Fußball

Fußball-Zeitreise, 15.12.2008 Englands irrer Dschungelcamp-Sieger

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"Bei meinem Aussehen bleibt einem nichts anderes übrig, als mit der eigenen Frau über Fußball zu sprechen": Harry Redknapp.

(Foto: imago/Action Plus)

Im Alter von 71 Jahren hat der ehemalige Trainer Harry Redknapp vor ein paar Tagen die englische Ausgabe des Dschungelcamps gewonnen. Wer seine bewegte Geschichte kennt, den kann das nicht verwundern. Denn Harry Redknapp ist wahrlich ein Mann des Wortes.

Vor genau zehn Jahren sorgte Harry Redknapp in seiner Heimat für Wirbel. Nach wenigen Wochen als Trainer der Tottenham Hotspurs offenbarte er der Insel-Presse schonungslos ehrlich, dass mit dieser Mannschaft kein Blumentopf zu gewinnen sei. Der Mann, der für seine offenherzige Art bekannt ist, eckte damit in seinem neuen Verein ordentlich an. Doch Redknapp wäre nicht Redknapp, hätte er nicht im selben Atemzug versprochen, die White Hart Lane nicht zu verlassen, ehe der Klub in die Champions League eingezogen sei.

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"He’s got a face like a ballbag."

(Foto: imago/PA Images)

Einem breiten Publikum außerhalb des Fußballkosmos stellte sich Redknapp in den vergangenen drei Wochen vor - und das sehr erfolgreich. Er gewann die englische Ausgabe des Dschungelcamps bravourös. Vor allem seine Geschichten und Anekdoten aus seiner Zeit als Trainer kamen beim TV-Publikum prima an. Und das ist in der Tat kein Wunder, wenn man sich einmal näher mit der bewegten Historie des Mannes aus London befasst. Redknapp ist ein Mann des Wortes. Als Assistenztrainer bei West Ham United fackelte er im Jahr 1994 nicht lange, als ein Fan über 45 Minuten seinen Spieler Lee Chapman beleidigte. Redknapp baute sich vor dem stämmigen, sehr kurzhaarigen Nörgler auf und sagte zu ihm: "Was ist? Meinst du, deine Qualitäten auf dem Platz sind genauso groß wie deine Klappe?" Verunsichert schaute der West-Ham-Supporter namens Steve Davies (wie sich später herausstellte) den Assistenztrainer an.

Doch der ließ dem Meckerfritzen nicht einen Moment Zeit, um durchzuatmen: "Komm, zieh dich um. Du spielst gleich. Das war es doch, was du wolltest!" Als der völlig verwirrte Fan schließlich im Trikot aus der Kabine kam, fragte ein Journalist nach dem Namen des Neuzugangs. Redknapp blaffte ihn ohne einen Hauch von Ironie an: "Hast du nicht aufgepasst bei der WM? Das ist der fabelhafte Bulgare Tittyschev." Für Davies wurde es der mutmaßlich größte Tag seines Lebens. Und als er in der 71. Minute dieses Testspiels in Oxford sogar das Tor traf, schien es für einen Augenblick, als ob die Zeit stehen bliebe. Bis zu dem Moment, als der Schiedsrichter den Treffer als Abseitstor zurückpfiff. Redknapp hat Jahre später einmal gesagt, dass er gehofft habe, das Großmaul würde gut spielen. Denn vorführen wollte er ihn nicht, den jungen Mann mit den West-Ham-Tattoos und der großen Klappe. Möglicherweise hat genau diese unglaubliche Geschichte dazu geführt, dass Redknapp wenige Tage darauf zum Cheftrainer befördert wurde.

Handfest und zuverlässig

Doch so genau weiß man bei dem Onkel von Frank Lampard nie, woran man ist. Außer vielleicht seine Ehefrau, mit der Redknapp auch zu Hause im Bett über die taktische Ausrichtung philosophiert. Nicht ganz freiwillig, aber voller Leidenschaft, wie er erzählt: "Bei meinem Aussehen bleibt einem nichts anderes übrig, als mit der eigenen Frau über Fußball zu sprechen." Wie genau man sich sein Äußeres vorzustellen hat, haben einmal die Fans von Aston Villa in einem extra für ihn geschriebenen Lied besungen: "He’s got a face like a ballbag." Man könnte es frei übersetzen mit den Worten: ein Gesicht wie ein Hodensack.

