Fußball

Hannes Linßen zum 70. Geburtstag Eine kuriose Trainerlaufbahn voller Pflegefälle

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Beim FC Gütersloh erwarteten Hannes Linßen eine Vielzahl an sehr speziellen Fällen. Es sollte für ihn ein wahres Himmelfahrtskommando werden.

Der Name Hannes Linßen wird nicht jedem Fußballfan geläufig sein. Dabei hat der ehemalige Bundesligaspieler und spätere Trainer eine bewegte Karriere mit sehr speziellen Momenten hinter sich. Eine Sache aber wird er wohl nicht mehr (auf-)klären können!

Hannes Linßen ist schon immer ein Mann für die speziellen Fälle gewesen. So auch am 2. September 1984 nach dem DFB-Pokalspiel seiner Kölner Fortuna gegen den MSV Duisburg. Die "Bonner Rundschau" schrieb damals wenige Tage später: "Keiner merkte es. Offensichtlich zum ersten Male ist es einem Fußballspieler (aus Duisburg) gelungen, sich während eines Spiels unbemerkt vom drückenden Darminhalt zu befreien. Ort: Das Südstadion beim Spiel Fortuna gegen Duisburg. Die Spuren seiner Notdurft sichteten Fortuna-Mäzen Löring und Trainer Linßen bei der Platzbegehung." Ob es tatsächlich das erste Mal gewesen ist, dass sich ein Spieler auf dem Platz auf diese Weise erleichterte? Man weiß es nicht. Genau wie im nächsten Fall - in dem Hannes Linßen die Hauptfigur spielt.

Bis heute hält sich hartnäckig die Legende, dass Hannes Linßen - zu diesem Zeitpunkt Profi beim MSV Duisburg - der erste Spieler gewesen sein soll, der in einer Bundesligapartie eine Gelbe Karte gezeigt bekommen hat. Und zwar am 22. Januar 1971 beim Spiel von Rot-Weiß Oberhausen gegen seine Meidericher. Im Sommer zuvor hatte der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher bei der WM in Mexiko die neueingeführte Karte erstmals dem Nationalspieler Kachi Assatiani aus der Sowjetunion präsentiert. Das kann man anhand von TV-Bildern einwandfrei nachweisen. Doch von dem Akt im Januar 1971 in Oberhausen fehlen nicht nur jede Art von Bildern, es gibt auch keine Aufzeichnungen über das Vergehen.

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Damals hat man diese Karten noch nicht geordnet protokolliert. Dennoch glaubt man rekonstruieren zu können, dass Schiri Horst Bonacker der Erste gewesen sei, der in einer Bundesligabegegnung den Gelben Karton zückte. Doch da Linßen der Mann für die speziellen Fälle ist, gibt es noch eine weitere Randnotiz zu dieser Geschichte. Denn interessanterweise war Linßen - so viel weiß man - damals noch nicht einmal der wahre Übeltäter. Eigentlich hatte sein Teamkamerad Djordje Pavlić wegen Meckerns die Verwarnung verdient gehabt. Dass sich diese Legende bis heute hält, kann übrigens damit zusammenhängen, dass Hannes Linßen zwei Jahre später in der Spielzeit 1973/74 bemerkenswerte elf Gelbe Karten anhäufte. Dies war damals Grund genug für den DFB-Spielausschuss, nach drei Verwarnungen eine automatische Sperre vorzuschlagen. Doch der Vorstoß wurde erst einmal abgelehnt. Erst sechs Jahre später entschlossen sich die Männer in Frankfurt dazu, nach vier gelben Karten eine Sperre auszusprechen.

"Krusty - der Clown"

Nach seiner Zeit in Duisburg ging Hannes Linßen für zehn Jahre und über 300 Spiele zu Fortuna Köln. Und dort blieb er auch direkt nach seiner aktiven Karriere. Von heute auf morgen wechselte er die Position. Aus dem Spieler wurde der Trainer Linßen. Als er 1984 seinen ehemaligen Mannschaftskameraden erklären musste, warum für sie kein Platz mehr im Team sei, begann für Linßen eine spannende, aber auch lehrreiche Phase seiner Karriere - die ihren ersten Höhepunkt im Sommer 1986 erreichen sollte. Nach einem 2:0 im ersten Spiel der Aufstiegsrelegation gegen Borussia Dortmund, hieß es im Rückspiel im Westfalenstadion Sekunden vor Schluss nur 2:1 für den BVB. Zu wenig für die Dortmunder um die Klasse zu halten. Erstmals nach der Saison 1973/74 stand zu diesem Zeitpunkt die Fortuna dagegen mit anderthalb Beinen wieder in der ersten Fußball-Bundesliga - doch dann kam bekanntermaßen Jürgen Wegmann, genannt die "Kobra", und bugsierte die Kugel zum 3:1 über die Linie. Statt Aufstiegsfeier gab es nun ein Entscheidungsspiel, bei dem die Borussia der Fortuna keine Chance ließ. Ein bitterer Moment nicht nur für Hannes Linßen.

