Fußball

BVB pokert nur noch vier Tage Eine wunderliche Erkenntnis im Fall Sancho

faece1357e2ab5486e8c6bf923549d6a.jpg

Jadon Sancho hat offenbar immer noch Spaß beim BVB.

(Foto: imago images/Xinhua)

Um in der Bundesliga womöglich doch um die Meisterschaft mitzuspielen, würde es dem BVB sicher helfen, wenn Jadon Sancho bliebe. Und die Chancen stehen offenbar so nicht schlecht. Entgegen allen Gerüchten scheint das Werben von Man United gar nicht so offensiv.

Man kann den Druck ja auch einfach mal weitergeben. Unter der erdrückenden Last der Gerüchte und aufgewühlt von der Attacke von Uli Hoeneß platziert Borussia Dortmund eine knackige Botschaft. Für Jadon Sancho, das englische Supertalent, das so umworben sein soll, hat es "nie ein Angebot gegeben", sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der "Süddeutschen Zeitung". Nicht aus Manchester, nicht von United. Der Gerüchte-Hagel, nichts weiter als der übliche Wahnsinn. Und so geht man beim BVB davon aus, dass der 20-Jährige nicht nur am Montag mit ins Trainingslager nach Bad Ragaz fährt, sondern auch davon, dass Sancho noch mindestens eine Saison beim Vizemeister der Fußball-Bundesliga bleibt.

Als letzte gesprochene Sätze in diesem medial kurios befeuerten Transfertheater sind diese Sätze indes nicht zu verstehen. Eine kleine Zitterpartie gönnen sich die Borussen nämlich noch. Denn das ersehnte "rien ne va plus" gilt erst Montag, wenn es für die Mannschaft von Coach Lucien Favre in die Schweiz geht. Nach dem Aufbruch ins Trainingslager werde es "keinen Sancho-Wechsel mehr in dieser Saison geben", bekräftigt Watzke. Sollte United - das als Hauptinteressent gilt - den englischen Nationalspieler noch verpflichten wollen, dann hurtig ans teure Werk! Die von Dortmund einfach mal prophylaktisch ausgerufenen (so Watzke) 120 Millionen Euro gelten weiter als Preis, der an der Transferkasse gezahlt werden muss. Corona-Rabatt ausgeschlossen.

Eine hohe Hürde. Eine womöglich zu hohe für die Red Devils. In den englischen Medien changieren die Berichte zwischen "nicht zu stemmen" und "Ratenzahlung". Bisweilen wird sogar von "Androhungen" berichtet, dass United lieber einen anderen Spieler verpflichten möchte. In Dortmund werden sie mit solchen Gedankenspielen aus Manchester gut leben können. Denn die Notwendigkeit zum Verkauf, die besteht ja nicht. Trotz drohender Verluste im Zuge der Corona-Krise. Und weil sie beim BVB überzeugt sind, dass der Engländer (trotz ein paar Flausen) weder die Bockigkeit von Pierre-Emerick Aubameyang in sich trägt noch die Ungezogenheit eines Ousmane Dembélé, fürchten sie auch keine neue Streik-Posse. "Ich erwarte keine Schwierigkeiten. Jadon hat das akzeptiert, er ist ein sehr angenehmer, fairer Typ", erklärt Watzke.

Auch ein Statement gegen Uli Hoeneß

Ein Verbleib des 20-Jährigen dürfte dem BVB auch als sportliches Statement gegen Uli Hoeneß entgegenkommen. Der Ehrenpräsident des FC Bayern hatte den Dortmundern in einem wuchtigen Alleingang über die "FAZ" mitgeteilt, dass ihre vielerorts als modellhaft bewertete Strategie, Fußballtalente zu sichten, zu entwickeln und teuer zu verkaufen, "unklug" sei. "Wenn Dortmund einen hochtalentierten Spieler kauft und er gut spielt, kann man wenige Monate später entweder aus dem Klub selbst oder von außerhalb hören, dass er irgendwann ein Verkaufsobjekt darstellen wird", wunderte sich Hoeneß. "Wie soll ein Spieler die DNA eines Vereins hundertprozentig aufsaugen, wenn er das Gefühl hat, ein Verkaufsobjekt zu sein?" Dass es das beim FC Bayern, bei seinem FC Bayern, nicht gebe, sei dann ein womöglich auch titelentscheidender Unterschied.

