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Nachspiel zum Relegationsskandal "Ein Debakel für die Bundesliga"

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Für über 20 Minuten unterbrach Schiedsrichter Stark das Relegationsrückspiel, war Düsseldorfer Fans vorzeitig auf den Platz stürmten.

(Foto: dapd)

Jubel in Düsseldorf, Enttäuschung in Berlin. Hertha BSC scheitert mit der Klage gegen die Wertung des Relegationsrückspiels Doch die Berliner geben sich noch nicht geschlagen und ziehen vor das Bundesgericht. Sportrechtler Siegfried Fröhlich schätzt die Chancen in zweiter Instanz gering ein. Im Interview mit n-tv.de spricht er über das Urteil, Fortuna-Fan Wolfgang Niersbach, Dolchstoßlegenden und den Schaden für den deutschen Fußball.

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Der Jurist Siegfried Fröhlich.

n-tv.de: Hertha BSC ist mit seinem Protest gescheitert. Warum wurde der Einspruch zurückgewiesen?

Siegfried Fröhlich: Das Gericht ist der Überzeugung, dass der Schiedsrichter das Spiel nach der Unterbrechung regelkonform angepfiffen und später wieder abgepfiffen hat.

Vor Ende des Spiels liefen 1500 Düsseldorf-Fans auf den Platz. Wieso war es nach Ansicht des Sportgerichtsvorsitzenden Hans E. Lorenz legitim, das Spiel wieder anzupfeifen?

Man beruft sich auf die Aussage von Schiedsrichter Wolfgang Stark. Die Polizei hat mitgeteilt, dass der Innenraum ordnungsgemäß geräumt wurde und die Sicherheit aller Beteiligten gewährleistet ist. Daraufhin hat Stark angegeben, 90 Sekunden nachzuspielen, und die wurden auch nachgespielt. Deswegen gab es für das Gericht keinen Ansatzpunkt, die Spielwertung anzugreifen.

Wie hat der Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt die Notwendigkeit eines Einspruchs begründet?

Er hat es geschickt gemacht und ein Plädoyer für den juristischen Laien gehalten. Er hat darauf hingewiesen, dass solche Vorkommnisse bestraft werden müssen und dass - da sind wir uns wohl alle einig - man nicht von einem regulär abgepfiffenen Spiel sprechen kann, wenn man danach so intensiv darüber diskutieren muss.

Weil dieser Fall im Regelwerk nicht berücksichtigt wird?

Ja, Schickhardt meinte, das Sportgericht müsste jetzt den Mut haben, diese Lücke zu füllen, um die Ereignisse zu sanktionieren. Man kann nicht von einem Gericht erwarten, dass es Lücken in der Verfahrensordnung des DFB auffüllt. Aber die sind sicherlich da.

Hertha hat auch damit argumentiert, dass die Spieler in Lebensgefahr gewesen seien.

Das war das letzte Nadelöhr. Was hätte Hertha anderes sagen sollen? Aus Sicht des Vereins ist die Frage: Vor wem hatten die Spieler eigentlich mehr Angst? Vor dem Unmut der eigenen Fans oder wirklich vor Fortuna-Fans, die letztlich den Aufstieg gefeiert haben?

Das Urteil sagt: Die von Hertha behauptete Schwächung durch die Unterbrechung konnte nicht belegt werden. Was heißt das konkret?

Das eigene Verhalten hat die Angst widerlegt. Wenn die Spieler nach dem Spiel so immens auf den Schiedsrichter losstürmen und ihn bedrängen, spricht nicht viel dafür, dass sie Angst gehabt haben. Hätte sich Hertha geweigert, das Spiel fortzusetzen, wäre das ein Indiz dieser sogenannten Todesangst gewesen. In der Beweisaufnahme haben einzelne Spieler gesagt, dass vor allem die südamerikanischen Spieler diese Angst gehabt haben sollen. Aber Torwart Thomas Kraft hat zum Beispiel auf diese Frage vom eigenen Anwalt gesagt: Was sei schon Angst, wohl sei ihm nicht gewesen. Jeder der befragten Spieler hat eigentlich gesagt, so richtig Angst habe er nicht gehabt, sondern nur der jeweils andere. Angst ist eine subjektive Wahrnehmung, die natürlich schwer zu beweisen ist. Aber da muss mehr kommen, um den Schiedsrichter zu widerlegen.

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Das DFB-Sportgericht unter dem Vorsitz von Hans E. Lorenz sah keinen "Einspruchsgrund" der Herthaner.

(Foto: dpa)

Hertha hätte ja auch noch das 3:2 schießen können.

Der hypothetische Verlauf ist irrelevant. Was wäre, wenn Sie einem Fünfjährigen eine Waffe in die Hand drücken und er steht vor der Bundeskanzlerin? Wissen wir auch nicht. Aber wir müssen die Eltern des Kindes nicht verurteilen, solange das Kind die Waffe nicht hat. So etwas interessiert nicht. Die 1,5 Minuten sind ordnungsgemäß nachgespielt worden, jetzt hat Hertha den Abstieg quittiert bekommen.

Wie streitbar ist das Urteil?

Meines Erachtens war die Berufung von Anfang an nur der dramatischen Situation der Berliner geschuldet. Was hätte der Verein anderes machen sollen, als Einspruch einzulegen? Andernfalls hätten Geschäftsführung und Aufsichtsrat innerhalb der eigenen Stadt enorme Konsequenzen zu fürchten gehabt. Sie haben einen Weg gesucht, den es so eigentlich nicht gibt.

