Fußball

"Feuer frei, mutig, Eier haben!" Dresdens Wille schlägt Leipzigs Strategie

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Jubel nach dem Schlusspfiff: Dresdens Spieler stürzen sich auf den letzten Elfmeterschützen Aias Aosman.

(Foto: imago/Hentschel)

Dynamo Dresdens Kapitän Marco Hartmann erklärt nach der gewonnen Pokalschlacht gegen RB Leipzig das Rezept zum Sieg - und dabei auch den Unterschied zwischen den beiden großen Rivalen des Ost-Fußballs.

Das Pokal-Spektakel war bereits seit ein paar Stunden vorüber, doch in der "Torwirtschaft" drängelten sich noch immer Hunderte Fans von Dynamo Dresden. Kaum einer, der in dem Biergarten direkt neben dem Stadion nicht in Gelb gekleidet war. Nach Hause zu gehen, war nach der über 120 Minuten währenden nervenaufreibenden Schlacht im DFB-Pokal keine Option. So spielte der DJ Dynamo-Liedgut, und einige SGD-Anhänger sangen und tanzten beseelt dazu. Andere steckten an den Bierbänken die Köpfe zusammen und diskutierten noch immer etwas ungläubig den für die Dresdner jetzt schon legendären 5:4 (2:2, 2:0)-Triumph. Im Elfmeterschießen! Gegen RB Leipzig!

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Frustriert, aber dankbar: Leipzigs Marvin Compper beklatscht die Fans.

(Foto: imago/foto2press)

Im Vorfeld der Partie zwischen den beiden komplett verschiedenen sächsischen Vereine waren jede Menge Giftpfeile zwischen den Verantwortlichen und Fans hin- und her geflogen. Es wurde darüber diskutiert, ob das Duell nun ein Derby sei oder nicht, warum Dynamo das RB-Logo nicht zeigt und weshalb Dynamo auf Wunsch der Ultras sogar in der Fancharta festgeschrieben hat, keine Testspiele gegen RB Leipzig auszutragen. Seit der Auslosung im Juni hatte sich die Stimmung gehörig hochgeschaukelt. Ein anonymer Fan-Insider hatte der "Mitteldeutschen Zeitung" vor dem Spiel gesagt: "Es wird das Spiel mit der höchsten Aggressionsstufe seit Jahren sein - voller Hass, nicht nur in der gewaltbereiten Szene." Und sogar die Dresdner Polizei befürchtete neben Pyrotechnik und "verbalen Provokationen" auch, "dass Gästefans typische Fanutensilien geraubt werden".

Doch am Spieltag selbst zerstreuten sich die Bedenken. Die Atmosphäre rund um das Stadion war vor Anpfiff regelrecht entspannt. Von den Rängen wurde RB Leipzig dann freilich mit wahrlich ohrenbetäubenden Pfeifkonzerten, "Bullen-Schweine"-Rufen und Dutzenden Anti-RB-Plakaten bedacht.

Grenzwertig, aber nicht gewalttätig

Doch obwohl einige Transparente die Grenzen des guten Geschmacks überschritten ("Bullen töten") war der Protest gegen den Bundesliga-Neuling doch insgesamt im Rahmen - aggressiv und gewaltig, aber nicht gewalttätig. "Ich habe noch nicht alles im Detail gesehen. Aber aus meiner Sicht sind die Grenzen nicht überschritten worden", sagte Dynamos Sportdirektor Minge. "Uns war aber schon im Vorfeld klar, dass heute alle hier die Arschbacken zusammenkneifen werden." Es ist davon auszugehen, dass hinter den Kulissen jede Menge Überzeugungsarbeit nötig war, um die erlebnisorientierte Fanszene der SGD für diesen Tag ruhig zu stellen.

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Der Dresdner Fanblock mit klarer Botschaft.

(Foto: imago/Jan Huebner)

So aber schafften es die Akteure auf dem Rasen und den Rängen tatsächlich, dass das Fußballspiel am Samstagnachmittag im Vordergrund stand: Nach souveräner erster Hälfte und 2:0-Halbzeitführung für RB Leipzig ließ sich der Bundesliga-Neuling durch einen Strafstoß nach Handspiel im Strafraum komplett aus dem Konzept bringen. Dynamo-Stürmer Stefan Kutschke, der von 2010 bis 2013 bei RB Leipzig spielte, erzielte nicht nur den Anschlusstreffer vom Punkt (47.), sondern auch den Ausgleich (78.) zum 2:2, das bis zum Elfmeterschießen Bestand hatte.