Bei den Borussen reagierten sie auf diesen patronalen Wespentisch aus München mit heftigem Jucken. "Ich finde die Aussagen ziemlich arrogant. Wenn man jedes Jahr 250 Millionen Euro mehr in der Tasche hat, lässt es sich mit vollen Hosen gut stinken", schimpfte Sportdirektor Michael Zorc. Und es ging auch noch deutlicher. "Karl-Heinz Rummenigge und ich bemühen uns seit Jahren darum, dass die größten deutschen Klubs ein respektvolles Verhältnis miteinander pflegen", befand Watzke gegenüber der "Bild"-Zeitung: "Ich finde es sehr schade, dass in regelmäßigen Abständen versucht wird, dies zu unterwandern."

Der sich stetig wiederholende Abgang von Talenten und Leistungsträgern hat die Dortmunder in der Vergangenheit tatsächlich regelmäßig geschmerzt. Das meist teure Transfer-Trostpflaster schaffte aber auch immer neue Möglichkeiten zum erfolgreichen Umbau des Kaders. Nur dem herausragenden Ruf des Klubs als Talente-Trampolin ist es zu verdanken, dass Spieler wie Sancho, wie Erling Haaland und nun Jude Bellingham das Trikot des BVB tragen. Dass die Münchner beim Buhlen um die Top-Talente im Duell mit Dortmund erneut unterlagen, könnte nach Meinung des ehemaligen BVB-Torhüters Roman Weidenfeller auch ein Grund für die überraschende Kritik von Hoeneß gewesen sein: "Da scheint der Frust mal wieder tief zu sitzen, dass sich Jude Bellingham gegen die Bayern und für den BVB entschieden hat."

Zorc widerspricht Hoeneß' Sancho-Aussage

Dem Vernehmen nach hatte sich auch der Rekordmeister um den erst 17 Jahre alten Mittelfeldspieler von Birmingham City bemüht. Ähnlich war es den Bayern schon 2017 bei Sancho ergangen. "Mit Sancho war bei uns alles klar, aber im letzten Moment entschied er sich für Dortmund", verkündete Hoeneß. Diese Behauptung bezeichnete Zorc als "de facto falsch". So waren sich die Borussen schon vorher mit dem im Eiltempo zum Star gereiften Flügelstürmer einig, der in der vergangenen Saison in 32 Spielen mit 17 Toren und ebenso vielen Vorlagen endgültig zur größten Attraktion der Bundesliga aufstieg. Und der gemeinsam mit dem erst im Winter nachverpflichteten Haaland neue (noch unerfüllte) Titelträume beim BVB hatte reifen lassen. Auch wenn diese offiziell nicht mehr ausgesprochen werden.

"Wir werden offiziell kein Ziel mehr ausgeben", hatte Watzke Ende Juni in einer Medienrunde gesagt. Und das geschehe nicht, "weil wir keines haben". Es ist eine Lehre aus der letzten Saison, als die Ambition auf die Meisterschaft offen ausgesprochen wurde. Als sie aber vor allem in einer wackligen Hinrunde kaum nachdrücklich zementiert wurde - begleitet von Kritik und Spott. Vor allem nach den Peinlichkeiten gegen die Aufsteiger Union Berlin und SC Paderborn sowie einige späte Kontroll- und Punktverluste. Darauf reagierte Watzke in der Medienrunde ebenfalls absolut: "Ich spiele dieses Spiel nicht mehr mit." Gespielt wird beim BVB natürlich weiter. Aber nur noch auf dem Platz - und vier Tage am Pokertisch.

Quelle: ntv.de