Wie aussichtsreich ist der Widerspruch, den Hertha gegen das Urteil eingelegt hat?

Hans E. Lorenz

Zuletzt urteilte Lorenz auch in den Verhandlungen über den Kassenrollenwurf eines Fans von St. Pauli und bei der Randale von Dresdner Chaoten im Pokalspiel bei Borussia Dortmund. Beide Strafen - Pokalausschluss für Dynamo und Spiel unter Teilausschluss der Öffentlichkeit für St. Pauli - wurden vom DFB-Bundesgericht unter Götz Eilers später abgemildert. Lorenz sieht sich selbst nicht als "Vertreter einer sonderlich harten Kante", warnte aber im Prozess gegen Dresden Ende November angesichts der massiven Ausschreitungen mit drastischen Worten: "Nie war die Gewalt in unseren Fußballstadien größer als in diesem Jahr. Tote gab es noch nie in unseren Stadien. Wenn es so weiter geht, ist es nur eine Frage der Zeit."

Hertha muss das machen. Die Berufung wird mit Anwaltsgebühren 10.000 bis 15.000 Euro kosten, der Schaden durch einen Abstieg wäre deutlich größer. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das Urteil gekippt wird. Eins darf man eins nicht vergessen: Die Quote erfolgreicher Berufungen ist in der Sportgerichtsbarkeit deutlich geringer als in der staatlichen. Jeder Sportrichter ist beeinflusst durch ein Urteil, das in diesem Fall ein ausgewogener Experte wie Hans E. Lorenz trifft. In diesem Fall zu einem anderen Ergebnis zu kommen und Einfluss auf die Klassenzusammensetzung im nächsten Jahr zu nehmen, diesen Mut bringt nicht jeder Richter auf, selbst wenn er davon überzeugt wäre, dass das Urteil ein Fehler wäre. Ich kann mir das nicht vorstellen. Mit fortschreitenden Instanzen werden die Chancen immer geringer.

Wie sind die zeitlichen Dimensionen, wenn Hertha vor das Bundesgericht und vielleicht sogar vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne zieht?

Beim DFB ist man bei Berufungen sehr schnell, das könnte in der nächsten Woche abgeschlossen sein. In Lausanne würde es länger dauern. Da müsste man von einer Verfahrensdauer von sechs Wochen bis zu vier Monaten ausgehen. Wahrscheinlich nehmen die Herthaner die Berufung noch mit, aber mit Lausanne tun sie sich selbst keinen Gefallen. So lange können die gar nicht zweigleisig planen.

Wie groß ist der Schaden für die Liga?

Der dürfte enorm sein. Ich glaube, dass bei Fortuna Düsseldorf die Aufstiegseuphorie gebremst wird. Viele Eltern, die mit Kindern ins Stadion gehen - und das sind zuletzt immer mehr geworden - werden sich jetzt überlegen, ob sie das noch machen wollen. Dazu kommen noch die Strafen gegen die Spieler, die sich daneben benommen haben. Was als Fußballfest geplant war, ist ein Debakel für die Bundesliga geworden.

Inwiefern hat das Urteil Signalwirkung?

Die Signalwirkung geht von den Strafen aus: für die Platzstürmung, das Brennen von Bengalos und für die angesprochenen Spieler.

Wie effizient sind solche Strafen, wenn Sie den Verein treffen, aber nicht die Leute, die da auf den Platz gerannt sind oder gezündelt haben?

Grundsätzlich hat der Verein ja Regressansprüche gegenüber demjenigen, der ihm Schaden zufügt. Es kann aber nicht Aufgabe des DFB sein, die Täter ausfindig machen. Das müssen die Vereine machen, so schwer das auch sein mag. Deswegen ist es gerecht, in einem ersten Schritt zunächst den Verein in die Verantwortung zu nehmen. Natürlich muss der dann auch die Täter zur Rechenschaft ziehen.

Aber wie soll Fortuna Düsseldorf die 1500 Menschen ausfindig machen, die den Rasen gestürmt haben, um sie dann so zu bestrafen, dass sie so etwas nicht noch einmal machen?

(Lacht) Ja, das ist eine gute Frage. Glücklicherweise waren ja manche der Leute so blöd, dass sie Rasenstücke in die Kameras gehalten haben. Grundsätzlich sollte man sich mal fragen, ob viele Vereine nicht zu viel Verständnis für ihre Fans zeigen. Das, was sich viele, vor allem die Ultras, herausnehmen, ist schon enorm.

Als bekennender Düsseldorf-Fan können Sie ja jetzt feiern.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Mir ist die Lust wirklich vergangen. Entscheidungen am grünen Tisch sind immer blöd. Das ist, wie wenn Sie nach einem Dopingfall fünf Monate später die olympische Goldmedaille per Post zugeschickt bekommen. Da macht keiner mehr einen Autokorso.

Ist das für Hertha jetzt so etwas wie ein Abstiegs-Mythos, eine Art Dolchstoßlegende?

Ja, das kann man so sagen. Es könnte sein, dass sich einige der Verantwortlichen bei Hertha so noch in die nächste Saison retten, weil man den Schwarzen Peter jetzt immer der viel zitierten "Fußballmafia DFB" zuschieben kann. Der Umstand, das mit Wolfgang Niersbach ein Fortuna-Fan DFB-Präsident ist, gibt solchen Parolen natürlich Futter.

Mit Siegfried Fröhlich sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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