Dynamos Kapitän Marco Hartmann - völlig ausgelaugt und nur noch mit einer Radlerhose bekleidet - beschrieb in den Stadionkatakomben anschaulich, wie es die Dresdner geschafft hatten, derart wuchtig ins Spiel zurück zu finden. "Nach dem Rückstand hat uns der Glaube gefehlt", sagte Hartmann. "Da haben wir uns gefragt: Wie wollen wir das jetzt umbiegen? Also: back to the roots, das machen, was wir das gesamte vergangene Jahr gemacht haben. Feuer frei nach vorn, mutig, Eier haben! Man braucht ein, zwei Aktionen und man zündet die gesamte Bude hier wieder an."

Leipzigs Spielführer übt Selbstkritik

In der Tat trugen die Fans ihre Spieler regelrecht bis ins Elfmeterschießen. "Ich habe sowas noch nie erlebt", sagte Hartmann. "Alle Spieler hatten in allen Körperteilen Krämpfe. Immer wenn ich aufstehen wollte, kam der nächste. Aber was wollten wir machen, wir hatten ja schon dreimal gewechselt. Also haben wir dort gestanden, wo wir stehen müssen und haben versucht, nochmal was zu machen, einen umzutreten oder so." Das klingt martialischer und aggressiver, als das Spiel mit insgesamt nur zwei Gelben Karten auf jeder Seite war.

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Dominik Kaiser (RB Leipzig) scheitert an Torwart Marvin Schwäbe.

(Foto: imago/Picture Point LE)

Der entscheidende Fehler der Partie unterlief letztlich RB Leipzigs Kapitän Dominik Kaiser, der per Elfmeter an Dresdens Keeper Marvin Schwäbe scheiterte. Leipzigs Spielführer trat nach dem ersten verschossenen Strafstoß seiner Profikarriere mit hängendem, aber klarem Kopf vor die Journalisten: "Vielleicht habe ich mir nach dem verwandelten Elfmeter in der ersten Hälfte zu viele Gedanken gemacht. Ich wollte ihn oben reinhauen, das ist mir nicht gelungen", sagte Kaiser bitter.

Die Stimmung im Stadion wollte er jedoch nicht für seinen Fehlschuss und die schwache zweite Hälfte des gesamten Teams verantwortlich machen. "Von Aggressivität haben wir auf dem Platz nicht viel mitbekommen", sagte der 27-Jährige. "Dass hier gute Stimmung herrscht, darauf waren wir eingestellt. Das war aber nicht ausschlaggebend. Wir haben das Spiel in der zweiten Halbzeit auf dem grünen Rasen verloren und nicht durch Aktionen von der Tribüne."

Dresden feiert, Leipzig muss ackern

RB Leipzigs neuer Trainer Ralph Hasenhüttl rätselte ebenfalls über den plötzlichen Einbruch seiner Mannschaft. "Dass nach dem Anschlusstreffer die Menge tobt und das Stadion kommt, ist klar", sagte der 49-Jährige. "Nicht klar ist hingegen, warum wir uns haben so von unserem Spiel abbringen lassen. Coaching ist da nicht mehr möglich, das muss die Mannschaft auf dem Platz regeln. Es gab keinen Grund, so aus dem Tritt zu kommen. Aber unsere junge Mannschaft ist noch nicht so weit, dass wir das ohne weiteres wegstecken können."

So bleibt für RB Leipzig die Erkenntnis, dass bis zum Start in der Bundesliga in der nächsten Woche in Hoffenheim (Sonntag, 17.30 Uhr) noch einiges zu tun ist - mental und körperlich. "Wir hatten noch nicht über 90 Minuten hinweg die Kraft, unser Spiel so durchzuziehen wie in den ersten 45 Minuten. Daran müssen wir arbeiten, denn eins ist klar: In der Bundesliga wird es nicht leichter", sagte Hasenhüttl.

Die Dresdner hingegen können durch die Pokalsensation jede Menge Euphorie für die Aufstiegssaison mitnehmen. Die Genugtuung, die die Dynamo-Fans in der Torwirtschaft und anderswo empfanden, fasste Kapitän Hartmann in Worte: "Ganz Deutschland hat uns heute die Daumen gedrückt. Gemeinsam mit den Fans haben wir gezeigt: Das sind Emotionen im Fußball, und die sollte man niemals aufgeben. Das war für Dynamo Dresden ein ganz großer Schritt in der Außenwahrnehmung."

Quelle: ntv.de

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