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Ob diese Beschreibung passt, sei einmal dahingestellt. Seinen Spielern war das Aussehen ihres Trainers aber ohnehin immer komplett egal. Sie lieben ihn, weil er so handfest und zuverlässig ist. Man kann ihm vertrauen. In allen noch so seltsamen Lebenslagen. Das hat auch Paul Merson bereits erfahren dürfen. Eines Tages bat er Redknapp, bei einem Spiel auf 30.000 Pfund aufzupassen. Der Ire hatte an diesem Tag noch Schulden zu begleichen und wollte sichergehen, dass die Kohle auch nach der Partie noch verfügbar war. Sein Trainer stutzte erst, band sich die Scheine dann aber in einem dicken Bündel um die Waden.

Dass das nicht gutgehen konnte, hätte jeder ahnen können, der Redknapp schon einmal bei einem Spiel beobachtet hat. Kaum war die Begegnung im Gange, sprang der Coach an der Seitenlinie wild herum und die ersten Scheine flutschten unten aus der Hose. Unbemerkt vom Publikum bückte sich Redknapp, hob die Kohle auf und schob sich das Geld verstohlen in die Taschen seiner Hose. Er hat Merson aber nie gefragt, wofür genau und vor allem für wen der die Scheine an diesem Tag benötigte.

"Weil er Tore schießt!"

Auch sonst erlebt Harry Redknapp immer wieder sehr amüsante Geschichten. So machte er sich eines Tages auf den langen Weg nach Asien, weil er unbedingt einen Spieler beobachten wollte. Doch die Reise war leider etwas zu anstrengend und die Ruhepausen zu kurz gewesen. Kaum war die Partie angepfiffen, sackte Redknapp in seinem Stuhl zusammen und schlief seelenruhig ein. Wieder zu Hause angekommen, hat er lange Zeit den wahren Grund verschwiegen, warum er den asiatischen Spieler nun auf einmal doch nicht mehr so spannend fand.

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Sieh' an: Redknapp 1969 für West Ham am Ball.

(Foto: imago sportfotodienst)

Viele Jahre zuvor hatte der in London geborene Redknapp einen Transfer noch mit großem Eifer und Engagement gegen die Widerstände im eigenen Verein durchgezogen. Er wollte unbedingt den in die Jahre gekommenen Luther Blissett für seinen Klub Bournemouth verpflichten, doch der Präsident war von dieser Idee alles andere als begeistert. Er meinte, Blissett habe seine beste Zeit bereits hinter sich, und fragte Redknapp, warum man denn ausgerechnet ihn holen solle? Der Trainer antwortete kurz und knapp: "Weil er Tore schießt!" Und das tat er tatsächlich. Gleich in seinem ersten Spiel traf Blissett viermal. Bournemouths Präsident war ganz aus dem Häuschen und meinte nun, ganz im Gegensatz zu seiner ersten Einschätzung vor dem Transfer: "Harry, ich glaube, wir haben heute noch nicht das Beste von ihm gesehen!" Der Trainer hatte keine guten Neuigkeiten für den Vereinsvorsitzenden. Sachlich-nüchtern konstatierte Redknapp: "Ich denke, leider doch!"

Auf Redknapps Worte kann man sich also verlassen. Wie damals am 15. Dezember 2008. Denn bereits anderthalb Jahre später löste Redknapp sein Versprechen ein. 2010 qualifizierten sich die Tottenham Hotspurs für die Champions League. Es war übrigens das erste Mal in der Geschichte des Vereins überhaupt. Im Moment denkt Harry Redknapp darüber nach, noch einmal als Trainer zu arbeiten. Man sollte das wohl ernst nehmen.

Quelle: n-tv.de

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