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Der "Ennatz" ist ein richtig feiner Kerl. Sagte einst der Kaiser.
Der "Ennatz" ist ein richtig feiner Kerl. Sagte einst der Kaiser.(Foto: imago/Pfeil)
Donnerstag, 22. März 2018

"Ennatz" Dietz wird 70: Ein Kerl nach Beckenbauers Geschmack

Von Ben Redelings

Auf dem Feld gab er immer alles, weil er seine Kameraden "nicht in die Pfanne hauen" wollte. Seine vorbildliche Einstellung und sein Fleiß haben Bernard "Ennatz" Dietz zum Fußball-Europameister gemacht. Aber er ist noch so viel mehr.

Franz Beckenbauer hat Bernard Dietz einst einen "feinen Kerl" genannt und damit genau das gesagt, was diesen Mann am besten beschreibt. Wie Dietz, den alle nur "Ennatz" rufen, tickt und denkt, drückt ein schöner Satz auf besondere Art und Weise aus. Der ehemalige Bundesligaspieler des MSV Duisburg und des FC Schalke 04 und Europameister von 1980 meinte: "Ich habe davon geträumt, einmal ein Kopfballduell gegen Uwe Seeler zu gewinnen." Am Ende seiner langen Karriere hatte er nicht nur das geschafft, sondern so viel mehr.

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Schon in jungen Jahren war Dietz ein glühender Fan und selbst Spieler bei Bockum-Hövel: "Für mich war Fußball alles. Spielten wir nicht, fuhr ich nach Dortmund oder Schalke. Um ja nichts zu verpassen, habe ich in der Kampfbahn Rote Erde in den Bäumen gesessen." Er war und ist ein Fanatiker, genau wie die Fans oben auf der Tribüne, und das sah man auch stets unten auf dem Platz.

Sein Motto: "Ich versuche immer, mein Bestes zu geben, und kämpfe in jedem Spiel bis zur Erschöpfung. Das bin ich den Leuten schuldig, die ihr Eintrittsgeld dafür bezahlen. Auch nach einem verlorenen Spiel muss man guten Gewissens sagen dürfen: An mir kann es nicht gelegen haben." Wenn jemand an diesen Grundfesten seines Denkens rüttelte, konnte auch der ansonsten eher zurückhaltende Ennatz Dietz aufbrausend werden. Eines Tages regte er sich einmal fürchterlich über das Urteil seines Trainers Kuno Klötzer auf: "Er kann sagen, ich hätte schlecht gespielt. Er kann sagen, ich hätte dumm gespielt. Aber mangelnder Einsatz? Für einen wie mich ist das ein Todesurteil."

Vier Tore gegen die Bayern

Eine Sternstunde erlebt Dietz am 14. Spieltag der Saison 1977/1978. Beim legendären 6:3 des MSV gegen die Bayern schoss Ennatz vier Tore. Eine souveräne Leistung. Doch es ging auch anders. In der Spielzeit 1981/82 verwandelte Dietz zwar den entscheidenden Foulelfmeter gegen Nationalkeeper Schumacher bei einem 1:0-Sieg der Duisburger gegen Köln. Doch hinterher verblüffte der MSV-Profi die Journalisten mit einer erstaunlich ehrlichen, wie komischen Aussage: "Der Toni hat mir nur in die Augen geguckt, aber nervös konnte er mich damit nicht machen. Das große Flattern hatte ich ja schon vorher!"

Der "Ennatz" ein Zebra durch und durch.
Der "Ennatz" ein Zebra durch und durch.(Foto: imago/Eibner)

Beim VfL Bochum werden sie nie die Jahre vergessen, als Bernard Dietz dem Nachwuchs und schließlich den Profis als Trainer den rechten Weg wies. Eine seiner ersten Maßnahmen: "Ich ärgere mich immer über dieses Trikot-Zerren. Also habe ich in Bochum einmal 30, 40 Tennisbälle gekauft. Dann mussten die in jede Hand einen nehmen, und wir haben gespielt."

