Fußball

Spezialtyp, "Tiger", Jubilar Effenberg, "Albtraum aller Schwiegermütter"

Stefan Effenberg meinte einmal: "Ich habe ein verflucht großes Problem: Ich bin immer ehrlich." Und genau das führte in seiner Fußballkarriere und danach zu einigen Irritationen. Nun wird der "Albtraum aller Schwiegermütter" 50 Jahre jung.

Stefan Effenberg einen Spezialtypen zu nennen, wäre wohl eine echte Untertreibung. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt hat es ganz gut auf den Punkt gebracht, als er meinte: "Effenberg sagt nicht ich, sondern ein Effenberg. Er verehrt sich und trägt sich selbst jubelnd vom Platz. Eine groteske Figur." Andere sind nicht ganz so zimperlich mit ihm umgegangen. Der Bremer Andreas Herzog sagte nach dem gegen die Bayern gewonnenen Pokalfinale 1999 voller Abscheu und Genugtuung: "Der Pfau, der Superpfau, der Herr Effenberg. Da stolziert er über den Platz und dann verschießt er. Es gibt doch noch einen Fußballgott."

Aber ein Effenberg ist vor allem auch ein Kämpfer. Als sich einst die graue Eminenz des FC Bayern, Paul Breitner, kritisch zu Wort meldete ("Als ich neulich durchs Programm zappte, sah ich ihn am Kochtopf bei Alfred Biolek. Das sah richtig gut aus, was er da brutzelte. Vielleicht sollte er sich künftig mehr auf diesem Gebiet bewegen"), schlug der Champions-League-Sieger von 2001 auf einer denkwürdigen Pressekonferenz zurück: "Paul Breitner kann ich sagen, dass ich nie zerbrechen werde, nie im Leben. Ein Stefan Effenberg wird nicht zerbrechen … Wir sind Erster in der Tabelle, Freunde. Ist das so schwer zu verstehen? … Jaaa aber, da muss man aufpassen. Da muss man aufpassen, mit dem, was man sagt, was man schreibt und wie man das rüberbringt. Damit muss man aufpassen. Weil, ich bin einer, der lässt sich das nicht gefallen, Freunde der Sonne! Nächste Frage!"

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Auf Vereinsebene hat Effenberg so ziemlich alles abgeräumt, auch den Champions-League-Pokal.

(Foto: dpa)

Jahre vorher hatte der Jungprofi einen Konflikt mit seinem damaligen Trainer sogar non-verbal lösen wollen: "Hey Heynckes, gehen wir mal gerade vor die Tür!" Das Verhältnis der beiden war einfach nicht das Beste. Jupp Heynckes soll einmal voller Sorge in der Mannschaftsdusche zu Effe gesagt haben: "He, pass auf, dass du nicht zu nah an den Abfluss kommst. Sonst rutschst du da noch durch …"  Aber solche Aktionen, und natürlich der berühmte Stinkefinger bei der WM 1994 in den USA, sorgten dafür, dass einige Leute Abstand von Effenberg nahmen - wie der damalige DFB-Präsident Egidius Braun, der fand: "Ein solcher Mensch hat in einer deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen."

Auch der große Franz Beckenbauer hielt zu Beginn der Karriere nicht viel vom großmäuligen Effenberg: "Zu meiner Zeit wäre der entweder nach zwei Wochen geheilt gewesen oder in der Versenkung verschwunden." Dabei hatte der Gescholtene den "Kaiser" kurz zuvor noch geadelt: "Sollte ich mal ein Großer werden wie Beckenbauer, dann dürfen mich die Leute überall auspfeifen, meinetwegen sogar beim Essen, das wäre mir scheißegal." Übrigens: Diese Meinung hat er einige Jahre später dann doch revidiert.

"Kann kein Mensch vergessen"

Nach vielen, vielen Stadien voller Hass und Zorn sagte Effenberg: "Die Pfiffe gegen mich - so was kann kein Mensch vergessen. Auch in 50 Jahren nicht." Und deshalb begann er sich zu wehren. Mit Scheibenwischergesten und verbalem Nachtreten: "Wenn ich zur Ecke gehe, das weiß jeder, dann kommen Feuerzeuge und Geldstücke geflogen. Das war ein Zeichen, dass man dies eigentlich nicht machen sollte. Zumal nach der Euro-Umstellung viele nicht mehr so viel Geld in der Tasche haben. Da sollten die Leute lieber das Geld in der Tasche behalten, anstatt es zu mir zu werfen. Nicht zuletzt wegen der Steuererhöhung und was alles noch so kommt."