Im Sommer 1989 kam es allerdings fast noch herber für die Fortuna. Damals sah sie drei Spieltage vor Saisonende - bei noch zwei ausstehenden Heimpartien - wie der sichere Aufsteiger aus. Doch nachdem man die nächsten beiden Spiele verlor, half auch ein abschließender Heimsieg nichts mehr. Der Gang rauf in die erste Liga missglückte. Die Fortuna beendete die Spielzeit auf einem enttäuschenden vierten Tabellenplatz.

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Gerüchten zufolge sollen sich die Leute aus den USA sogar den deutschen Trainer zum optischen Vorbild für ihre Figur "Krusty – der Clown" genommen haben.

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

TV-Kommentator Rolf Töpperwien beschrieb das Aussehen des Mannes aus Wachtendonk einmal so: "Das ist Hannes Linßen, der immer eine Sturmfrisur hat - egal wie das Wetter ist." Andere vergleichen Linßen mit einer Figur aus der Zeichentrickserie "Die Simpsons". Gerüchten zufolge sollen sich die Leute aus den USA sogar den deutschen Trainer zum optischen Vorbild für ihre Figur "Krusty - der Clown" genommen haben. Vermutlich ist an diesem Gerücht nichts dran - aber gänzlich ausgeschlossen werden kann es auch nicht, wenn man einmal die Bilder der beiden nebeneinander legt.

Eine "Ansammlung von Pflegefällen"

Die Kölner Fortuna übernahm Hannes Linßen insgesamt dreimal, bevor es in den Jahren 1996 bis 1998 zum finalen Abenteuer seiner Trainerlaufbahn kam. Beim FC Gütersloh erwarteten Linßen eine Vielzahl an sehr speziellen Fällen. Es sollte für ihn ein wahres Himmelfahrtskommando werden. Er selbst prägte für seinen außergewöhnlichen Kader die Beschreibung: eine "Ansammlung von Pflegefällen". Angeführt von Ansgar Brinkmann, dem weißen Brasilianer, über Willi Landgraf ("Wenn du nicht Willi heißen würdest, hättest du kein einziges Zweitligaspiel gemacht", Linßen) bis hin zu Dirk van der Veen fand Linßen im westfälischen Gütersloh einen legendär-verrückten Haufen vor. Eine Truppe, die aufgrund ihrer Skandaldichte fast schon untrainierbar war. Eine Geschichte aus dieser Zeit erzählte Linßen einmal für das Buch "Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich" von Ansgar Brinkmann. Als er seinem extrovertierten Spieler empfahl, sich aufgrund seiner Geldprobleme vielleicht doch lieber ein kleineres Auto, beispielweise einen Golf, zuzulegen, kam der weiße Brasilianer am nächsten Tag prompt mit einem "riesigen weißen BMW" vorgefahren und meinte freudestrahlend zum Coach des FC Gütersloh: "Trainer, seien Sie doch mal ehrlich, zu mir passt kein Golf oder?"

Auch Dirk van der Veen sorgte für Aufruhr. Einmal blieb er über Karneval drei Tage komplett verschollen und tauchte dann urplötzlich und unerwartet und völlig derangiert aussehend wieder auf. Auf die Frage von Linßen, warum denn sein rechtes Ohr so schwarz sei, antwortete van der Veen: "Oh, das. Das kann ich erklären. Ich bin die letzten Tage als Kuh gegangen!" Nach zwei überaus turbulenten und anstrengenden Jahren gab Linßen schließlich in Gütersloh auf. Nun feiert Hannes Linßen nach einem bewegten Leben im Fußball seinen 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, alles Gute und Glück auf!

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Quelle: n-tv.de

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