Jahre hat der Rekord des Dieter Müller bereits Bestand. Als der Kölner am 17. August 1977 Horst-Dieter Höttges von Werder Bremen schwindelig spielt und sechs Treffer erzielt, ist daran ein ehemaliger Trainer von ihm wohl nicht ganz schuldlos.

Die schönsten Geschichten haben häufig einen langen Vorlauf. So auch der Torrekord von Dieter Müller, der am 17. August 1977 beim 7:2-Sieg seines 1. FC Köln über den SV Werder Bremen mit seinen sechs Treffern eine Bestmarke setzte, die in 56 Jahren Fußball-Bundesliga kein anderer Spieler je erreichte. Als Dieter Müller im Sommer 1973 von Kickers Offenbach nach Köln kam, hatte er sich gerade erst umbenannt. Noch bis zu seinem 18. Lebensjahr hieß er Dieter Kaster. Dann nahm er den Namen seines Stiefvaters an und ballerte fortan als Müller die Bälle in den Kasten. Müller? Naja. Das passte in diesen Tagen mit Gerd und später mit Hansi ja auch einfach prima zur bunten Bundesliga-Erlebniswelt.

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"Ich bin böse auf meine Spieler": Tschik Cajkovski.

(Foto: imago sportfotodienst)

Im Herbst wechselte man in Köln den Trainer. Ein alter Bekannter kam zurück. Doch sein zweites Engagement verlief für Tschik Cajkovski, den Meistermacher des Jahres 1962, nicht immer sehr angenehm. Das sagte der kugelbäuchige Kroate auch gewohnt offen: "Ich bin böse auf meine Spieler. Alle glauben, sie wären echte Profis, doch laufen will keiner. Wie Löhr oder Lauscher spiele ich noch mit meinen 50 Jahren. Diese Herren bekommen von mir jedoch, was sie brauchen: Ich werde sie morgens um sechs Uhr zum Sondertraining einladen. Andere Berufstätige müssen auch um sechs Uhr aufstehen! Wenn bei uns früher das Blut floss, klatschten alle Leute Beifall. Heute sind viele nur noch Mädchen. Damals gab es 320 Mark für uns, heute werden Millionen für Spieler hinausgeworfen."

In diese vergiftete Atmosphäre kam nun das Sturmtalent Dieter Müller. Gerade einmal knapp zwanzig Jahre jung, aber auch er wurde von Cajkovski nicht verschont. Im Gegenteil. Doch genau hier, im Jahr 1975, beginnt die Geschichte des legendären 17. August 1977, an der der Mann aus Zagreb vermutlich nicht ganz unschuldig ist, wenn man ganz genau zuhört: "Da habe ich ihm die ganze Woche beizubringen versucht, wie er gegen Höttges spielen soll, und trotzdem machte er beinahe alles falsch. Als ich ihm in der Pause deshalb Vorhaltungen machte, war er so fertig, dass er seinen Namen nicht mehr kannte." Cajkovski schob damals, nach weiteren vergebenen Torchancen von Müller, noch einen unvergesslichen wie bitterbösen Satz hinterher: "Das ist kein Unvermögen. Bei uns ist das Kunst."

"Kleines, dickes Müller schießen schneller, als Tschik denken kann"

Dabei erzielte Dieter Müller bereits in dieser Spielzeit 24 Tore für den FC. Doch knapp zwei Jahre später sollten die Kölner wieder einmal gegen Werder Bremen antreten. Und dieses Mal klappte offensichtlich alles in den Zweikämpfen mit dem legendären "Eisenfuß" Horst-Dieter Höttges. Denn das Duell gegen seinen knüppelharten und sonst so souveränen Gegenspieler entschied er mit seinen sechs Treffern ganz eindeutig für sich. Werders Trainer Hans Tilkowski fragte damals noch während des laufenden Spiels ständig und erstaunt seine Nebenleute: "Wo saust denn nur der Höttges rum?"

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17. August 1977: Dieter Müller erzielt gegen den SV Werder Bremen das 7:2 und damit sein sechstes Tor in diesem Spiel.

(Foto: imago/Pfeil)

Cajkovski wäre zufrieden gewesen mit seinem Spieler, doch der Jugoslawe war längst nicht mehr Trainer beim FC. Auf der Bank saß nun nach seiner Rückkehr aus Spanien der geniale ehemalige Meistertrainer von Borussia Mönchengladbach, Hennes Weisweiler. Und der hatte mit seinem Team etwas einstudiert, das für die Kölner, aber besonders auch für dessen Stürmer Dieter Müller zu einer echten Geheimwaffe werden sollte: die Ecken! Mit viel Effet schossen Flohe (von rechts) und Neumann (von links) den Ball vor das Tor.

Dort gab ihm ein Mitspieler eine andere Richtung, was zur Verwirrung des Gegners führt. Und diesen Moment der Irritation nutzen die Stürmer, vornehmlich Dieter Müller, zum Abschluss. Mit dieser ausgeklügelten Eckballvariante wurde der 1. FC Köln nach einem furiosen Finale schließlich auch Deutscher Meister des Jahres 1978. Die Torjägerkanone musste sich Dieter Müller allerdings nach diesem kuriosen wie erfolgreichen Jahr am Ende mit seinem Namensvetter Gerd vom FC Bayern München teilen. Den hatte Cajkovski übrigens viele Jahre zuvor bereits lang gemacht, aber auch auf gewohnt herzhafte Art gelobt: "Kleines, dickes Müller schießen schneller, als Tschik denken kann."

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Quelle: n-tv.de

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