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Leiser Abschied vom FC Bayern Ein letztes Mal Frust für Jérôme Boateng

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Jérôme Boateng ist nicht mehr glücklich beim FC Bayern - dafür

(Foto: imago images / Lackovic)

Dass Jérôme Boateng in der kommenden Saison noch Bayern-Fußballer ist - unwahrscheinlich. Mit teuren Investitionen haben die Münchener ihre Abwehr-Zukunft längst neu geplant. Trotz fast 300 Bayern-Spielen: Einen großen Abschied wird Boateng kaum bekommen.

Jérôme Boateng ist immer noch eine mächtige Erscheinung. Als der Abwehrspieler am Freitagvormittag in Berlin den Mannschaftsbus des FC Bayern verlässt, mit auffälliger Sonnenbrille, mit tiefblauem Maßanzug, mit aufrechtem Gang, mit selbstbewusster Mimik, da blitzt es kurz wieder auf, dieses unerschütterliche Charisma des Heldengrätschers von Rio, des kolossigen Abwehrchefs im Verein und in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Wer Boateng in diesem Moment sieht, der traut dem 30-Jährigen im DFB-Pokalfinale am Samstag (ab 20 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen RB Leipzig noch immer eine große Rolle zu, eine Heldenrolle. Nur, zugedacht ist die ihm nicht. Und das schon länger nicht mehr. Boateng gehört beim FC Bayern nur noch die Zweitbesetzung in der Abwehrzentrale, im DFB-Team hält ihn der Bundes-Löw als routinierte Umbruchstütze sogar für vollends verzichtbar.

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Und auch wenn sie beim FC Bayern fassungslos auf den Anfang März überraschend verordneten Ruhestand reagierten - neben Boateng, traf es auch Mats Hummels (noch Erstbesetzung beim FC Bayern) und Thomas Müller (ebenfalls noch Erstbesetzung) - so einig scheinen sie sich mit dem Bundestrainer über die fehlende Umbruchtauglichkeit des Innenverteidigers. Denn auch in München steht Boateng vor dem Aus. Ein Grund dafür sind die vielen Verletzungen, die sein geschundener Körper wieder und wieder aushalten und ausheilen muss, und die eine konstante Topform nicht mehr zuzulassen scheinen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, ist der Abgang des Hünen bereits seit März beschlossene Sache. Es ist eine Nachricht, deren "Sprengstoff-Potenzial" allerdings gen Null tendiert. Denn mit der Verpflichtung der beiden französischen Weltmeister Benjamin Pavard (teuer) und Lucas Hernández (sündhaft teuer), die sie dem wohl gesetzten Niklas Süle zur Seite stellen wollen, haben die Münchener ihre Zukunft in der Abwehr längst neu geplant, und zwar an der Personalie Boateng vorbei.

Einsatzzeit in den wichtigen Spielen fehlt

Süle gilt nicht nur im Klub, sondern auch in der DFB-Elf als der kommende Chef. Bislang stand ihm im Verein noch vorwiegend Hummels zur Abwehrseite, der zweite Heldengrätscher von Rio. Auch im Pokalfinale jedenfalls werden die beiden versuchen, sich der Umschaltwucht der Leipziger um den vom FC Bayern umworbenen Timo Werner erfolgreich entgegenzustemmen. Aber wie es Hummels danach in München weitergeht, ist derzeit nicht klar.

Klar ist nur: Boateng wird sich bereits im Pokalfinale das ganze Wirken von der Bank ansehen müssen. Wieder einmal. Der Ex-Weltmeister und Ex-Nationalspieler ist in München in dieser Saison immer mehr ins Abseits geraten - mit zunehmend steigendem Frustpegel. "Als Fußballer wünschst du dir, dass du gerade in den wichtigen Spielen mehr spielst", sagte er zuletzt. Im emotionalen Abschieds-Wahnsinn um Franck Ribéry und Arjen Robben (und ein bisschen auch um Rafinha) wird Boateng gerade ein bisschen vergessen. Klar, sein Vertrag läuft auch nicht aus, er endet erst 2021. Laut "Kicker" soll der gebürtige Berliner aber um die Auflösung seines Vertrages gebeten haben. Weil er dann aber ablösefrei wäre, werden die Bayern dem Wunsch kaum nachkommen. Die Signale deuten dennoch auf Trennung - wenn ein Klub im Sommer genügend Geld offeriert.

Spannend wie der neueste Wetterbericht

Die Erfolge von Jérôme Boateng

  • Weltmeister 2014
  • U21-Europameister 2009
  • Deutscher Meister 2013, 2014, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019
  • Champions-League 2013
  • DFB-Pokal 2013, 2014, 2016
  • Fifa-Klub-Weltmeister 2013
  • Uefa Super-Cup-Sieger 2013
  • DFL-Supercup 2012, 2016, 2017, 2018
  • Deutschlands Fußballer des Jahres 2016

Boateng selbst, so scheint es, hat sich vom Klub mit dem er unter anderem sieben Meisterschaften, drei DFB-Pokal- und einen Champions-League-Sieg feierte, bereits distanziert. Und es ist ihm augenscheinlich auch nicht daran gelegen, seine Gefühle unter Verschluss zu halten. Als seine Mitspieler vergangenen Samstag die siebte Meisterschaft in Folge ausgelassen vor der Fankurve in der heimischen Allianz Arena feierten, saß der Abwehrchef a.D. am Mittelkreis mit trübem Blick und seinen "Engeln" Lamia und Soley am Fuße des Meisterpodests. Kurz darauf pöhlte er mit den Zwillingsschwestern ein bisschen, dann verließ er als erster Bayern-Spieler den Rasen - die Party war da noch in vollem Gange. Bei Instagram postete er ein Foto von sich und den beiden Töchtern mit dem Kommentar "der beste Weg einen Titel zu feiern ist mit meinen Mädchen". Der Sportinformationsdienst schrieb zu der Szene: "Boateng registrierte seine siebte deutsche Meisterschaft ähnlich achselzuckend wie den neuesten Wetterbericht."

Auch bei der Übergabe der Schale hielt er sich im Hintergrund. Bei der abendlichen Feier am Nockherberg stand er nicht mit dem Team auf dem Balkon. Laut "Bild" soll er in Absprache  mit dem Klub die Hochzeit seines besten Freundes besucht haben. Nachdem er beim titelbringenden 5:1 gegen Eintracht Frankfurt erneut 90 Minuten auf der Bank gesessen hatte, sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic: "Ich weiß, wie sich Jérôme fühlt. Wir haben 19 Jungs und jeder von denen kann spielen." Boateng, so viel scheint sicher, wird dies künftig nicht mehr in München tun. Es wird nach 286 Spielen ein leiser Abgang. Ausgerechnet in seiner Heimatstadt. In Berlin.

Quelle: n-tv.de

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