Dabei ist Effenberg eigentlich ein Mann des Volkes. Klare Kante und mitten aus dem Leben. Keiner der gehassten Fußball-Millionäre, die nur zum Geldabholen vor den Ball treten: "Die meisten Spieler sehen ihren Job so: 90 Minuten Fußball spielen, umziehen, nach Hause fahren - mehr interessiert die nicht. Für mich bedeutet dieser Beruf mehr. Es gehört viel mehr Show dazu, es muss Leben in die Bude. Die Fans wollen Typen und gute Unterhaltung." Und Leute, die Sätze für die Ewigkeit sagen: "Auch wenn es unmöglich ist, ist es noch möglich."

Vorm Müllberg - oder vorm Brenner?

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Seinen ersten Verein in der Bundesliga verließ Effenberg damals mit einem riesigen medialen Hintergrundrauschen. Die Begründung für den Wechsel klang einleuchtend: "In Gladbach stehe ich vor einem Müllberg, in München stehe ich vor dem Brenner!" Doch schon recht bald wurde es ihm auch in der bayrischen Landeshauptstadt zu eng. Der blonde Mittfeldspieler wechselte nach Italien und zeigte auch diesmal durchaus Kreativität, als er seinen Schritt für die Presse begründen sollte: "Weil der Garten in München zu klein ist!"

Während sich Effenberg im Lire-Paradies richtig wohl fühlte ("Hier in Italien stehen schon zum Mittagessen Wein und Bier auf dem Tisch, nach dem Motto: Wenn du zwei Bälle siehst, triffst du wenigstens einen"), machten sich alte Hasen der Bundesliga so ihre Gedanken. Der ehemalige Trainer des VfB, Albert Sing, meinte: "Wenn der Effenberg irgendwann Italienisch lernt, sollte er sofort nach Alaska verkauft werden. Denn wenn man ihn in Florenz erst versteht, macht er mit seinem Mundwerk auch diesen Verein kaputt."

Als Stefan Effenberg schließlich aus Italien zurück nach Deutschland kam, war er gleich wieder der umjubelte Star der Bundesliga. Nach einer verlorenen Wette in Thomas Gottschalks "Wetten, dass …?"-Sendung ließ sich der Neu-Gladbacher in der RTL-Late-Night-Show "Gottschalk" eine aufsehenerregende Frisur im Tigerlook verpassen. Der englische Punk-Coiffeur Collin Watkins durfte den Hinterkopf des Fußballstars scheren und einen Tigerkopf aufmalen. Ehefrau Martina wurde mit einem Rosen-Tattoo im Haar beglückt. Natürlich war ihr Mann am kommenden Spieltag der Star in der Manege Bundesliga.

Heimspiel im Soap-Fernsehen

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Effenberg im Jahr 2011 mit Claudia beim Oktoberfestbesuch.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach der Karriere spielten bei Effenberg vor allem private Themen ein Rolle. Und das hatte durchaus nachvollziehbare Gründe. Als klar wurde, dass er sich die Frau seines ehemaligen Mannschaftskollegen Thomas Strunz geschnappt hatte, sagte Harald Schmidt in seiner Sendung: "Ich hatte schon letzte Saison den Eindruck: Effe ist auswärts spritziger als zu Hause." Dabei hatte "Effe" selbst immer sehr positiv über seine Ehefrau Martina gesprochen: "Gibt man ihr den Schlüssel, findet sie ihr Hotelzimmer allein. Sie weiß auch, wie der Wasserhahn aufgeht."

Im November 2008 wagten sich die neue Frau an Stefans Seite, Claudia, und er selbst in die Primetime des deutschen Fernsehens. Allerdings nur für kurze Zeit. Denn relativ bald wurde ihre Reality-Soap "Effenbergs Heimspiel" ins Vormittagsprogramm von RTL verbannt. Aus kaum nachvollziehbaren Gründen hatten sich nicht genügend Zuschauer gefunden, die das echte Leben der Effenbergs interessierte. Dabei war es spannend, zu verfolgen, wie Claudia beim Ausfall der Spülmaschine Gläser mit der Hand spülte und dafür stolz das Lob ihres Mannes empfing: "Du machst das toll!"

Am Ende entschieden sich die Effenbergs gegen Stefans Lieblingsdomizil bei der ausführlich dokumentierten Villasuche. Dabei hatte die Maklerin die hauseigene Bar mit eingebauter Zapfanlage doch so nett angepriesen: "Hier können Sie sich abends ein Bier zapfen." Und Effenberg offensichtlich einsichtig: "Da sitz ich nur noch hier."

Nach seinem kurzen Ausflug in die Trainer-Branche zum SC Paderborn 07 sitzt Stefan Effenberg nun vor allem in Fußball-Talkrunden. Aber wer weiß, was in Zukunft noch kommen mag. Schließlich sagte Stefan Effenberg auch einmal: "Manchmal wäre ich lieber Maurer." Und ein anderes Mal: "Wenn ich nicht Fußballer geworden wäre, wäre ich Batman geworden." Alles Gute zum 50. Geburtstag, lieber "Tiger" Effenberg, und Glück auf!

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Quelle: n-tv.de

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