Einer seiner Spieler damals beim VfL ist der heutige Sportvorstand Sebastian Schindzielorz. Eine Szene mit ihm aus dem Jahr 1998 hat Dietz nie vergessen: "Ach, hör mir auf mit dem Schindzielorz. Der hat sich doch in die Hose gemacht. Der wollte nie in seinem Leben einen Elfmeter schießen. Meine Frau ist fast in Ohnmacht gefallen, als der Reporter damals beim Pokalspiel in Lautern nach der Verlängerung seinen Namen genannt hat. Zwei Wochen vorher hat der sich noch in meiner Wade verbissen, als er bei den Amateuren dran sollte: ‚Bitte, Trainer, nehmen Sie einen anderen. Bitte, ich kann das nicht!’ Und dann macht der im DFB-Pokal mit der ersten Mannschaft die Bude. Eiskaltes Ding! Meiner Frau sind die Tränen gekommen. Wir sind dann voller Rührung gleich ab ins Bett. War ja spät geworden. Mitten in der Tiefschlafphase klingelt um drei Uhr morgens das Telefon. Schindzi am Apparat - ganz cool: ‚Trainer, war das so richtig?!’ Wirklich ein feiner Junge!"

Den "Slawo" einfach vergessen

Auch an einen anderen Bochumer erinnert sich Dietz noch genau: an Ex-Nationalspieler Paul Freier: "Also, der Junge ist ja ein Riesenfußballer, aber mit dem Schießen …! (Dietz kneift die Augen zusammen und wackelt mit dem Kopf.) Da hab ich ihn nach dem Training mit meinem Assistenten auffem Platz gelassen. Spannschusstraining. Immer wieder Spannschüsse sollte er üben. Bis ich wiederkomme. Irgendwann klopft es an der Tür. Ein Mitspieler vom Slawo steht schwitzend vor mir und meint unsicher: 'Trainer, der Slawo ist immer noch draußen und schießt aufs Tor. Wollten Sie den nicht reinholen?' Ich guck auf die Uhr und denk Scheiße. Da haben die zwei Stunden Spannschusstraining gemacht. Ohne zu murren. Der Slawo hatte am nächsten Tag dicke Oberschenkel. Junge, Junge. Der hat mich eine Woche nicht gegrüßt!"

Irgendwann wollte Dietz nicht mehr Trainer bei den Profis sein, sondern lieber wieder zu den Amateuren. Seine Begründung von damals ist heute bereits eine gefeierte Legende: "Wenn ein 16-Jähriger, der mit Ach und Krach unfallfrei den Ball stoppen kann, mit drei Beratern erscheint, um einen Millionenvertrag auszuhandeln, ertrage ich das einfach nicht." Sie passt konsequent zu Dietz' Satz: "Profifußball lenkt mich ab von dem, was mir am Fußball eigentlich Spaß macht."

Verzicht auf Abfindung

Viele erklärten Dietz für verrückt, als er seinen gut dotierten Posten als Cheftrainer aufgab und fragten, warum er sich nicht wie alle anderen habe feuern lassen, um die Abfindung zu kassieren - doch Dietz antwortete nur: "Das kann ich nicht. Ich habe von meinen Eltern gelernt: Wenn ich etwas bekomme, muss ich etwas zurückgeben." Sätze aus einer anderen Zeit von einem Mann, den es so im heutigen Fußball nicht mehr geben könnte. Und das sagt viel über Ennatz Dietz, aber noch viel mehr über den Fußball aus. Denn Dietz meinte stets, was er sagte: "Ich würde auch Fußball spielen, wenn ich dabei nicht viel verdienen könnte. Ohne Fußball könnte ich gar nicht mehr auskommen."

Auch wenn er bei anderen Vereinen angestellt war, sein Herz schlug stets - und tut es immer noch - am heftigsten für die Zebras des MSV. Und so ist auch sein Satz gemeint: "Ich werde immer wahnsinnig, wenn ich Duisburger mit einem Schalke-Wimpel in Richtung Gelsenkirchen fahren sehe." Heute wird Bernard "Ennatz" Dietz 70 Jahre jung. Die allerliebsten Glückwünsche von ganzem Herzen und ein dreifaches Glück auf für einen Mann, den man als Fußballfan gerne elfmal für sein eigenes Team klonen möchte: "Im Spiel habe ich immer Angst, dass ich die zehn anderen in die Pfanne haue, wenn ich nicht vor meinem Gewissen mein Bestes gegeben habe."

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Quelle: n-tv.de